Interviews

Zwischen letzter Saison und neuem Anfang: Claudia Sieder im Interview

Das xc-run.de Team war beim Teamtreffen 2026 zu Gast bei Claudia Sieder – einer Ausnahmesportlerin, die sich gerade in einer spannenden Phase ihres Lebens befindet. Nach vielen Jahren im internationalen Mountainbike-Leistungssport und einer erfolgreichen Karriere im Ultratrailrunning steht sie nun vor einem großen Umbruch: Claudia wagt den Schritt aus dem Profisport hinein in die Selbstständigkeit und baut ihr eigenes Bed & Breakfast „Öboluckna“ auf. Wir sprechen mit ihr über diesen Wandel, ihre sportliche Entwicklung, große Ziele wie ihren ersten 100-Kilometer-Lauf beim Garda Trentino Trail – und darüber, was bleibt, wenn ein Lebenskapitel langsam zu Ende geht.

Claudia Sieder im Interview

1. Claudia, du befindest dich gerade im Übergang vom Profisport in die Selbstständigkeit – wie erlebst du diese Phase emotional und mental?


Ich versuche, diese Zeit bewusst zu genießen und noch alles mitzunehmen, was geht. Mental bin ich noch ganz Athletin und fokussiere mich voll auf meine „letzte“ Saison. Ich möchte sie so gestalten, dass ich nächstes Jahr nicht doch wieder darüber nachdenke, noch ein Jahr dranzuhängen. Emotional fällt mir das nicht immer leicht – ich war mein ganzes Leben lang Sportlerin und habe mich stark darüber definiert. Diesen Gedanken loszulassen, wird sicher noch ein Prozess.

2. Was hat dich dazu bewogen, mit „Öboluckna“ ein Bed & Breakfast zu eröffnen, und welche Vision steckt dahinter?

Claudia Sieder © Marco Felgenhauer / woidlife photography

Ich habe viele Jahre in einem Vier-Sterne-Haus als Wander- und Mountainbike-Guide gearbeitet und dabei gemerkt: Luxus ist schön, aber es geht auch bodenständig. Gerade in den Bergen braucht es oft gar nicht viel für ein echtes Erlebnis.
Mit „Öboluckna“ möchte ich einen Ort schaffen für Menschen, die das Draußensein lieben – so wie ich. Ein gutes Bett, ein ehrliches Frühstück, ein „guitn Ratscha“ – und dann raus in die Berge. Mehr braucht es oft nicht.

3. Du warst viele Jahre erfolgreiche Mountainbikerin – wie kam es zum Wechsel ins Trailrunning und was hat dich daran sofort gepackt?

Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem es für mich nicht mehr weiterging – weder mental noch körperlich. Ich wollte raus aus diesem ständigen Funktionieren im Leistungssport. Nach zwei wirklich schwierigen Saisonen war für mich klar: Meine Zeit auf dem Rad ist vorbei.
Aber der Bewegungsdrang blieb. Also habe ich angefangen zu laufen – und bei uns geht es eben entweder hoch oder runter. So bin ich automatisch in den Bergen gelandet. Dieses Freiheitsgefühl hat mich sofort gepackt: einfach loslaufen, Kilometer sammeln, am Grat entlanggehen. Diese Einfachheit – Schuhe an und los – fasziniert mich bis heute. Und ein Stück weit wollte ich mir auch beweisen, dass ich noch auf hohem Niveau performen kann.

4. Welche Erfahrungen aus deiner Zeit im Cross-Country-Mountainbike helfen dir heute beim Laufen?

Ich bin sehr zielstrebig und diszipliniert. Auch wenn das Wetter schlecht ist, ziehe ich mein Training durch. Ich denke mir oft: Früher bin ich bei Minusgraden Rad gefahren – da kann ein Lauf auch nicht so schlimm sein.

5. Du bereitest dich aktuell auf deinen ersten 100-Kilometer-Lauf vor – warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Ganz ehrlich: Bevor ich keinen „richtigen“ Ultra gelaufen bin, kann ich meine Karriere nicht beenden. Und wenn ich ihn nicht schaffe, muss ich wohl weitermachen (lacht).

