Der Höhepunkt der UTMB-Woche steht bevor: Am Freitagabend um 17:45 Uhr startet in Chamonix der UTMB über 177 Kilometer und mehr als 9.900 Höhenmeter. Einmal rund um den Mont Blanc, durch Frankreich, Italien und die Schweiz und zurück ins Zentrum von Chamonix. Nach den Absagen von Kilian Jornet und Jim Walmsley präsentiert sich das Rennen der Männer offener als zunächst erwartet. Mittendrin im Kampf um die Spitze: Hannes Namberger. Der Deutsche reist nach einer herausragenden Saison nach Chamonix und gehört spätestens nach seinem vierten Sieg beim Lavaredo Ultra Trail zum engsten Kreis der Podiumskandidaten.
177 Kilometer rund um den Mont Blanc
Der UTMB ist das Herzstück der gesamten Veranstaltungswoche und eines der prestigeträchtigsten Ultrarennen der Welt. Am Freitag, 28. August, um 17:45 Uhr werden knapp 2.000 Läufer in Chamonix auf die große Runde geschickt.
177 Kilometer, mehr als 9.900 Höhenmeter und drei Länder warten auf die Teilnehmer. Von Chamonix führt die Strecke zunächst über Les Houches und Saint-Gervais nach Les Contamines, ehe in der ersten Nacht die hohen Übergänge in Richtung Italien folgen. Courmayeur markiert einen der großen Fixpunkte des Rennens. Anschließend geht es über den Grand Col Ferret in die Schweiz, über La Fouly und Champex-Lac weiter nach Trient und Vallorcine und schließlich zurück nach Chamonix.
Der UTMB verlangt dabei weit mehr als reine Ausdauer. Zwei Nächte, lange Downhills, große Höhenunterschiede, wechselnde Temperaturen und die enorme Konkurrenz machen das Rennen zu einem taktischen und körperlichen Härtetest.
Hannes Namberger: Bereit für den nächsten Schritt?
Aus deutscher Sicht richten sich die Augen vor allem auf Hannes Namberger. Und selten waren die Voraussetzungen für einen Angriff auf das UTMB-Podium besser.
Bereits 2024 bewies Namberger mit Rang vier, dass er auf der großen Runde um den Mont Blanc mit der absoluten Weltspitze mithalten kann. In dieser Saison scheint der Ruhpoldinger noch einmal stärker geworden zu sein. Bei der Transgrancanaria über 126 Kilometer musste er sich lediglich Jonathan Albon geschlagen geben und erreichte mit nur fünf Minuten Rückstand Rang zwei.
Sein vielleicht größtes Ausrufezeichen folgte Ende Juni bei seinem Lieblingsrennen in den Dolomiten. Beim Lavaredo Ultra Trail gewann Namberger zum vierten Mal und holte sich gleichzeitig den Streckenrekord zurück. Nach 120 Kilometern setzte er sich in 11:45:31 Stunden vor Andreas Reiterer und Tobias Geiser durch.
Damit reist Namberger nicht nur mit hervorragenden Ergebnissen, sondern auch mit reichlich Selbstvertrauen nach Chamonix. Seine Stärke auf langen alpinen Ultras, seine Erfahrung und sein kontrollierter Rennstil passen nahezu perfekt zum UTMB. 2024 fehlte als Vierter nicht viel zum Podium. Zwei Jahre später scheint der Sprung unter die ersten Drei absolut realistisch – und in einem perfekten Rennen möglicherweise noch mehr.
Jornet und Walmsley sagen ab
Das ursprünglich spektakulär besetzte Männerfeld hat im Vorfeld zwei seiner größten Namen verloren. Kilian Jornet wird wegen seiner anhaltenden Knieprobleme nicht starten. Der viermalige UTMB-Sieger hatte bereits im Frühjahr bei Zegama mit Beschwerden zu kämpfen und musste später auch den Western States vorzeitig beenden.
Auch Jim Walmsley fehlt. Der UTMB-Sieger von 2023 und Streckenrekordhalter stand zuletzt ebenfalls wegen Knieproblemen nicht mehr in gewohnter Form an der Startlinie und musste den Western States im Juni aufgeben.
Damit fehlen zwei Läufer, die unter normalen Voraussetzungen automatisch zum engsten Favoritenkreis gehört hätten. Auch Vorjahressieger Tom Evans ist 2026 nicht zurück. Das macht die Ausgangslage deutlich offener.
Ben Dhiman: Nur der Sieg zählt
Als einer der großen Favoriten geht Ben Dhiman ins Rennen. Der in Frankreich lebende US-Amerikaner wurde im vergangenen Jahr Zweiter und blieb in 19:51:37 Stunden als einer von nur drei Männern unter 20:10 Stunden. Diesmal sind seine Ambitionen noch größer: Im Vorfeld machte Dhiman unmissverständlich klar, dass für ihn beim UTMB 2026 nur der Sieg zählt.
