Bettelmatt Ultratrail – eigentlich zu schön, um schnell zu rennen

BUT 2019 © Michael Fšrster

Basilia Förster vom GORE WEAR xc-run.de Trailrunning Team war am vergangenen Wochenende in ihrer alten Heimat Italien zu einem, bei uns, noch recht unbekannten Rennen – dem Bettelmatt Ultra Trail. Doch wer nächstes Jahr Zeit findet und Lust auf beeindruckenden Natur hat, der ist hier genau richtig! 

 

Vom Regen in den Sonnenschein

Der Wecker meines Smartphones klingelt. 4 Uhr. Regen prasselt auf das Autodach. Ich spüre, wie die Kälte versucht, von außen in meinen Schlafsack zu kriechen. Es hat merklich abgekühlt in den wenigen Stunden seit unserer Ankunft. Ich reibe mir die Augen. Nur langsam verstehe ich, warum ich statt in meinem warmen Bett daheim, hier im kalten Auto liege. Es war schon nach Mitternacht, als wir nach acht Stunden Fahrt endlich das Ende der das Val Formazza hinaufführenden Fahrstraße erreichten. Zum Ortsteil Riale di Sotto. Fünf Häuser, fünfzig Kühe. Nur die vielen Autos auf dem Parkplatz am Anfang der Hochebene auf 1.750 Metern Seehöhe kündigen etwas Außergewöhnliches an. Den Bettelmatt Ultratrail (BUT). Ein Event, von dem ich erst eine Woche zuvor erfahren hatte. Der Lavaredo steckte noch in meinen Beinen. Und ich plante lediglich längere Trainingsläufe. Zumindest bis ich die Fotos aus Formazza sah. Einer der schönsten Wasserfälle der Alpen, unzählige Seen, Schneefelder und eine endlose Abfolge aus Gipfeln und Tälern. 52 Kilometer mit 3.000 Höhenmetern. Das passte doch als langer Lauf. Dann könnte ich die Strecke auch mal genießen. Formazza liegt im nördlichen Teil des Piemonts und fügt sich zwischen die Schweizer Kantone Wallis und Tessin ein. Die deutsch klingenden Namen an den Häusern zeugen noch von der Besiedelung der aus Goms stammenden Walser im Mittelalter. Ich strecke mich. Michael bereitet schon meine Getränke vor. Ich packe meinen Rucksack. Die Startnummer erhalte ich im Gebäude nebenan. Dann geht es auch schon ins Startgelände. Ich fröstele. Daher beschließe ich, mit Jacke loszulaufen. Noch immer regnet es. Ich bin froh, dass wir uns im Zelt der Pasta Party unterstellen können. Und dass sich der für 6 Uhr geplante Start etwas verzögert. So etwas kommt in Italien schon mal vor. Heute bin ich froh. Denn mit dem Countdown hört der Regen auf und alles ist bereit für einen fantastischen Tag auf den Trails.


 

Trainingslauf? Eher nicht.

