„Trailrunning erfordert Hingabe“: Kimi Schreiber zwischen Buchrelease und Chianti Trail - xc-run.de Trailrunning

„Trailrunning erfordert Hingabe“: Kimi Schreiber zwischen Buchrelease und Chianti Trail

Kimi Schreiber zählt zu den prägendsten Stimmen des deutschen Trailrunnings – nicht nur als Athletin, sondern auch als Autorin. Die Münchnerin läuft seit Jahren für das internationale adidas Trailrunning Team, feierte Siege bei Rennen wie dem Ultratrail Cape Town, den Davos X Trails oder dem Koasamarsch und gehört zu den konstantesten deutschen Läuferinnen auf internationalen Trails. Parallel dazu hat sie sich als freie Texterin und Podcasterin eine zweite Karriere aufgebaut. Gemeinsam mit Ida-Sophie Hegemann hostet sie den Podcast Höhenmeter pro Kilometer und gibt dort Einblicke in den Alltag zwischen Training, Wettkampf und Bergleben.
Mit ihrem neuen Buch Off Track verbindet Kim Schreiber nun beide Welten: das Laufen und das Erzählen von Geschichten aus der internationalen Trailrunning-Szene. Im Interview spricht sie über das Schreiben, ihr Wintertraining, das Leben als Profisportlerin – und den bevorstehenden Chianti Trail.

Trailrunnerin im Interview: Kim Schreiber

Kim Schreiber © Toni Tillmann

Kimi, du bist seit vielen Jahren Teil der internationalen Trailrunning-Szene – als Athletin, Podcasterin und jetzt auch als Buchautorin. Wenn du heute auf deinen Weg schaust: Gibt es Momente, in denen du selbst denkst: „Wie bin ich eigentlich hier gelandet?“

Eine gute Frage! Erst vergangene Woche hatte ich einen solchen Moment, also ja, es gibt sie. Ich war im Teamcamp mit dem adidas Team und beim Longrun rannte ich inmitten meiner Teamkolleginnen und Teamkollegen aus aller Welt und dachte: „Das ist einfach mein Job! Ich darf mit all diesen spannenden Persönlichkeiten seit Jahren auf Trails laufen, neue Orte kennenlernen und meine Grenzen ausloten.“ Ich fühlte in diesem Moment so viel Dankbarkeit und irgendwie auch Ungläubigkeit. Ebendieses „wie bin ich hier eigentlich gelandet“, das du angesprochen hast. Gleiches passierte mir, als ich mein Buch vergangene Woche das erste Mal in den Händen hielt oder jedes Mal, wenn wir eine neue Podcast Folge aufnehmen. All diese Dinge, die ich mir nie hätte ausmalen können und die nun fester Bestandteil meines Lebens sind. Gleichzeitig weiß ich, wie viel Arbeit ich über die Jahre investiert habe. Das mindert die Ungläubigkeit dann auch wieder etwas.

Mit Off Track erscheint jetzt dein neues Buch über die Faszination des Trailrunnings. Wie ist die Idee entstanden, diese Welt zwischen Wettkampf, Naturerlebnis und Community in einem Buch festzuhalten?

Off Track - Kim Schreiber

Ehrlich gesagt kam die Idee von dem Verlag selbst. Im März 2025 landete eine E-Mail von Callwey mit der Anfrage in meinem Postfach, ob ich Lust auf ein solches Buchformat hätte. Ein eigenes Buch zu schreiben war schon immer mein Traum und dementsprechend fiel mir die Antwort recht leicht. Ein Buch zu schreiben ist nicht einfach, besonders wenn man das noch nie zuvor gemacht hat. Daher kam mir die bereits bestehende Struktur sehr entgegen. Den Sport Trailrunning aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und einen Rundumblick zu bieten klang für mich nach einer guten Idee und so nahm das alles seinen Lauf.

In Off Track geht es nicht nur um spektakuläre Trails und legendäre Rennen, sondern auch um Mindset, Training und Ausrüstung. Was war dir beim Konzept besonders wichtig?

Mir war im Schreibprozess vor allem wichtig, ich selbst sein zu dürfen. Die Kimi mit ihrer Meinung, ihrer Sicht auf die Dinge, ihrer Skepsis hier und da und ihr Gefühl beim Laufen. Ich wollte ein authentisches Buch schreiben und keinen rein blumigen Eindruck hinterlassen. Dementsprechend wichtig war mir ein ehrlicher und offener Austausch mit dem Verlag, um beide Seiten zufriedenzustimmen. Es war ein schönes Miteinander: von Callwey kam die Expertise in Sachen Konzept, Struktur und Vermarktung. Ich wiederum brachte die Insights als aktive Athletin mit, die nötigen Kontakte und ein Verständnis für die Community und den Sport selbst.