Nach zwei vorzeitigen Ausstiegen 2023 und 2024 schien Dhiman im vergangenen Jahr den Schlüssel zum UTMB gefunden zu haben. 33 Minuten fehlten ihm am Ende auf Sieger Tom Evans. 2026 soll nun der nächste Schritt folgen. Anders als einige seiner Konkurrenten hat Dhiman in diesem Sommer weder den Western States noch den Hardrock in den Beinen und konnte seine Saison konsequent auf Chamonix ausrichten. Rang fünf bei Transvulcania und Platz zwei beim Mont Blanc 90k unterstreichen seine Form.
Interessant aus deutscher Sicht ist vor allem der direkte Vergleich mit Hannes Namberger. Bei der Transgrancanaria im Frühjahr musste sich Namberger lediglich Jonathan Albon geschlagen geben. Dhiman blieb dort deutlich hinter dem Deutschen. Beim UTMB gelten zwar andere Gesetze, doch die bisherigen Saisonleistungen zeigen: Namberger muss sich vor dem erklärten Siegkandidaten keineswegs verstecken.
Dhiman formuliert das Ziel offensiv – er kommt nach Chamonix, um zu gewinnen. Namberger könnte einer derjenigen sein, die ihm dabei am gefährlichsten werden.
Vincent Bouillard versucht das historische Double
Kaum weniger spannend ist Vincent Bouillard. Der Franzose sorgte 2024 für eine der großen Überraschungen der jüngeren UTMB-Geschichte und gewann das Rennen. 2026 setzte er noch einen drauf und triumphierte beim Western States 100 mit neuem Streckenrekord.
Nun versucht Bouillard etwas, das bisher nur Kilian Jornet gelungen ist: Western States und UTMB im selben Sommer zu gewinnen. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Bouillard grundsätzlich schnell genug ist, sondern wie gut sein Körper den Western States verarbeitet hat.
Zwischen beiden 100-Meilern liegen nur zwei Monate. Gegen einen ausgeruhten Namberger oder Dhiman könnte diese Belastung in der zweiten Rennhälfte entscheidend werden.
Jonathan Albon will endlich auch die 100 Meilen meistern
Ein weiterer Siegkandidat ist Jonathan Albon. Der Brite gewann in Chamonix bereits OCC und CCC und könnte nach Xavier Thévenard erst der zweite Mann werden, der alle drei großen UTMB-Finals gewinnt.
Sein Problem: Während Albon auf nahezu allen kürzeren Ultradistanzen zu den besten Läufern der Welt gehört, verliefen seine bisherigen 100-Meilen-Rennen nicht immer nach Wunsch. 2025 musste er beim UTMB aufgeben. Dass seine Form stimmt, bewies er im Frühjahr mit dem Sieg bei der Transgrancanaria – dort lag Namberger allerdings nur rund fünf Minuten hinter ihm.
Das erneute Aufeinandertreffen der beiden dürfte eines der spannendsten Duelle des Rennens werden.
Chassagne, Wade und Miller mit Podiumserfahrung
Baptiste Chassagne weiß ebenfalls, wie sich ein UTMB-Podium anfühlt. 2024 wurde der Franzose Zweiter, 2025 gewann er zudem die Diagonale des Fous. Seine Konzentration auf wenige große 100-Meilen-Rennen scheint hervorragend zu funktionieren.
Josh Wade kehrt als Dritter des Vorjahres zurück. Nach einem DNF 2023 und Rang elf 2024 gelang dem Briten 2025 endgültig der Durchbruch auf der großen UTMB-Runde. Seine Saison 2026 verlief nicht komplett störungsfrei, dennoch dürfte Wade gerade aufgrund seiner Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr wieder eine wichtige Rolle spielen.
Und dann wäre da noch Zach Miller. Der Amerikaner wurde 2023 hinter Jim Walmsley Zweiter und ist mit seiner offensiven Art immer für ein spektakuläres Rennen gut. Ende Juni belegte er beim Western States in starken 14:20 Stunden Rang fünf. Die Frage ist auch bei ihm, wie viel Substanz dieses Rennen gekostet hat.
Reiterer vor dem 100-Meilen-Debüt
Auch Andreas Reiterer ist aus DACH-Sicht besonders interessant. Der Südtiroler wagt voraussichtlich sein Debüt über 100 Meilen und bringt eine starke Saison mit. Beim Chianti 120k wurde er Zweiter, bei Transvulcania Sechster und beim Lavaredo Ultra Trail teilte er sich Rang zwei mit Tobias Geiser – rund zehn Minuten hinter Namberger.
