330 Kilometer, eine gewaltige Runde durch das Aostatal und ein Zeitlimit, bei dem Tage wichtiger werden als Stunden: Das TOR330 – Tor des Géants gehört zu den außergewöhnlichsten und härtesten Ultrarennen der Welt. Am kommenden Wochenende fällt wieder der Startschuss für das Abenteuer rund um das Aostatal. Und auch 2026 ist das Rennen nur das Herzstück eines noch größeren Spektakels: Fünf Wettbewerbe, fast 3.000 Teilnehmer und zehn Tage Trailrunning stehen bei TORX with Kailas 2026 auf dem Programm.
Während beim TOR330 einige der bekanntesten Spezialisten für extreme Langdistanzen aufeinandertreffen, beginnt das Abenteuer bereits am Freitagabend mit dem noch gewaltigeren TOR450 – Tor des Glaciers. Dort wagt ausgerechnet der viermalige Tor-des-Géants-Sieger Franco Collé erstmals den Schritt auf die 450-Kilometer-Distanz.
TOR330 – das Herzstück des TORX
Es ist das Rennen, mit dem alles verbunden wird: der TOR330 – Tor des Géants. Anders als bei klassischen Punkt-zu-Punkt-Ultras führt die Strecke einmal nahezu komplett durch das Aostatal und verbindet dabei die beiden Höhenwege Alta Via 1 und Alta Via 2.
Der TOR ist kein Rennen, das sich allein über Kilometer und Höhenmeter erklären lässt. Schlafmanagement, Ernährung, Wetter, Nachtstunden und die Fähigkeit, nach zwei oder drei Tagen noch vernünftige Entscheidungen zu treffen, werden mindestens ebenso wichtig wie die reine Laufleistung.
Entsprechend schwierig ist es, Favoriten nur anhand eines Performance Index zu bestimmen. Gerade beim Tor des Géants haben Erfahrung und die Fähigkeit, über mehrere Tage konstant zu funktionieren, schon häufig den Unterschied gemacht.
Eine Hall of Fame voller großer Namen
Ein Blick in die jüngere Hall of Fame zeigt, welche Bedeutung der TOR330 längst im internationalen Ultrarunning besitzt – und wie viele ehemalige Sieger und Podestläufer 2026 erneut eine Rolle spielen.
Die vergangenen Jahre brachten dabei eine bemerkenswerte Entwicklung der Bestzeiten. Franco Collé setzte 2021 mit 66:43:57 Stunden einen neuen Rekord und verbesserte diesen zwei Jahre später noch einmal auf 66:39:16 Stunden. 2025 fiel schließlich auch diese Marke: Victor Richard gewann in 66:08:22 Stunden und hält damit den aktuellen Streckenrekord. Richard wird seinen Titel 2026 allerdings nicht verteidigen, sondern wechselt auf den TOR130.
2024 hatte mit François D’Haene einer der bekanntesten Ultraläufer der vergangenen Jahre den TOR330 gewonnen. In 69:08:32 Stunden setzte er sich vor Beñat Marmissolle und Martin Perrier durch.
Gerade die weiteren Podiumsplatzierungen der letzten Jahre machen deutlich, wie viel TOR-Erfahrung 2026 wieder an der Startlinie steht. Martin Perrier wurde 2024 Dritter und 2025 Zweiter. Im vergangenen Jahr teilte er sich Rang zwei mit Simone Corsini, der bereits 2022 Zweiter geworden war. Galen Reynolds stand 2018 und 2019 als Zweiter sowie 2023 als Dritter auf dem Podium. Dazu kommt Oliviero Bosatelli, Sieger von 2016 und 2019 sowie Zweiter 2017.
Kaum ein Name ist jedoch so eng mit dem Tor des Géants verbunden wie Franco Collé. Der Italiener gewann den TOR330 2014, 2018, 2021 und 2023. In diesem Jahr fehlt er allerdings im Kampf um seinen fünften TOR330-Triumph – weil er sich erstmals der noch größeren Herausforderung des TOR450 – Tor des Glaciers stellt.
Die Sieger seit 2018
| Jahr | Männer | Zeit | Frauen | Zeit |
|---|---|---|---|---|
| 2025 | Victor Richard | 66:08:22 – Rekord | Noor Van Der Veen | 79:34:30 |
| 2024 | François D’Haene | 69:08:32 | Katharina Hartmuth | 79:10:40 – Rekord |
| 2023 | Franco Collé | 66:39:16 | Emma Stuart | 82:21:44 |
| 2022 | Jonas Russi | 70:31:36 | Sabrina Verjee | 80:19:38 |
| 2021 | Franco Collé | 66:43:57 | Silvia Ainhoa Trigueros Garrote | 87:57:50 |
| 2019 | Oliviero Bosatelli | 72:37:13 | Silvia Ainhoa Trigueros Garrote | 85:23:15 |
| 2018 | Franco Collé | 74:03:00 | Silvia Ainhoa Trigueros Garrote | 87:50:31 |
Auch bei den Frauen ist die Historie für den diesjährigen Favoritencheck besonders interessant. Katharina Hartmuth gewann 2024 in 79:10:40 Stunden und stellte damit den weiterhin gültigen Frauenrekord auf. Ein Jahr später war Noor Van Der Veen mit 79:34:30 Stunden nur knapp langsamer.
