Trailrunning versteht sich gern als naturnaher, respektvoller Sport. Wer stunden- oder tagelang durch alpine Landschaften läuft, empfindet meist eine tiefe Verbundenheit zur Umwelt. Gleichzeitig ist der moderne Trailrunning-Zirkus längst global geworden: Qualifikationsrennen auf mehreren Kontinenten, internationale Sponsoren – und zehntausende Athletinnen und Athleten, die jedes Jahr per Flugzeug zum Saisonhöhepunkt anreisen.
Genau hier setzt eine neue Maßnahme der UTMB World Series an: Teilnehmende am UTMB Mont-Blanc müssen künftig verpflichtend einen CO₂-Beitrag („Umweltbonus“) leisten, abhängig von ihrer Anreise. Ziel ist es, die erheblichen Emissionen des Events transparenter zu machen und durch Klimaschutzprojekte zu kompensieren.
Die Entscheidung markiert einen Wendepunkt – nicht nur für den UTMB, sondern möglicherweise für den internationalen Ausdauersport insgesamt. Doch ist diese CO₂-Abgabe ein konsequenter Schritt in Richtung Nachhaltigkeit? Oder verlagert sie Verantwortung einseitig auf die Athletinnen und Athleten?
Warum der UTMB handeln will
Nach Angaben der UTMB-Organisation entstehen rund 80–90 % der Gesamtemissionen des Events durch die An- und Abreise der Teilnehmenden, insbesondere durch Flugreisen. Verpflegung, Infrastruktur oder Medaillen spielen dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle.
Als eines der größten Trailrunning-Events der Welt steht der UTMB unter wachsendem Druck:
-
durch lokale Behörden in der Mont-Blanc-Region
-
durch Umweltorganisationen
-
durch eine Community, die Naturschutz zunehmend ernst nimmt
Die CO₂-Abgabe ist Teil des Programms „UTMB for the Planet“, mit dem die Emissionen bis 2030 deutlich reduziert und nicht vermeidbare Emissionen kompensiert werden sollen.
So funktioniert der CO₂-Beitrag – mit Rechenbeispielen
Die genaue Höhe des Beitrags hängt von Entfernung und Verkehrsmittel ab. Grundlage sind gängige Emissionsfaktoren (vereinfachte Durchschnittswerte):
Beispiel 1: Anreise aus Deutschland (München – Chamonix)
-
Entfernung: ca. 550 km (einfach)
-
Verkehrsmittel: Auto (1 Person)
-
CO₂-Ausstoß: ca. 150 g CO₂ pro km
Rechnung:
550 km × 2 (Hin- und Rückfahrt) × 0,15 kg = 165 kg CO₂
Bei einem angenommenen Kompensationspreis von 30 € pro Tonne CO₂:
165 kg = 0,165 t → rund 5 € CO₂-Beitrag
➡️ Mitfahrgelegenheiten oder Bahnreise würden diesen Wert deutlich senken.
Beispiel 2: Anreise aus Spanien (Barcelona – Genf – Chamonix, Flug)
-
Flugdistanz: ca. 640 km (einfach)
-
Emission Flug: ca. 230 g CO₂ pro km
Rechnung:
640 km × 2 × 0,23 kg = 294 kg CO₂
→ ca. 9 € CO₂-Beitrag
Beispiel 3: Anreise aus den USA (New York – Genf)
-
Flugdistanz: ca. 6.200 km (einfach)
-
Emission Langstreckenflug: ca. 200 g CO₂ pro km
Rechnung:
6.200 km × 2 × 0,20 kg = 2.480 kg CO₂ (2,48 t)
→ ca. 75 € CO₂-Beitrag
➡️ Für internationale Elite- und Hobbyläufer ist das ein spürbarer Zusatzbetrag – zusätzlich zu Startgeld, Unterkunft und Ausrüstung.
Pro: Warum der CO₂-Beitrag sinnvoll sein kann
1. Ehrlicher Umgang mit der Klimabilanz
Der UTMB benennt erstmals klar den größten Emissionsfaktor: internationale Mobilität. Das ist unbequem, aber ehrlich – und deutlich glaubwürdiger als kleine Einsparungen bei Give-aways.
2. Bewusstseinswandel statt Verbot
Niemandem wird die Teilnahme untersagt. Stattdessen schafft der finanzielle Beitrag einen Anreiz zum Umdenken: Bahn statt Flug, Fahrgemeinschaft statt Einzelauto.
3. Vorbildwirkung für den Sport
Wenn ein Event dieser Größenordnung Verantwortung übernimmt, erhöht das den Druck auf andere Großveranstaltungen – auch außerhalb des Trailrunnings.
4. Finanzierung konkreter Umweltprojekte
Die Einnahmen sollen in zertifizierte Klimaschutz- und Naturschutzprojekte fließen, idealerweise auch regional im Alpenraum.
Contra: Wo die Maßnahme problematisch ist
1. Ungleichbehandlung internationaler Athleten
Wer aus Übersee anreist, hat kaum Alternativen zum Flug. Der CO₂-Beitrag trifft diese Gruppen härter – unabhängig von Einkommen oder sportlichem Status.
2. Gefahr der „Freikauf-Mentalität“
Kompensation ersetzt keine strukturelle Reduktion. Kritiker warnen davor, dass Emissionen moralisch „abgekauft“ werden, statt sie langfristig zu vermeiden.
3. Weitere Verteuerung eines ohnehin teuren Sports
Startplatz, Unterkunft, Ausrüstung, Reisen – Trailrunning auf Top-Niveau ist längst kein günstiges Hobby mehr. Zusätzliche Gebühren könnten die Zugänglichkeit weiter einschränken.
4. Verantwortung wird individualisiert
Die Hauptverursacher globaler Emissionen sind nicht Sportler, sondern Industrie, Politik und Verkehrssysteme. Die Frage bleibt: Tragen Athlet*innen hier zu viel Last?
Fazit: Richtiger Schritt – mit offenen Fragen
Die CO₂-Abgabe beim UTMB Mont-Blanc ist kein perfektes Instrument, aber ein mutiger Schritt. Sie zwingt die Szene, sich mit einer unbequemen Wahrheit auseinanderzusetzen: Ein globaler Natursport hinterlässt einen großen ökologischen Fußabdruck.
Ob diese Maßnahme als fair und wirksam wahrgenommen wird, hängt davon ab,
-
wie transparent die Verwendung der Gelder ist
-
wie stark nachhaltige Anreise belohnt wird
-
und ob der UTMB selbst weiter an strukturellen Lösungen arbeitet
Der UTMB läuft damit nicht nur durch die Berge – sondern mitten durch eine Debatte, die den Sport in den kommenden Jahren prägen wird.