Du porträtierst im Buch auch Persönlichkeiten der internationalen Trailrunning-Community. Gab es Begegnungen oder Geschichten, die dich beim Schreiben besonders inspiriert oder überrascht haben?

Nein, ich glaube nicht. Jedes Gespräch und alle Charaktere haben mich gleichermaßen inspiriert und ich bin stolz, dass mir ein solches Vertrauen entgegengebracht wurde. Ich denke, mich hat vor allem begeistert, wie viel Neues ich über einen Sport erfahren durfte, von dem ich eigentlich annahm, das meiste bereits zu wissen. Es gab einige Aha-Momente im Schreiben und ja, auch das komplizierte Qualifikationsverfahren rund um den UTMB konnte ich endlich entschlüsseln. Wer hätte das gedacht?

Viele Menschen entdecken gerade erst die Welt des Trailrunnings. Was würdest du dir wünschen, was Leserinnen und Leser nach der Lektüre deines Buches fühlen – oder vielleicht sogar tun?

Ich würde mir wünschen, dass man neugierig aus der Lektüre rausgeht. Neugierig auf den Sport, auf dessen Besonderheiten, auf das warum hinter all der Emotionalität bei den Rennen, aber auch neugierig auf die eigene Leistungsfähigkeit und die eigenen Sehnsüchte beim Laufen in der freien Natur. Ich hoffe aber auch, dass das Buch nicht nur auf die schönen Seiten des Trailrunning aufmerksam macht, sondern auch mitgibt, dass wir die Natur und die Berge trotz all der Freude an der Bewegung respektieren müssen und dass Trailrunning ein wenig mehr erfordert als neuestes Equipment und ein paar Laufkilometer pro Woche. Trailrunning erfordert Hingabe und das geht hoffentlich aus der ein oder anderen Seite hervor.

Du verbindest Leistungssport mit Schreiben und Podcast – zwei sehr unterschiedliche Welten. Wie ergänzen sich diese Rollen für dich im Alltag?

Im Grunde sind das drei Welten und damit drei Rollen. Die des Podcasts meint alles, was mit dem Laufen verbunden ist und doch darüber hinausgeht. Podcast, Social Media, Sponsoring, Reichweite, Shootings, Marketing – es ist die Rolle der Kimi als Marke.
Das Schreiben ist meine zweite Leidenschaft, mein zweites Standbein, meine kreative Welt. Mein ursprünglicher Plan war immer eine Laufbahn als Schreiberin. Journalismus, Werbung, Autorin – das stand noch nicht fest, aber ich wusste, dass ich das kann und dass mich das erfüllt. Das ist die Rolle, die ich mir für mich selbst ausgesucht habe.
Der Leistungssport hat mich geformt und mich zu der gemacht, die ich heute bin. Leistungssport braucht Disziplin, Verzicht, Hingabe, Einsatz, Egoismus und Respekt. Es ist eine harte Schule und lehrt so vieles. In dieser Rolle bin ich die härteste Version meiner selbst, aber auch die, welche die beiden anderen Rollen erst möglich gemacht hat.

Diese drei Rollen prägen meinen Alltag in unterschiedlicher Weise. Ein für mich perfektes Zusammenspiel.

Gerade im Winter legen viele Trailrunner die Grundlage für die Saison. Wie sieht dein Wintertraining normalerweise aus? Wo verbringst du deine Wintermonate?

Kim Schreiber auf den Isartrails © Toni Tillmann

Mein Winter ist sehr unspektakulär und genau das mag ich daran. Ich bin zuhause in München, habe meine Trainingsroutine aus Laufen, Gym und hier und da Langlaufen und genieße es, meinen Koffer eine Weile nicht packen zu müssen. In München liegt meist nicht so viel Schnee, sodass ich problemlos draußen auf meinen geliebten Isartrails laufen- und Kilometer sammeln kann. Höhenmeter mache ich dabei hauptsächlich auf dem Laufband und verbringe viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden, was mir eine willkommene Auszeit von der Lauf-Bubble erlaubt.

Kaltes Wetter, kurze Tage, manchmal schwierige Bedingungen in den Bergen – was motiviert dich an solchen Tagen trotzdem rauszugehen?

