Kilian Jornet, eine der prägendsten Figuren des Trailrunnings, hat im Januar 2026 im Artikel „Trail Running 2026, where are we, where are we going“ seine persönliche Analyse zur Gegenwart und Zukunft des Sports veröffentlicht. Darin formuliert er zehn zentrale Thesen, die den Zustand der Trailrunning Community, ihre Chancen und ihre Risiken beleuchten.
Olympische Spiele: Traum oder Risiko für Trailrunning?
Jornet sieht die Aufnahme von Trailrunning in die Olympischen Spiele ambivalent. Zwar könnte der Sport davon profitieren, dass neue Nationen – etwa aus Afrika oder Asien – Strukturen aufbauen und Athleten fördern. Gleichzeitig warnt er davor, dass eine olympische Disziplin zwangsläufig stark standardisiert würde.
Statt vielfältiger Formate droht ein einziges, zuschauerfreundliches Rennen auf Rundkursen. Technische Trails, lange Anstiege und Wildnis würden zugunsten von TV-Tauglichkeit verloren gehen. Für Jornet ist klar: Trailrunning braucht die Olympischen Spiele nicht – es ist stark genug, parallel zu existieren.
Elite-Finanzen: Preisgeld oder Sponsoren?
Trailrunning ist heute besser finanziert als noch vor 20 Jahren, doch nur rund hundert Athleten können weltweit wirklich davon leben. Der Hauptunterschied zu klassischen Olympiasportarten: Sponsoring ist wichtiger als Preisgeld.
Hohe Preisgelder allein ziehen keine Topathleten an. Entscheidend sind Renommee, Storytelling und Sponsorensichtbarkeit. Legendäre Rennen wie UTMB, Zegama oder Western States bleiben attraktiver als lukrative, aber bedeutungslose Events.
Sterben die technischen Rennen aus?
Extrem technische Rennen, wie sie früher selbstverständlich waren, verschwinden zunehmend. Der Grund ist nicht fehlende Genehmigung, sondern Sicherheits- und Haftungsfragen.
Mit der Demokratisierung des Sports kommen immer mehr Läufer ohne alpinen Hintergrund. Technische Anforderungen lassen sich kaum objektiv bewerten, da gängige Indexsysteme nur Distanz und Höhenmeter berücksichtigen – nicht aber ausgesetztes Gelände oder Kletterpassagen. Jornet fordert deshalb ein drittes Bewertungskriterium: Technischer Anspruch.
Doping: Die größte strukturelle Baustelle
Doping ist auch im Trailrunning angekommen. Zwar gibt es Wettkampfkontrollen, doch flächendeckende Off-Competition-Tests fehlen bislang.
Die Zersplitterung des Sports zwischen World Athletics, Skyrunning, privaten Serien und unabhängigen Rennen erschwert ein einheitliches Anti-Doping-System. Jornet sieht jedoch Bewegung: Große Akteure arbeiten inzwischen gemeinsam an Lösungen, inklusive ADAMS-System und biologischem Pass.
Die „Triathlonisierung“ des Trailrunnings
Trailrunning wird teurer – und exklusiver. Startgebühren von mehreren hundert Euro, Pflichtausrüstung und Reiselogistik machen den Sport für junge und weniger wohlhabende Läufer zunehmend unzugänglich.
Während der Elitesport internationaler wird, bleibt das Teilnehmerfeld im Amateurbereich sozial relativ homogen. Kleine, lokale Rennen verschwinden – verdrängt von globalen Serien mit Erlebnischarakter.
Frauen im Trailrunning: Erfolgsgeschichte mit Lücken
Der Frauenanteil im Trailrunning ist stark gestiegen – von rund 13 % in den 1990ern auf fast 46 % heute. Dennoch bleibt eine deutliche Lücke bei längeren Distanzen wie 100 Meilen.
Jornet sieht die Ursachen weniger in der Physis, sondern in Kultur, Marketing, Sicherheitsgefühl und fehlenden Vorbildern. Regionen wie Skandinavien und Nordamerika zeigen, dass gezielte Community-Formate und niedrigere Einstiegshürden wirken.
Zurück zu lokalen Communities
Parallel zur Globalisierung erlebt Trailrunning eine Renaissance lokaler Gemeinschaften. Lokale Challenges, Trainingsgruppen, kleine Rennen und FKT-Projekte schaffen Identifikation jenseits globaler Serien.
In einer Zeit von Informationsüberflutung und KI-Content wird das, was man selbst erlebt und überprüft, wieder wichtiger. Vertrauen entsteht lokal – nicht über internationale Ranglisten.
Trailrunning wird zum Teamsport
Gesponserte Athleten agieren zunehmend wie Profiteams im Radsport. Betreuung, Materialentwicklung und Leistungsdruck steigen – ebenso aber auch die Abhängigkeit vom Sponsor.
Rennkalender werden stärker von Marken bestimmt, Abenteuer und freie Projekte seltener. Verträge sind lukrativer, aber auch kurzlebiger.
Der Athlet als eigenes Medienhaus
Athleten produzieren heute ihre Inhalte selbst: Blogs, Podcasts, YouTube, Substack. Lange Formate erleben ein Comeback.
Damit verändert sich auch das Sponsoring. Marken unterstützen zunehmend Kanäle statt einzelne Posts. Trailrunner werden zu eigenständigen Medienmarken – mit kreativer Freiheit, aber auch mehr Verantwortung.
Blick nach China: Der neue Wachstumsmotor
China entwickelt sich zum wirtschaftlichen Zentrum des Trailrunnings. Millionen aktive Läufer, große Teilnehmerfelder und hohe Preisgelder machen die Region für Serien und Marken extrem attraktiv.
Europa bleibt strukturell stark, die USA medial dominant – doch Asien, insbesondere China, wird die Zukunft des Marktes maßgeblich prägen.
Trainingstrends: Hightech vs. Basics
Von Heat Training über Laktatsensoren bis KI-Analyse: Trends kommen und gehen. Jornet warnt vor der Illusion schneller Lösungen.
Sein Fazit ist klar: 99 % der Leistung kommen aus einfachem, individuellem Training, guter Ernährung, wenig Stress und echter Verbindung zu Natur und Menschen.
Fazit
Kilian Jornet zeichnet kein nostalgisches, sondern ein realistisches Bild. Trailrunning wächst, professionalisiert sich und verliert dabei stellenweise seine Wurzeln. Die Zukunft des Sports hängt davon ab, ob es gelingt, Globalisierung und Lokalität, Elite und Breite, Technik und Zugänglichkeit in Balance zu halten.
Wer es ganz genau wissen möchte und die nötige Zeit mitbringt sollte den Originalartikel unbedingt lesen – er ist unbequem, ehrlich und genau deshalb so wertvoll.
Zum Original:
https://mtnath.com/stateoftrail2026/