Nach einem kurzen Flachstück geht es auch schon in den ersten Anstieg hinein. Das liegt mir. Vergessen ist das Vorhaben eines längeren Trainingslaufs. Ich erhöhe das Tempo. Das mit der Jacke war keine gute Idee. Zu warm. Ich bleibe kurz stehen und verstaue die Jacke im Rucksack. Das kostet mich viele Plätze. Mühsam arbeite ich mich wieder nach vorne. Endlich ist die erste Frau in Sichtweite. Und kurze Zeit später liege ich auch schon in Führung. 600 Meter Höhengewinn zeigt meine Uhr an. Aufgrund des vielen Schnees auf der Originalroute laufen wir auf einem Rundkurs nun wieder zum Startort hinunter. Das Panorama überwältigt mich. Bereits an vier malerischen Bergseen sind wir auf dieser ersten Etappe vorbeigelaufen. Überall stürzen Wasserfälle an den Talseiten in die Tiefe. Der Himmel klart auf als wir zum ersten Downhill ansetzen. Aus den Lautsprechern am Startpunkt höre ich „Prima Donna“. Doch es ist noch zu früh zum Freuen. Denn meine Verfolgerinnen sind in Sichtweite. Nur wenige Minuten trennen uns auf den ersten drei Plätzen. Ein Schluck Cola und weiter geht’s. Am Rande der Staumauer hinauf zum Lago Morasco. Am Seeende bringt uns ein Single Trail auf eine weitere Hochebene, die Alpe Bettelmatt. Blumen und Kräuter funkeln und schimmern alle Farbfacetten bedienend inmitten des Grüns der Weidelandschaft. Der Toce, größter Wasserzubringer des Lago Maggiore plätschert hier lustvoll als kleiner Gebirgsbach vor sich hin. Hier entsteht der berühmte Bettelmatt Käse. Nur 3.000 Laibe werden jährlich hergestellt. Die vielen Bergkräuter, vor allem die seltene Edelraute verleihen ihm seinen einzigartigen Geschmack. „Oro bianco“ wird er genannt. Weißes Gold. Und tatsächlich soll der Käse im 18 Jahrhundert als Zahlungsmittel gegolten haben. Ich werde ihn später probieren. Im Moment müssen flüssige Carbs als Mahlzeit reichen. Wir verlassen das Tal und schrauben uns links haltend im Zickzack zum Rifugio Città di Busto nach oben. Erneut queren wir eine Hochfläche mit ersten Schneeresten. Die Tälerarchitektur erinnert mich an terrassenförmig angelegte Ferienanlagen, wie sie häufig an Steilküsten zu finden sind. Jede Abzweigung eine neue Terrasse, eine neue Überraschung. Auf dem Wegweiser steht „Rifugio 3a“. Im Bild der Strandanlage stände wahrscheinlich „Winterwonderland“. Bereits nach wenigen Metern des neuerlichen Anstiegs wechseln wir den Untergrund. 500 Höhenmeter stapfen wir nun ein zunehmend steiler werdendes Schneefeld hinauf. Knapp unterhalb der 3.000 Metermarke erreichen wir das Rifugio 3a. Tief unter uns spiegelt sich die Sonne im tiefblauen Lago del Sabbione, unserem nächsten Ziel. Doch erstmal geht es das Schneefeld wieder hinunter. Und das schneller als gedacht. „Hinsetzen“ ruft mir ein Helfer zu und schon befinde ich mich auf einer rasanten Rutschfahrt in einer steilen Schneerinne. Schon wieder muss ich an den Ferienclub denken. Ein Schneehaufen stoppt die Fahrt. Weiter geht’s laufend und gleitend den Aufstiegshang hinab. Ich fühle mich gut. Leider habe keine Ahnung, wie groß mein Vorsprung ist. Also muss ich Tempo machen. Wir queren das Tal über die Staumauer des Sabbione-Sees. Ein weiteres langes Schneefeld liegt vor uns. Tief unten sehe ich nun wieder den Lago Morasco. Der Weg führt steil hinab. Jeder Tritt muss sitzen. Endlich erreichen wir den See. Die Sonne steht hoch am Himmel. Trotz des starken Winds ist es nun angenehm warm. Ich fülle meine Flaschen beim Verpflegungsposten auf. Ein Cola, ein Gel. Ich bin bereit für den letzten Berg. Bereits im Abstieg zur anderen Seite erreichen wir einen weiteren Servicepunkt. Die Zurufe „Prima Donna“, „Grandissima“ und „Forza“ sind kaum noch steigerungsfähig. Doch einer schafft es. Mit „Sei un‘ toro!“ feuert er mich an. „Du bist ein Stier!“. Ein Stier? Merkwürdiges Kompliment. Ich verbuche es unter italienischem Enthusiasmus. Genauso wie den Läufer, der noch mal ein paar Meter zurückläuft, um mich in die Wange zu kneifen. „Brava, brava! Gleich hast Du es geschafft!“.

 

Nächstes Jahr? Wieder hier!

Nach dem letzten Downhill geht es ins Zentrum von Formazza. Ponte. Der letzte Anstieg beginnt. Nach einem moderaten Beginn öffnet sich mit einem Mal der Blick auf das Highlight des Rennens. Den 134 Meter hohen Wasserfall. Unser Trail führt in steilen Serpentinen am rechten Rand des tosenden „Cascata del Toce“ hinauf. Ich bin überwältigt angesichts dieser Naturgewalt. Die Oberschenkel brennen. Zwei Kilometer trennen mich noch vom Ziel. Ich blicke mich um. Niemand hinter mir. Ich kann das Finish genießen. Die Stimmung ist unglaublich. Nach acht Stunden und 17 Minuten laufe ich durch das Zielband. Niemals hätte ich heute Morgen damit gerechnet, dass ich nur zwei Wochen nach dem Lavaredo schon wieder eine solche Leistung abrufen kann. Der Interviewer fragt mich, was das Besondere an dem Lauf ist. Ich antworte ihm, „Der Lauf ist eigentlich viel zu schön, um ihn so schnell zu rennen.“ Den Abend genieße ich bei herrlichem Wetter auf der Pasta Party mit emotionaler Siegerehrung. Am Sonntag marschiere ich nochmal in „slow motion“ hinauf zum höchsten Punkt am Rifugio 3a. Noch gewaltiger, noch spektakulärer wirkt die Natur heute auf mich. Im Geschäft für lokale Spezialitäten decken wir uns für die lange Rückfahrt ein. Der Besitzer Gianluca erkennt mich sofort. Schnell werden unkundige Kunden aufgeklärt. „Lei è Campionessa“. Fotos werden gemacht. Die Herzlichkeit der Menschen überwältigt mich. Gianluca schenkt mir noch ein selbstgemachtes Eis aus Waldbeeren. Ein Traum. Dafür muss ich versprechen, wiederzukommen. Ich kann es kaum erwarten!

 

Hier findet ihr meine kleine Bildergalerie! Diese Natur macht doch Lust aufs Laufen oder?