Der Sportartikelhersteller Mammut intensiviert sein Engagement im Trailrunning. Im Zuge des Sponsorings des Kaiserkrone Trailrun Events veranstaltete Mammut Austria bereits im Vorfeld des Rennens ein Trailrunning Camp. Sportler, Journalisten und Influencer testeten dabei die aktuelle Kollektion sowie die Trailrunning-Schuhe in der Region Wilder Kaiser. XC-RUN.DE Redakteur Michael war vor Ort und startete als einziger Camp-Teilnehmer zum Abschluss auf der Ultradistanz.
Kaiserkrone – Rise with the Mountain
Die letzten Meter führen hinab nach Scheffau. Die pittoreske Rehbachklamm spendet etwas Schatten. Der Schweiß fließt trotzdem weiter – wie schon den ganzen Tag. Daran hat sich mein Körper während der Umrundung des Wilden Kaisers über viele Stunden gewöhnt. Eigentlich sogar schon seit Tagen.
Denn bereits vor dem Raceday wartete beim Mammut Trailrunning Camp ein abwechslungsreiches Programm. Den Auftakt machte am Donnerstag ein Shakeout Run durch genau diese Klamm. Angesichts der Rekordtemperaturen wäre nach dieser Streckenbesichtigung der Wechsel auf eine kürzere Distanz wohl die vernünftigere Entscheidung gewesen. Vielleicht dreißig Kilometer. Dann hätte ich die Geschichte eines gelungenen Laufs erzählen können: gute Vorbereitung, perfekte Nutrition-Strategie, solides Finish.
Doch ich muss an den Vortrag von Country Manager Manuel denken. Mammuts Positionierung als alpine Marke mit den Claims „Rise with the Mountain“ und „Not a Streetwear Brand“. Dazu passt eine andere Geschichte. Die eines Läufers, der weiß, dass Hitze seine Leistungsfähigkeit überproportional einschränkt – und der sich der Herausforderung trotzdem stellt. Also hinein in den Backofen der Ultradistanz, in der Hoffnung, die empfohlene Garzeit irgendwie zu überstehen.
Mammut Camp
Unsere Base in den gemütlichen Chalets des Hotels Leitenhof war perfekt gewählt. Umgeben von saftigem Grün und mit ständigem Blick auf den majestätischen Wilden Kaiser. Influencer, Sportler und Journalisten – gerade die Heterogenität unserer Gruppe machte den Austausch besonders spannend. Tina und Laura von Crystal Communications ließen das Camp mit viel Herzblut Wirklichkeit werden. Mein persönliches Highlight war die Morgenwanderung mit Yoga-Lehrerin Katharina. Tadasana mit Blick auf das Felsmassiv, Uttanasana, während die ersten Sonnenstrahlen über die Gipfel blinzeln. Dazu Achtsamkeit bei einer Kakaozeremonie – Eindrücke, die bleiben. Das anschließende Atemtraining auf den Shakti-Akupressurmatten sorgte dann auch für die wohldosierte Portion Schmerz – die ideale Einstimmung auf den Raceday. Fast hätten wir uns an den angenehmen Mix aus regenerativem Training, Socializing und gutem Essen gewöhnt. Doch spätestens beim Race-Bib-Pick-up im Startbereich schaltet mein Kopf wieder in den Performance-Modus. Fotoshooting auf dem Red Carpet der Start- und Finish-Area. Ich visualisiere meinen morgigen Zieleinlauf. Ich speichere diesen Moment an diesem besonderen Ort. Hier will ich morgen stehen. Hier werde ich stehen. Whatever it takes.
Auf die Interpretation kommt es an
Über dieses „Whatever it takes“ sprechen wir auf dem Rückweg. Ich antizipiere bereits die Schlagzeilen der Boulevardpresse. „Unverantwortlich bei diesen Temperaturen“ wäre vermutlich noch eine der harmloseren Formulierungen. Geschrieben von unverantwortlichen Couch Potatoes, die sich selbst unverantwortlich lange am heißen Grill aufhalten. Für mich bedeutet „Whatever it takes“ etwas anderes: alles zu tun, was nötig ist, um gesund das Ziel zu erreichen – im Einklang mit meinem Körper.
Ich weiß, dass mein Training in der kühlen Bündner Bergwelt keine optimale Vorbereitung auf diese Hitze war. Und ich erinnere mich gut an einen hitzebedingten Fieber-Einbruch bei einem früheren Abenteuer. Also werde ich meinem Körper genau das geben, was er braucht: einen Liter Flüssigkeit pro Stunde, ausreichend Kohlenhydrate, Natrium und – wann immer möglich – Wasser von oben. Ein Finish unter Extrembedingungen funktioniert nur mit, niemals gegen den Körper.Meine Strategie geht zunächst auf. Die zahlreichen Service Points bieten ausreichend Wasser und die Volunteers helfen, wo sie können. Unvergessen bleibt ein Schneefeld, aus dem ich mir gefrorenen Altschnee unter die Kappe stopfe. Für kurze Zeit behalte ich wieder einen kühlen Kopf. Dieser fehlt mir später, als Basilia mich an einem Treffpunkt unterstützt und mir eiskaltes Wasser in einer Thermosflasche reicht. Statt es zu trinken, kippe ich es komplett über meine Kappe. Unvergessen bleibt auch ihr Blick. „Geht’s dir noch gut?“ Nein. Schon lange nicht mehr.