Reiterer kennt die Trails rund um den Mont Blanc bestens. Beim CCC wurde er 2022 Dritter und 2021 Vierter. Allerdings stehen dort auch zwei DNFs aus den vergangenen beiden Jahren zu Buche. Wie er die zusätzliche Distanz und vor allem die zweite Rennnacht verkraftet, gehört zu den großen Fragen dieses UTMB.
Zum erweiterten Favoritenkreis zählen außerdem Joaquín López, Caleb Olson, Chris Myers, Rod Farvard, Yannick Noël, Jia-Sheng Shen, Arthur Joyeux-Bouillon und Germain Grangier. Gerade über 177 Kilometer kann sich das Klassement in der zweiten Nacht noch komplett verändern.
Dauwalter nach Croft-Absage das Maß aller Dinge?
Auch bei den Frauen gab es unmittelbar vor dem Rennen eine prominente Absage. Titelverteidigerin Ruth Croft wird nicht starten. Die Neuseeländerin hatte 2025 den UTMB gewonnen und damit als erste Frau OCC, CCC und UTMB für sich entschieden.
Damit rückt Courtney Dauwalter noch stärker ins Zentrum. Die Amerikanerin hat den UTMB bereits 2019, 2021 und 2023 gewonnen. Im vergangenen Jahr führte sie zunächst, fiel in der zweiten Rennhälfte jedoch zurück und wurde Zehnte. 2026 gewann Dauwalter unter anderem den Chianti 120k und im Juli zum vierten Mal den Hardrock 100. Allerdings liegen zwischen Hardrock und UTMB lediglich 48 Tage.
Eine ihrer größten Gegnerinnen dürfte Blandine L’Hirondel sein. Die Französin gewann 2021 den OCC und 2022 den CCC. Beim UTMB wurde sie 2023 Dritte und 2024 Fünfte. Nach ihrem Streckenrekord bei Transvulcania in diesem Frühjahr scheint die Form ebenfalls zu stimmen.
Mit Anna Carlsson kehrt zudem die Vierte des Vorjahres zurück. Die Schwedin gewann 2026 sowohl den EcoTrail Paris 80k als auch den Trail Verbier St. Bernard 77k und dürfte erneut um das Podium laufen.
Starkes Frauenfeld trotz prominenter Absagen
Lucy Bartholomew bringt ebenfalls reichlich UTMB-Erfahrung mit. Die Australierin lief in den vergangenen drei Jahren jeweils unter die ersten Zehn und wurde 2026 sowohl bei Transvulcania als auch beim Lavaredo Ultra Trail Zweite.
Spannend wird außerdem das UTMB-Debüt von Rachel Entrekin. Die Amerikanerin gewann 2026 den Cocodona 250 Mile sogar im Gesamtklassement und stellte dabei einen Streckenrekord auf. Beim Chianti 120k wurde sie hinter Dauwalter Dritte und bewies damit, dass sie auch gegen die internationale Weltspitze konkurrenzfähig ist.
Fu-Zhao Xiang, Abby Hall, Riley Brady, Careth Arnold, Martina Valmassoi, Rachel Drake, Jazmine Lowther, Lin Chen, Kaytlyn Gerbin und Eszter Csillag sorgen für enorme Breite im Feld. Nicht mehr am Start sind neben Croft auch Sunmaya Budha, Ida Nilsson, Fiona Pascall und Henriette Albon.
Die große Chance
Selbst nach den prominenten Absagen bleibt der UTMB 2026 eines der am stärksten besetzten 100-Meilen-Rennen des Jahres. Einen eindeutigen Favoriten gibt es bei den Männern aber kaum noch.
Dhiman bringt das Ergebnis des Vorjahres und eine konsequente Vorbereitung mit. Bouillard besitzt vielleicht das höchste Leistungspotenzial, hat allerdings den Western States in den Beinen. Albon ist auf kürzeren Distanzen überragend, muss seine Klasse aber noch über die volle UTMB-Distanz bestätigen. Chassagne und Wade standen bereits auf dem Podium, Miller kennt den Weg dorthin ebenfalls.
Und Hannes Namberger?
Der Deutsche hat 2024 mit Rang vier bewiesen, dass er den UTMB kann. 2026 wurde er Zweiter bei der Transgrancanaria und gewann den Lavaredo Ultra Trail zum vierten Mal mit Streckenrekord. Kaum ein anderer Läufer im Feld verbindet derzeit Form, Erfahrung und Stärke auf langen alpinen Ultras auf einem vergleichbaren Niveau.
Nach den erfolgreichen Damen in den Vorjahren wäre 2026 ein Deutscher auf dem UTMB Männerpodium längst keine Sensation mehr. Und vielleicht darf man am Samstag in Chamonix sogar noch etwas größer denken.