Ein Ehepaar, zwei Nationen und eine gemeinsame Leidenschaft: Sophie Crommelinck und Pierre-Emmanuel Alexandre stehen bei den anstehenden Offroad-Europameisterschaften im Trailrunning im slowenischen Kamnik gemeinsam an der Startlinie – allerdings für unterschiedliche Länder. Sophie startet für Belgien, Pierre für Deutschland. Neben Leistungssport auf internationalem Niveau organisieren die beiden auch Familienalltag, Beruf, Haushalt und Reisen mit beeindruckender Konsequenz und Klarheit. Wie das funktioniert und warum sie bewusst auf Auto, Fernseher und viele vermeintliche Selbstverständlichkeiten verzichten, erzählen sie im Gespräch.
„Er hat mir gezeigt, wie man mit dem Herzen läuft“
Liebe Sophie, lieber Pierre, ihr seid nun schon seit einigen Jahren im Trailrunning unterwegs. Wie seid ihr zum Traillaufen gekommen?
Sophie:
Durch Pierre. Ich komme ursprünglich vom Straßenlauf und bin so ziemlich alle Distanzen von 10 Kilometern bis zum Marathon gelaufen – mit einem Training, das mental oft sehr anstrengend war. Pierre erzählte immer voller Freude von seinen Trailläufen, und irgendwann wollte ich das selbst ausprobieren. Er hat mir gezeigt, wie man mit dem Herzen läuft.
Pierre:
Ich wollte schon immer wissen, was hinter dem nächsten Gipfel liegt, hinter der nächsten Kuppe. Immer wenn ich in den Bergen bin, verspüre ich diesen Drang, früh aufzustehen, um den ganzen Tag Zeit zu haben, die Umgebung zu erkunden. Das macht mich glücklich.
Familienalltag zwischen Kita, Training und Wettkampf
Ihr habt euch beide für die Offroad-Europameisterschaften in Kamnik qualifiziert. Sophie, du startest für Belgien, Pierre für Deutschland. Ihr habt zwei Kinder, arbeitet beide und trainiert auf hohem Niveau. Wie sieht eine typische Woche bei euch aus?
Sophie:
Wir teilen alles genau auf – 50/50. Jeden Sonntag erstellen wir unseren Wochenplan, in dem alle Aufgaben klar verteilt sind. Wir arbeiten beide zu 80 Prozent. Jede Woche wechseln wir uns ab: Wer bringt die Kinder in die Kita, wer holt sie ab, wer kümmert sich ums Abendessen oder um den Haushalt? Jeder kann alles, und wir können uns komplett aufeinander verlassen. Durch diese Struktur weiß auch jeder genau, wann Trainingszeit ist – mal am Vormittag, mal am Abend. Wir versuchen, unsere Zeit möglichst effizient zu nutzen und trainieren vor allem direkt vor der Haustür.
Wie lassen sich intensives Training und Reisen zu Wettkämpfen mit eurem Alltag vereinbaren?
Pierre:
Das ist manchmal gar nicht so einfach. Da unsere Familien nicht in der Nähe wohnen, müssen wir uns auch hier gut organisieren. Letztes Jahr beim ZUT zum Beispiel bin ich am Freitagnachmittag mit dem Zug nach Garmisch gefahren und direkt gestartet. Sophie war abends noch bei den Kindern und ist am nächsten Tag für ihr Rennen nachgereist. Ich bin direkt nach der Siegerehrung wieder zurückgefahren.
Kein Auto, kein Fernseher – bewusst minimalistischer Alltag
Ihr habt kein Auto?
Pierre:
Nein – kein Auto, keinen Fernseher, keinen Wecker und auch keine Kaffeemaschine. (beide lachen) 2023 bin ich den CCC by UTMB in Chamonix gelaufen. Dort sind wir als Familie gemeinsam mit dem Fahrrad angereist, die beiden Jungs im Thule-Anhänger. Das geht inzwischen allerdings nicht mehr ganz so gut – sie werden langsam zu schwer.
Jetzt muss ich noch einmal nachfragen: Ihr habt weder Auto noch Fernseher, keinen Wecker und keine Kaffeemaschine?
