Trailrunner im Interview: Andreas Schindler

Andreas Schindler, Team Hoka, ITRA © Andreas Schindler

Andreas Schindler ist Ausdauersportler durch und durch: In den 90er Jahren war der Schwabe erfolgreicher Mountainbiker und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, bis er das Trailrunning für sich entdeckte. Seit diesem Jahr ist der HOKA Teamläufer auch deutscher Repräsentant der ITRA. Höchste Zeit für ein paar Fragen:

Andreas Schindler

„Ich bin 44 Jahre alt und komme aus Balingen am Rand der Schwäbischen Alb, bin verheiratet und habe zwei Kinder. Seit 2017 starte ich als Trail-/Skyrunner und habe mich komplett dieser Sportart in den Bergen verschrieben. Zuvor war ich viele Jahre im Bereich Straßenradsport aktiv, 2016 ein Jahr in der Bundesliga. 2011 bin ich beim ersten Zugspitz Ultratrail über die 101 km und 5600 HM Distanz gestartet, musste dann aber auf Grund einer Verletzung lange Jahre auf das Rad „ausweichen“.

Die obligatorischen Fragen im Jahr 2020: Wie hast Du die letzten Monate sportlich und privat erlebt? Gab es persönliche Einschränkungen? Welche besonderen Erfahrungen (positiv wie negativ) hast du gemacht?

Andreas: Persönlich musste ich mich jetzt nicht so groß umstellen, ich bin abends als Familienvater selten unterwegs und habe bedingt durch meine Tätigkeit in der IT-Beratung auch schon zuvor öfter einmal im Homeoffice gearbeitet. Das Homeoffice bringt Vorteile bzgl. der Zeiteinteilung, wenn man mittags auch mal eine Runde laufen kann. Trotz den Wettkampfabsagen habe ich nicht meine Motivation verloren, da mir generell das Training Spaß macht.

Was war Dein privates oder sportliches Highlight 2020?

Andreas: Da hatte ich das Saalbacher Skyrace und Mayrhofen Ultraks. Beides mal lief es sehr gut, in Saalbach wurde ich knapp 2. und in Mayrhofen 4. bei starker Konkurrenz: mit Pascal Egli, Christian Mathys, Andreas Rieder, Benedikt Hoffmann, Tobias Geiser und Marcus Baur, um nur einige zu nennen. Mein Ziel war es in Mayrhofen mich für das Golden Trail Finale auf den Azoren zu qualifizieren, das habe ich leider knapp verpasst. Dennoch war ich zufrieden weil ich offensiv gestartet bin und alles versucht habe. Auf jeden Fall konnte ich mich in der Saison 2020 wieder steigern, was für mich am wichtigsten ist. Ein weiteres Highlight das sich dieses Jahr ergeben hatte ist die Möglichkeit mehr in den Bergen zu trainieren, da ich beruflich in der Schweiz unterwegs bin. Dadurch konnte ich wesentlich mehr Höhenmeter machen als hier am Albrand. Abends mal auf einen „richtigen“ Berg hochrennen, das ist schon cool. So habe ich mir zum Beispiel den Strava CR am Pilatus geholt: 6,6 km mit 1560 HM.

Du bist seit diesem Jahr offizieller deutscher Repräsentant der ITRA. Was bedeutet das, bzw. welche Aufgaben hast du da?

Andreas: Die Aufgaben beschränken sich darauf, der Ansprechpartner für deutsche Athleten und Veranstalter zu sein. Also Themen wie Punktesystem, Versicherung oder auch neue Ideen. Dazu habe ich einige Veranstalter angesprochen, damit wir mehr ITRA gewertete Läufe in Deutschland haben. Deutschland ist da noch sehr weit hinter Italien, Frankreich, Schweiz und Spanien. Dieses Jahr hielten sich die Tätigkeiten wegen Corona in Grenzen. Natürlich nehme ich auch an den Versammlungen teil, so dass ich über die Entwicklungen im Trailrunning informiert bin. Dazu gab es eine Einladung des DLV zu einem Symposium. Sehr gerne kann sich jeder interessierte Trailläufer an mich wenden, mit Ideen oder wenn es Informationen braucht:

https://itra.run/content/national-representatives

Kommendes Jahr möchte ich da noch etwas mehr machen, so dass ich mehr wahrgenommen werde.

Welche Zukunftspläne hat die ITRA für Deutschland?