Hartmuth kehrt 2026 zurück und bekommt es mit mehreren ehemaligen Siegerinnen zu tun. Sabrina Verjee, die 2022 in 80:19:38 Stunden triumphierte, steht ebenso wieder am Start wie Lisa Borzani, Siegerin von 2016 und 2017. Borzani bewies mit Rang zwei im vergangenen Jahr, dass sie weiterhin zur absoluten Spitze auf dieser Strecke gehört. Auch die 2025 drittplatzierte Natalie Taylor ist wieder dabei.
Bemerkenswert ist zudem die Bilanz von Silvia Ainhoa Trigueros Garrote. Die Spanierin gewann den TOR330 2018, 2019 und 2021 dreimal in Folge – wobei die Veranstaltung 2020 nicht stattfand.
Die Hall of Fame zeigt damit auch, warum der TOR330 nur bedingt über aktuelle Performance-Indizes vorhergesagt werden kann. Wer hier schon einmal drei Tage und Nächte erfolgreich überstanden hat, bringt etwas mit, das sich nur schwer in Zahlen ausdrücken lässt.
Jiaju Zhao führt ein außergewöhnliches Männerfeld an
Auf dem Papier steht Jiaju Zhao mit einem ITRA Performance Index von 927 über dem Feld. Doch dahinter warten zahlreiche Athleten, die für diese Art von Rennen wie gemacht erscheinen.
Simone Corsini zählt nach seinen zweiten Plätzen 2022 und 2025 zwangsläufig zu den großen Favoriten. Gerade seine Historie beim TOR macht ihn zu einem der spannendsten Herausforderer: Zweimal stand er bereits auf Rang zwei, 2025 zeitgleich mit Martin Perrier.
Auch Weiqiang Zhang, Aleš Frlic, Pablo Ibáñez, Aurélien Jacoutot, Sangé Sherpa, Robert Oberhollenzer, Florian Grasel und Bastien Fleury bringen die Leistungsdaten mit, um ganz vorne einzugreifen.
Besonders Martin Perrier gehört aufgrund seiner beeindruckenden Konstanz in den engsten Favoritenkreis. Viermal in Folge landete er unter den besten Sieben, 2024 wurde er Dritter und 2025 schließlich Zweiter. Mit Simone Corsini trifft er erneut auf den Mann, mit dem er im vergangenen Jahr nach 71:48:55 Stunden gemeinsam die Ziellinie erreichte.
Und auch Galen Reynolds weiß, wie man beim Tor des Géants aufs Podium läuft: Zweiter 2018 und 2019, Dritter 2023. Zusammen mit Bosatelli bringt er eine Erfahrung mit, die gerade ab der zweiten Rennhälfte enorm wertvoll werden könnte.
Katharina Hartmuth: Rückkehr der Rekordhalterin
Aus deutschsprachiger Sicht richtet sich der Blick vor allem auf Katharina Hartmuth. Ihre Ausgangslage lässt sich 2026 kaum treffender beschreiben: ehemalige Siegerin, Streckenrekordhalterin und nach ITRA Performance Index stärkste Frau im Feld.
2024 benötigte Hartmuth für den TOR330 lediglich 79:10:40 Stunden. Damit unterbot sie die 80-Stunden-Marke und setzte einen neuen Frauenrekord. Zum Vergleich: Sabrina Verjee hatte bei ihrem Sieg 2022 80:19:38 Stunden benötigt, Vorjahressiegerin Noor Van Der Veen kam 2025 nach 79:34:30 Stunden ins Ziel.
Die Konkurrenz könnte allerdings kaum erfahrener sein. Sabrina Verjee gewann 2022, Lisa Borzani bereits 2016 und 2017. Borzani bewies zudem mit Rang zwei 2025, dass weiterhin mit ihr zu rechnen ist. Auch die Vorjahresdritte Natalie Taylor kehrt zurück.
Hinzu kommen Alessandra Boifava, Claire Bannwarth, Wenfei Xie, Huiping Zhang, Melissa Paganelli, Marta Viganò, Cristina Vecco und Christine Tousch.
Hartmuth ist damit nicht nur aus deutscher Sicht eine der interessantesten Athletinnen des gesamten TORX 2026. Sollte sie erneut gewinnen, würde sie sich endgültig in die Reihe der mehrfachen TOR330-Siegerinnen eintragen – und vielleicht sogar ihren eigenen Rekord angreifen.
Florian Grasel vertritt die österreichischen Farben
Auch Österreich hat im Männerfeld ein heißes Eisen im Feuer. Florian Grasel wird vom Veranstalter mit einem ITRA Performance Index von 829 unter den Top Runnern geführt.
Für einen Athleten mit seiner Erfahrung auf langen und technisch anspruchsvollen Ultras ist der TOR330 eine besondere Herausforderung: Hier geht es nicht darum, einen schlechten Abschnitt von einer oder zwei Stunden zu überstehen. Krisen können sich über halbe Tage ziehen – und trotzdem ist das Rennen noch lange nicht entschieden.
