Die Transgrancanaria am 6. März 2026 als erster Härtetest des Jahres
Während sich hierzulande noch Raureif über die Waldwege legt und lange Läufe nicht selten zur Rutschpartie werden, beginnt für viele Trailrunner längst die Wettkampfsaison. Wer Anfang März ein großes Rennen bestreitet, sammelt seine Trainingskilometer mitten im Winter – bei Eis, Schnee und Dunkelheit. Und tauscht nicht selten binnen weniger Stunden den deutschen Frost gegen frühlingshafte oder gar sommerliche Bedingungen.
Kaum ein Rennen steht so sehr für diesen Kontrast wie die Transgrancanaria. Das traditionsreiche Event auf Gran Canaria gilt als einer der prestigeträchtigsten Saisonauftakte im internationalen Kalender – ein früher Formtest mit Signalwirkung.
Wir haben mit dem deutschen Trailrunner Patrick Ehrenthaler über Wintertraining, Hitzeanpassung und die besondere Strahlkraft dieses Rennens gesprochen.
„Das Rennen hat einen gewaltigen Namen“
Die Bedeutung der Transgrancanaria in der Szene ist für Ehrenthaler unbestritten:
„Nun ja, es ist sozusagen das erste große Rennen in der europäischen Szene. Ich denke, viele wollen früh abchecken, wo sie stehen, oder haben sich dieses Rennen als Saisonhighlight eingeplant. Aber was man sicher sagen kann: Das Rennen hat einen gewaltigen Namen in der Szene.“
Gerade für Eliteathleten ist der 6. März mehr als nur ein Datum im Kalender. Es ist die erste Standortbestimmung nach Monaten strukturierter Winterarbeit – mit internationaler Konkurrenz und hoher medialer Aufmerksamkeit.
Ein Startplatz ist kein Selbstläufer
Selbst für Profiläufer ist die Anmeldung kein Selbstläufer. Ehrenthaler plante ursprünglich einen Start über die 130-Kilometer-Distanz, wird nun jedoch über 80 Kilometer antreten.
„Für die 80 km konnte ich mich dank meines ITRA-Scores relativ problemlos anmelden. Im Nachgang wollte ich aber auf die 130 km Distanz wechseln, was sich als äußerst kompliziert und aufwendig herausstellte. Nach einigen Wochen Hin und Her hatte ich irgendwann die Geduld verloren und gesagt: Okay, dann bleibe ich eben bei den 80 km – war sowieso der ursprüngliche Plan und aufgrund der wenigen Laufkilometer, die ich outdoor sammeln konnte, vielleicht auch ganz passend.“
Ein früher Saisonstart verlangt eben auch eine realistische Einschätzung der eigenen Vorbereitung.
Vom Frost in die Hitze: Gezielte Anpassung
Der Sprung vom mitteleuropäischen Winter in den kanarischen Frühling ist physiologisch nicht zu unterschätzen. Ehrenthaler setzt deshalb auf systematische Hitzeanpassung.
„Ich mache seit einiger Zeit speziell für solche Vorbereitungen Heat-Training, mit sehr detaillierten Protokollen und genauen Analysen. Das hatte damals für Kapstadt gut funktioniert, und ich denke, es funktioniert auch jetzt wieder ganz gut. Aber gewisse Maßnahmen sollte man im Vorfeld schon ergreifen.“
Kontrollierte Hitzereize – etwa durch overdressed Läufe oder spezifische Indoor-Protokolle – sollen den Körper auf höhere Temperaturen vorbereiten, bevor es auf die Insel geht.
Kilometer sammeln bei Eis und Schnee
Doch wie trainiert man für ein technisch anspruchsvolles Trailrennen, wenn die heimischen Wege vereist sind?
Ehrenthaler antwortet mit einem Lächeln:
„Wenig – also wirklich wenig.“
Ein Laufband besitzt er zwar seit vergangenem Jahr:
„Damit kann man sicher gute Uphills trainieren. Aber gerade bei langen Trails sind die Downhills und die Muskelermüdung der limitierende Faktor. Klar kann man spezifisches Krafttraining machen, um die Muskulatur bei Laune zu halten, aber am Ende des Tages ist es wohl wichtig, so oft es geht draußen laufen zu gehen – gerne auch auf der Straße – und dort einige Kilometer beziehungsweise Höhenmeter zu sammeln.“
Der Winter bietet zugleich Chancen:
„Gerade bei uns ist es sehr verführerisch, im Winter an der Grundlage zu arbeiten. Langlaufen, Skitouren – das sind alles wunderbare Mittel, um eine gute Basis zu legen, um dann im Frühjahr in den spezifischen Bereich überzugehen und die PS sozusagen auf die Straße zu bringen. Wenn man Anfang März schon ein Rennen hat, gehen die Uhren etwas anders.“
Seine Saisonhöhepunkte sieht Ehrenthaler ohnehin erst ab der Jahresmitte.