Sophie:
Ja. Minimalismus und Nachhaltigkeit sind uns beiden sehr wichtig. Gleichzeitig würde ein Auto für uns auch mehr Organisation und damit mehr Arbeit bedeuten. Hier vor Ort in Dossenheim erledigen wir alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Und lange Zugfahrten empfinden wir als Familie deutlich entspannter als lange Autofahrten.
Struktur und Flexibilität im Training
Ihr habt viel von Struktur und Routinen gesprochen. Wie sieht eure Trainingsstruktur aus?
Pierre:
Mein Training ist mittlerweile viel strukturierter als früher. Das hilft mir enorm, und ich konnte mich dadurch noch einmal verbessern. Trotzdem ist es mir wichtig, Freude an dem zu haben, was ich mache. Das Laufen soll uns mehr geben, als es uns nimmt.
Sophie:
Im Vergleich zu Pierre mache ich deutlich mehr alternatives Training. Im Winter trainiere ich zum Beispiel viel auf der Rolle oder mache Aquajogging. Mittlerweile bin ich, glaube ich, sogar flexibler als Pierre mit meinen Einheiten – ich verschiebe auch mal ein Training oder pausiere lieber zwei Tage, bevor ich mich überlaste und dann eine Woche oder länger ausfalle.
„Ich laufe freier“
Wie geht ihr mit Erwartungen und Leistungsdruck im Hinblick auf die EM um?
Pierre:
Ich habe viel an meinem Mindset gearbeitet. Wenn ich laufe, gebe ich immer 100 Prozent und lege alles in diesen Lauf. Ich möchte meine Grenzen ausloten. Früher habe ich mich viel stärker mit anderen verglichen. Wenn man mich nach meinen Zielen gefragt hat, habe ich gesagt: „Ich möchte gewinnen.“ Heute möchte ich natürlich auch gewinnen, aber ich laufe vor allem, um selbst besser zu werden. Ich schaue weniger auf andere und bleibe mehr bei mir. Das hat viel Druck rausgenommen – ich laufe freier.
Sophie:
Durch meine beiden Schwangerschaften und meine drei Bänderrisse weiß ich, was es bedeutet, über längere Zeit nicht laufen zu können. Gleichzeitig weiß ich aber auch, was mein Körper leisten kann. Daraus schöpfe ich viel Kraft – genauso wie aus den Glücksmomenten mit meiner Familie. Ich glaube, ich habe eine gute Mischung aus Ehrgeiz und Dankbarkeit. Ich freue mich auf die EM, möchte Spaß haben und einfach schauen, was möglich ist. Es ist ein Privileg, mit so vielen starken Athletinnen und Athleten an der Startlinie stehen zu dürfen.
Unterschiedliche Rennstrategien
Habt ihr unterschiedliche Strategien bei Wettkämpfen?
Sophie:
Absolut. Ich gehe ruhiger in ein Rennen und achte darauf, nicht zu schnell zu starten, weil ich weiß, dass man sich auch im letzten Drittel noch komplett verausgaben kann. Während des Laufens denke ich auch mehr als Pierre – zum Beispiel an die Familie, an die Kinder oder daran, was ich nach dem Rennen machen werde. Wenn ich Pierre frage, ob er während des Laufs auch mal an uns denkt, sagt er immer nur: „Nö, ich denke ans Pushen.“ (beide lachen)
Pierre:
Ja, das stimmt. Wenn ich pushe, fühle ich mich lebendig.
Visionen, Motivation und langfristige Ziele
Was steht noch auf eurem Vision Board?
Sophie:
I run to discover the world around me and the universe inside of me.
Pierre:
Dranbleiben. Kontinuität statt sporadischem Training. Ich trainiere jetzt schon viele Jahre und verbessere mich stetig – das möchte ich auch weiterhin.
Was motiviert euch, langfristig dranzubleiben?
Pierre:
Dass ich langfristig fit und gesund bleibe – und dass ich, wenn meine Kinder in 15 Jahren auf die Zugspitze möchten, gemeinsam mit ihnen hinauflaufen kann.
Gibt es etwas, das ihr vermisst? Würdet ihr etwas anders machen?
Sophie:
Nein, eigentlich vermissen wir nichts. Vielleicht manchmal ein wenig Spontanität. Wir planen inzwischen schon ziemlich früh, welche Wettkämpfe wir im kommenden Jahr laufen möchten.
Das Interview führte unsere xc-run.de Teamathletin, Nana Buhl. Freundin und Trainingspartnerin von Sophie.