Andreas: Auf jeden Fall bekannter werden. Viele Trailläufer aus Deutschland kennen die ITRA ja noch gar nicht. Nur wenn sie beim UTMB starten, denn hier braucht man ja die ITRA Punkte, um teilnehmen zu können. Zukünftig schließen sich auch WMRA, ITRA und IAAF zusammen und richten eine gemeinsame Trail WM aus. D.h. ab 2021 wird es eine kombinierte Trail und Langdistanz WM geben.

Was sind deine Ziele für das Jahr 2021?

Andreas: Auf jeden Fall möchte ich nochmals eine Verbesserung erzielen. Ich fühle mich aktuell sehr gut und weiß, wo es noch Potenzial gibt. Kommendes Jahr plane ich als Highlight den OUREA Xtrem mit 7 Etappen über 250km und 17000 Höhenmeter Ende Juli. Darauf werde ich mich speziell vorbereiten. Natürlich möchte ich weitere Erfolge für mich und mein Team HOKA One One erzielen. Super wäre auch ein Start bei der oben genannten kombinierten Trail und Langdistanz WM.

Du warst aktiver, sehr ambitionierter Radfahrer. Wie unterscheidet sich die Trailrunningszene von den Radsportlern?

Andreas: Auf jeden Fall geht es in der Trailrunningszene sehr kollegial und freundschaftlich zu. Ich erinnere mich gerne an den Gletscherrun in Obergurgl 2017 als ich gemeinsam Ivan Paulmichl über die Ziellinie gerannt bin und wir uns den Sieg geteilt haben. Auch im Wettkampf unterstützt man sich fair. Das ist super. Generell ist man aber als Trailrunner alleine unterwegs, im Radsport benötigt man ein Team, um vorne zu sein. Der Straßenrennsport ist also etwas mehr Teamsport.

Hast du (außer Kondition) aus dem Radsport etwas mitgenommen, dass dir hilft ein besserer Trailrunner zu sein?

Andreas: Aus meiner Zeit als Mountainbiker sicher auch den Blick für eine gute Linie bergab. Das kommt mir bei den Downhills im Gelände zugute. Generell laufe ich auch gerne bergab, das gehört beim Trailrunning dazu, auch wenn ich diese Saison das Saalbacher Skyrace im finalen Downhill „verloren“ habe 😉 Natürlich ist Radfahren auch eine sehr gute gelenkschonende Alternative zum Laufen. Kommendes Jahr möchte ich daher wieder mehr lange Fahrten im Grundlagenbereich machen, um mich auf die langen Rennen oder den Etappenlauf vorzubereiten.

 Wie sieht dein aktuelles Wintertraining aus? Bist du immer noch viel auf dem Rad?

Andreas: Aktuell schon, viel auch virtuell auf Zwift in der Pain Cave. Als es vor ein paar Tagen hier auf der Alb Schnee hatte habe ich auch viel Langlauf gemacht. Ich habe mich aktuell zu einer Saisonpause entschieden und laufe gerade sehr wenig. Ursprünglich wollte ich noch meine 10km PB beim Silvesterlauf in Tuttlingen angreifen, aber daraus ist auf Grund der Einschränkungen nichts geworden. Danach, also direkt ab Anfang Januar, möchte ich für den Transgrancanaria Marathon Ende Feburar aufbauen. Ich hoffe bis dahin gehen die Corona Fallzahlen zurück und es ist wieder etwas mehr möglich. Dazu bin ich hier in Balingen im Körperbau und mache Stabi und Krafttraining, dazu etwas Laufschule. Ich merke wie mir das gut tut und ich teilweise große Defizite habe, an denen ich nun arbeite. Es ist wichtig in diesem Bereich Unterstützung und kompetente Ansprechpartner zu haben, so lassen sich Verletzungen langfristig vermeiden.

Kannst du uns vielleicht einmal eine typische Trainingswoche im November/Dezember skizzieren?

Andreas: Aktuell im Dezember so etwa: Rad 100 km, Laufen 20-50 km, XC-Ski 50 km, etwas Stabi und Kraftraining. Im November waren es noch knapp 110 km Laufen pro Woche.

Deine drei speziellen Trainingstipps für unsere Leser:

  1. Spezifisches Training, also ab an den Berg ins Gelände
  2. Spaß haben
  3. Raus in die Natur, wenn es geht ab in die Berge

Trailrunning ist für mich die schönste Sportart der Welt, weil….

…es mir den besten Ausgleich zum Alltag im Büro oder vor dem PC bietet. Die Bewegung in der Natur, am besten in grandioser Berglandschaft, ist einfach genial. Ich liebe es auf der Spitze eines Berges zu stehen und mich dabei schon wieder auf den Downhill zu freuen.