Wintertraining: schlicht, ehrlich, effektiv
Sein Trainingswinter klingt unspektakulär – und genau darin liegt vielleicht die Stärke.
„Am Wochenende auch mal fünf Stunden Skimo-Einheiten mit vielen Höhenmetern, Laufband- und Rollenintervalle und spezifisches Krafttraining. Oder auch mal zwei bis drei Stunden Hiken auf dem Laufband – 25 Prozent Steigung, auf die Stöcke Gumminippel drauf und ab geht’s. Also nichts Besonderes – sehr schlicht, einfach und ehrlich.“
Ein pragmatischer Ansatz, der Ausdauer, Kraft und mentale Widerstandsfähigkeit gleichermaßen schult.
Unbekanntes Terrain, bekannte Gesetzmäßigkeiten
Die Strecke auf Gran Canaria ist für Ehrenthaler Neuland.
„Ich war noch nie auf der Insel, ich lasse mich also komplett überraschen. Aber jeder Ultra bringt seine eigenen Herausforderungen. Man kann eigentlich nie alles perfekt vorbereiten. Ich glaube, ein Talent von richtig starken Ultraläufern ist es, mit Problemen, wenn sie auftauchen, richtig umzugehen und das Beste aus der aktuellen Situation zu machen.“
Gerade diese Fähigkeit, flexibel zu reagieren, trennt bei langen Rennen oft die Spreu vom Weizen.
Ausrüstung: Minimalismus mit Plan
In Sachen Material bleibt der Deutsche seiner Linie treu.
„Wahrscheinlich werde ich ein Tuch beim Rennen tragen, in das ich an den Verpflegungspunkten Eis – wenn vorhanden – stopfe. Ansonsten vielleicht meinem Supporter Wechselsocken geben, wenn es zu sandig wird. Aber sonst nichts Besonderes oder anders als sonst.“
Kleine Anpassungen mit großer Wirkung – mehr braucht es nicht.
Blick auf die Königsdistanz
Auch wenn Ehrenthaler selbst über 80 Kilometer startet, gilt sein Interesse natürlich dem Geschehen auf der 130-Kilometer-Königsdistanz. Dort sieht er drei große Namen vorne:
„Ich hoffe natürlich, dass Hannes (Namberger) das Ding holen wird. Nach seinem Mega-Rennen auf Mallorca hat er mal wieder beeindruckend gezeigt, was er im Tank hat. Natürlich ist die Konkurrenz gewaltig. Tom Evans und Jonathan Albon sind wohl auf jeder Starterliste absolute Topfavoriten, wobei ich persönlich Albon noch stärker als Evans einschätze – für mich ein absolut beeindruckender Athlet.“
Gemeint sind unter anderem Tom Evans und Jonathan Albon – zwei der konstantesten Athleten der internationalen Szene. Doch wie immer gilt im Ultra: Ein Underdog kann durchaus für eine Überraschung sorgen.
Mehr als nur ein Rennen
Frühe Saisonrennen wie die Transgrancanaria sind weit mehr als ein Wettkampf. Sie sind Prüfstein und Gradmesser, ein Balanceakt zwischen Kälteanpassung und Hitzeresistenz, zwischen Grundlagenwinter und Rennhärte.
Für Patrick Ehrenthaler ist der 6. März 2026 ein erster Härtetest – physisch wie mental. Für die internationale Trailrunning-Szene ist es Jahr für Jahr ein Spektakel, das die Richtung der Saison vorgibt.
Wenn auf Gran Canaria in der Morgendämmerung die Stirnlampen verlöschen und das Feld in Richtung Berge zieht, ist eines sicher: Der Winter ist endgültig vorbei – zumindest für jene, die sich der Herausforderung Transgrancanaria stellen.