Zum einen habe ich dank meines Wohnsitzes in München immer gute Laufbedingungen (ich betone sie noch einmal, die wunderbaren Isartrails). Zum anderen brauche ich keine Motivation, um Laufen zu gehen und damit meine ich nicht, dass mir jedes Training Spaß macht. Es ist einfach über die Jahre zur Gewohnheit geworden, mir jeden Tag zweimal die Laufschuhe zu schnüren und loszulaufen. Die Frage, ob ich Lust habe oder nicht, stellt sich nicht. Es wird einfach gemacht, weil es zum Job dazugehört. An besonders lustlosen Tagen packe ich mir Musik auf die Ohren oder auch ein Hörbuch und rede mir ein, dass ein jedes Training – und sei es noch so lang oder zäh – irgendwann vorbei ist. Das hilft.

Du bist seit vielen Jahren Teil eines internationalen Teams und reist zu Rennen auf der ganzen Welt. Wie sieht dein Alltag als professionelle Trailrunnerin wirklich aus – jenseits von Gipfelbildern und Rennfotos?

Es gibt meinen Alltag als Trailrunnerin. Da reise ich mit meinem Team zu Wettkämpfen oder Trainingslagern, trainiere, bin bei Shootings, nehme unseren Podcast auf, laufe bei Community Runs mit, werde zu Vorträgen eingeladen, poste auf Social-Media – alles dreht sich ums Laufen.

Es gibt aber auch meinen Alltag fernab von alledem, fernab von Bühnen und Kameras, fernab von Aufregung und Lärm. Dann bin ich einfach daheim, laufe zweimal am Tag, schreibe an meiner Kolumne oder arbeite an einem anderen Projekt, nehme unseren Podcast auf, lese in meiner Mittagspause, schaue abends Netflix und gehe früh ins Bett. Ein wunderbarer Mix aus aufregend und unaufregend.

Am kommenden Wochenende steht mit dem Chianti Trail (zum Vorbericht) das nächste große Rennen an. Wie fühlt sich die Phase kurz vor dem Wettkampf an?

Kim Schreiber © Toni Tillmann

Ja, die erste Rennwoche der Saison 2026 ist da und ich bin schon ziemlich aufgeregt. Vor allem aber freue ich mich darauf. Das erste Rennen ist immer eine kleine Wundertüte: man kommt aus dem Winter, die Form ist zwar da, aber noch ein bisschen unfertig, die letzte Startnummer ist eine Weile her, all das. Im Teamcamp letzte Woche habe ich einige Leistungstests gemacht und gehe zuversichtlich in das Rennen. Die Arbeit ist getan und jetzt hoffe ich auf einen guten Kopf am Renntag. Die mentale Komponente ist für mich meist die größere Herausforderung als die körperliche. Wir werden sehen.

Was macht dieses Rennen für dich besonders – sportlich oder auch landschaftlich?

Chianti by UTMB stand schon länger auf meiner Wunschliste. Zum einen ist es die Nähe. Ich werde mit dem Auto anreisen und mache einen Roadtrip draus. Eros Ramazzotti im Radio, Autogrill alle zwei Stunden, ganz gemütlich ab in die Toskana. Bei anderen (internationalen) Wettkämpfen hätte ich fliegen müssen, darauf hatte ich keine Lust. Zudem habe ich überwiegend flach trainiert und hoffe, dass mir die eher schnelle Strecke am Sonntag entgegenkommt. Ein nicht unwesentlicher Teil ist außerdem die UTMB-Finals-Quali für das Jahr 2027. Je früher dieses To-Do angehakt ist, desto besser. Mal schauen, ob meine Konkurrenz das am Sonntag zulässt.

Mit welchem Ziel gehst du an den Start?

Ich möchte aufs Podium und mich bestenfalls direkt für die UTMB-Finals 2027 qualifizieren. Das wäre ein schöner Start in die neue Saison. Vor allem aber möchte ich Spaß haben, mich nicht zu sehr in Vergleichen mit anderen verlieren und einfach mein eigenes Rennen laufen.

Zum Abschluss: Wenn du Trailrunning in einem Satz beschreiben müsstest – was bedeutet dieser Sport für dich persönlich?

(Trail)running war und ist über die Jahre zu meinem persönlichen Rückzugsort geworden. Beim Laufen durfte ich schon immer sein, wer ich wirklich bin. Ich identifiziere mich als Läuferin, weil es eine Herzensangelegenheit ist. Das bedeutet mir der Sport: mich über die Jahre selbst gefunden zu haben.

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