Gerade diese Unberechenbarkeit macht einen großen Teil der Faszination des Tor des Géants aus.
TOR450: Franco Collé betritt Neuland
Noch bevor die TOR330-Starter ins Rennen gehen, beginnt am Freitag, 11. September, um 20 Uhr der TOR450 – Tor des Glaciers. 210 Athleten stellen sich der längsten Herausforderung des Events.
Und über allem steht ein Name: Franco Collé.
Der Lokalmatador gewann den TOR330 bereits viermal – 2014, 2018, 2021 und 2023. Den TOR450 hat er dagegen noch nie bestritten. Nun wagt er sein Debüt über 450 Kilometer.
Mit Peter Kienzl, Dritter 2023, Alessandro Roncato, Dritter 2024, und Vorjahreszweitem Brian Mullins wartet erfahrene Konkurrenz. Aus deutscher Sicht fällt vor allem Volker Fohrmeister auf. Sein ITRA Index von 605 erzählt nur einen Teil seiner Geschichte: 2024 wurde er Zweiter beim TOR450. Bereits 2022 absolvierte er innerhalb weniger Wochen PTL, SwissPeaks 360 und Tor des Glaciers.
Bei den Frauen führen Kaitlin Allen, Annie Hughes und Hafdís Guðrún Hilmarsdóttir das Feld nach ITRA Index an. Mit Isabelle Ost, Siegerin von 2022, und Sarah Hansel, Siegerin 2024, stehen allerdings zwei ehemalige Champions am Start.
Geänderte Strecke beim TOR450
Kurz vor dem Rennen musste der Veranstalter auf mehrere Felsstürze im Bereich Grand Neyron reagieren. Betroffen ist auch ein Teil des Klettersteigs im Downhill.
Deshalb wird der Abschnitt zwischen Rifugio Chabod und Cogne geändert. Die Teilnehmer steigen vom Rifugio Chabod in Richtung Valsavarenche ab und gelangen anschließend über Plan de la Pesse und Eau Rousse auf die Alta Via 2 und damit teilweise auf die Strecke des TOR330.
Die Änderung verlängert den Kurs um etwa vier Kilometer. Die gesamten Höhenmeter sollen nahezu unverändert bleiben, auch die Cut-off-Zeiten werden nicht angepasst.
Victor Richard wechselt auf den TOR130
Spannend wird es auch beim TOR130 – Tot Dret. Der Sieger des TOR330 von 2025, Victor Richard, entscheidet sich diesmal für die deutlich kürzere Variante.
Ein Spaziergang wird daraus nicht. Mit einem ITRA Index von 876 liegt Li Ke sogar vor Richard. Dahinter folgen unter anderem Francesco Cucco, Yann Bessard und Giulio Vettori.
Bei den Frauen erscheint das Rennen deutlich offener. Stephanie Howe führt das Feld nach Performance Index vor Olga Łyjak, Marine Charnet und Lara Emmrich an.
Titelverteidiger beim TOR100, Rekordjäger beim TOR30
Beim TOR100 – Cervino-Monte Bianco kehrt Vorjahressieger Luca Arrigoni zurück. Alessandro Simoncelli, Davide Busuito und Alessio Donati zählen zu seinen stärksten Herausforderern. Interessant ist zudem Danilo Lantermino, der bereits 2019 Dritter und 2025 Vierter beim deutlich längeren TOR330 wurde.
Bei den Frauen führt Kinga Kwiatkowska das Feld an. Sie gewann 2025 den TOR30 – Passage au Malatrà.
Dort wiederum ist Davide Cheraz der Mann, den es zu schlagen gilt. Drei Siege aus fünf Austragungen und der Streckenrekord stehen für ihn zu Buche. 2019, 2023 und 2025 gewann er – 2026 könnte der vierte Triumph folgen.
Zehn Tage zwischen Wettkampf und Abenteuer
Was den TORX von vielen anderen großen Trailrunning-Veranstaltungen unterscheidet, ist nicht allein die extreme Länge seiner Rennen. Über mehrere Tage verschwimmen Wettkampf, Expedition und persönliches Abenteuer.
Während beim TOR30 noch klassische Rennstrategien eine entscheidende Rolle spielen, verschieben sich mit zunehmender Distanz die Anforderungen fundamental. Beim TOR330 und erst recht beim TOR450 werden Schlaf, Ernährung, Wetter, Ausrüstung und mentale Widerstandskraft zu zentralen Bestandteilen des Wettkampfs.
Genau deshalb lässt sich der Ausgang dieser Rennen so schwer prognostizieren. Ein hoher ITRA Index kann Geschwindigkeit abbilden. Ob ein Athlet nach mehreren Nächten im Aostatal noch laufen, essen, denken und kämpfen kann, steht auf keinem Datenblatt.
Und vielleicht liegt genau darin der Mythos des Tor des Géants: Hier gewinnt nicht zwangsläufig der Schnellste – sondern derjenige, der am längsten stark bleibt.