6. Was ist für dich die größte Herausforderung an dieser Distanz – körperlich wie mental?

Im Moment stelle ich mir vor allem die Nacht als große Herausforderung vor: wach bleiben, motiviert bleiben und weiterlaufen. Körperlich habe ich großen Respekt vor den 100 Kilometern. Mein Körper hat über die Jahre viel mitgemacht – ob er das nochmal so wegsteckt, wird sich zeigen. Aber ich bleibe positiv und rede ihm gut zu.

7. Du bist auch Mutter eines 10-jährigen Sohnes: Wie beeinflusst diese Rolle deinen Sport – und siehst du dich als Vorbild?

Meine Familie steht zu 100 Prozent hinter mir, und das gibt mir enorm viel Halt. Es hilft mir auch, aus der „Sport-Bubble“ rauszukommen. Zuhause bin ich nicht Athletin, sondern Mama, Ehefrau und einfach Mensch.
Das bringt mir eine Stabilität, die mir früher oft gefehlt hat. Natürlich versuche ich, ein Vorbild zu sein, aber mein Sohn soll seinen eigenen Weg gehen. Bewegung gehört bei uns einfach dazu – ganz ohne Druck.

8. Neben all den Erfolgen: Welche Schattenseiten hast du im Profisport erlebt?

Im Leistungssport zählt oft nur eines: Funktionieren. Solange du Leistung bringst, bist du „oben“. Ich habe lange geglaubt, dass mein Wert als Mensch davon abhängt, wie ich performe. Diesen Gedanken loszulassen, war ein harter Prozess.
Deshalb ist es mir heute wichtig, ein Leben außerhalb des Sports zu haben. Mein engstes Umfeld hat nichts mit Leistungssport zu tun – das erdet mich und gibt mir Sicherheit.

9. Wenn du zurückblickst – welche Momente waren die prägendsten und schönsten deiner Karriere?

Da gibt es viele: Freundschaften, Erfolge, aber auch Erfahrungen, die mich haben wachsen lassen.
Ein ganz besonderer Moment war für mich der Start beim Wildstrubel im September 2024 – nach meinem schweren Unfall. Wieder an der Startlinie zu stehen, Teil des Ganzen zu sein und einfach loslaufen zu können, war unglaublich emotional.

10. Du sagst, es ist langsam Zeit aufzuhören – woran merkst du das?

Die Jungen drücken nach (lacht). Aber vor allem spüre ich, dass ich wieder mehr Freiheit möchte: Sport machen, wie es mir gefällt – ohne Druck, ohne fixe Pläne. Nach so vielen Jahren im Leistungssport möchte ich einfach wieder mehr genießen.

11. Was wird dir am meisten fehlen?

Wahrscheinlich die Struktur und die klaren Ziele, auf die man hinarbeitet. Sport bleibt ein Teil meines Lebens, aber eben nicht mehr auf diesem Niveau. Was ich definitiv nicht vermissen werde: flache, schnelle Intervalle.

12. Inwiefern ist „Öboluckna“ eine Fortsetzung deiner Leidenschaft – nur in neuer Form?

Im „Öboluckna“ kann ich meine Begeisterung für Bewegung, Berge und meine Heimat weitergeben. Ich liebe es, Menschen meine Lieblingswege und Trails zu zeigen – und ihnen gleichzeitig ein Zuhause auf Zeit zu bieten.
Es ist schön, von Menschen umgeben zu sein, die die gleiche Leidenschaft teilen.

Anmerkung der Redaktion:
Direkt im Anschluss an dieses Interview hat Claudia beschlossen, künftig für das xc-run.de Team an den Start zu gehen und bei ausgewählten Events von ihren Abenteuern zu berichten. Ihr Einstand hätte kaum besser laufen können: Beim Soul Trail sicherte sie sich direkt den Sieg über die 27 Kilometer. Wir freuen uns riesig, dich im Team zu haben, Claudia!