Eskalation ohne Vorwarnung
Ich hatte schon immer Probleme mit dem Wort vernünftig. Die englische Übersetzung rational gefällt mir besser. Rational ist für mich alles, was mich meinem selbst gewählten Ziel näherbringt. Daraus ergibt sich zwangsläufig die nächste Frage: Ist dieses Ziel überhaupt rational? Oder einfacher formuliert: Ist es sinnvoll, am heißesten Tag des Jahres den Wilden Kaiser zu umrunden? Ich finde schon. Zumindest mit entsprechender Erfahrung und ausreichender Vorbereitung. Deshalb war ich – für meine Verhältnisse – heute sogar vernünftig. Moderates Tempo zu Beginn, konsequente Flüssigkeitsaufnahme, Carbs und Natrium. Alles lief nach Plan. Bei Kilometer 28 ging es mir fast schon unheimlich gut. Abgesehen davon, dass ich bereits zweimal heftig mit dem linken Fuß umgeknickt war. Trotzdem konnte ich nahezu schmerzfrei weiterlaufen. Am nächsten Service Point rief ich Basilia an. Nur noch fünf Kilometer bis zu unserem Treffpunkt. Ich liege sogar vor meinem Zeitplan. Sie beeilt sich. Doch nur fünfhundert Meter später beginnt das eigentliche Leiden. Basilia wird warten müssen.
Kein Stephen-King-Movie
Ultraläufe haben normalerweise den Vorteil, dass das Leiden erst spät beginnt und sich langsam steigert. Heute ist alles anders. Beim Wechsel auf die Südseite schlägt die Sonne zu. Abrupt. Hart. Erbarmungslos. Die nächsten fünf Kilometer fühlen sich härter an als die 35 zuvor. Kein langsames Hineingleiten in die Schmerzzone. Kein Gewöhnen. Kein Ankommen. Heute geht alles auf einmal. Horrorschocker statt Stephen-King-Roman. Gleichzeitig verändert sich auch das Terrain. Während der erste Streckenabschnitt vorbei am Hintersteiner See über Kaindlhütte, Stripsenjochhütte und Maukalm größtenteils gut laufbar war, wird die Südseite technisch anspruchsvoll. Geröll, Blockwerk und wurzelige Trails reduzieren mein Tempo deutlich. Die verbleibenden sechzehn Kilometer scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Rauf, runter, unrhythmisch, fordernd. Mein linker Fuß knickt erneut um. Immer stärker muss ich mich im Downhill auf meine Stöcke stützen. Trotzdem freue ich mich, als nach einer Talquerung der Weg überraschend nach links unten abzweigt. Unten im Tal sehe ich bereits eine Hütte. Gleich geschafft. Doch kurz davor führt der Trail wieder steil nach oben. Fast senkrecht erhebt sich die Wand vor mir. Ich setze mich in den Schotter. Ein paar Minuten Pause. Dann geht es weiter. Steil, teilweise versichert, über Leitern. Irgendwann ist es geschafft. Die Gruttenhütte gibt es tatsächlich.
Happy End
Das kalte Wasser aus dem Schlauch kühlt endlich meinen Kopf. Zusammen mit mehreren Litern Cola kehrt auch die Konzentration langsam zurück. Mein Trab wird wieder flüssiger. Die leicht abfallende Forststraße lädt zum Tempomachen ein. Ein stechender Schmerz im Knöchel beendet diesen Plan jedoch sofort. Der weitere Weg Richtung Kaiser Hochalm wird erneut mühsam. Ich beginne, die Kilometer rückwärts zu zählen. Es dauert lange, bis ich vertrautes Terrain entdecke. Oberhalb der Rehbachklamm fand am Vortag unsere Yoga-Session statt. Wie unterschiedlich sich dieselbe Bergwelt innerhalb eines Tages anfühlen kann. Kurz darauf tauche ich wieder in den Schatten der Klamm ein. Jetzt weiß ich: Es ist geschafft. Den letzten Asphaltkilometer bergab kann ich fast schon wieder genießen. Im Ziel empfängt mich die Mammut Crew. Vor gerade einmal 48 Stunden haben wir uns kennengelernt. Doch das Camp hat uns schnell zusammengeschweißt. Ich erzähle von meinen Erfahrungen auf der Strecke. Ich bin froh, diese Geschichte erlebt zu haben. Egal, wie hart sie war. Was bleibt, ist die Erinnerung. An ein unvergessliches Wochenende. An die beeindruckende Kulisse des Wilden Kaisers. An eine perfekte Organisation und unermüdliche Volunteers. Schade, dass es schon vorbei ist. Doch nur der Lauf – nicht die Erinnerung.
