Mountainman Nesselwang: Deutsche Meisterschaft im Ultratrail
Vergangenes Wochenende fand der Mountainman in Nesselwang im Herzen des Allgäus statt. In diesem Jahr wurde dort die Deutsche Meisterschaft im Ultratrail auf der XXL-Strecke über 70 Kilometer und 4.000 Höhenmeter ausgetragen. Das Starterfeld war entsprechend hochkarätig besetzt und sorgte für beeindruckend schnelle Zeiten.
Auch unsere beiden xc-run.de Athletinnen Susi und Bine standen an der Startlinie der Königsdistanz. Hier berichten sie von ihrer Reise durch das Allgäu.
Bine: Schlammschlacht im Allgäu
Mein erster Wettkampf in diesem Jahr – und dann direkt 70 Kilometer mit 4.000 Höhenmetern. Ich freute mich riesig und war gespannt, ob sich die vielen Trainingskilometer und Höhenmeter der vergangenen Wintermonate auszahlen würden.
Die Wettervorhersage versprach eigentlich Sonnenschein und Temperaturen von über 20 Grad – zumindest dachten wir das. Der Wettergott hatte jedoch andere Pläne und schickte uns rund 1,5 Stunden vor dem Start Regen und Gewitter. Als wir um 6 Uhr an der Startlinie standen, hatte der Regen zum Glück aufgehört, begleitete uns aber in den ersten zwei Stunden immer wieder. Entsprechend rutschig und matschig war die gesamte Strecke. Es entwickelte sich eine regelrechte Schlammschlacht, bei der der ein oder andere mehrfach auf dem Hintern landete.
Gleich zu Beginn führte uns der Wasserfallweg mit seinen zahlreichen Stufen hinauf zur Kappeler Alp und zur ersten Verpflegungsstation. Dort waren bereits die ersten drei der insgesamt neun Anstiege geschafft. Nach einem flowigen Downhill ging es rund zehn Kilometer relativ flach weiter, bevor der steilste Uphill des Tages wartete: Über 800 Höhenmeter auf fünf Kilometern hinauf zum Breitenberg. Belohnt wurden wir dort mit einer traumhaften Aussicht auf das Allgäuer Seenland.
Ich fühlte mich gut und freute mich über die vielen netten Menschen, die ich auf der Strecke kennenlernen durfte und denen ich im Laufe des Rennens immer wieder begegnete. Durch den etwas chaotischen Start aufgrund der vielen Teilnehmer verlor ich allerdings komplett den Überblick über meine Platzierung und wusste während des gesamten Rennens nicht, wo ich eigentlich lag.
Nach 40 Kilometern wurde es noch einmal richtig anspruchsvoll. Auf 18 Kilometern warteten vier weitere Anstiege auf uns. Langsam wurde es zäh, und vor allem meine Oberschenkel machten sich in den Downhills zunehmend bemerkbar.
Nach etwa 58 Kilometern war der letzte große Anstieg geschafft. Die verbleibenden neun Kilometer verliefen größtenteils relativ flach – zumindest dachten das die meisten. Was niemand eingeplant hatte, waren die vielen kurzen, aber fiesen Gegenanstiege zum Schluss, die gefühlt niemals enden wollten.
Auf dem letzten Kilometer rund um das Veranstaltungsgelände konnte ich bereits den Moderator hören und die großartige Stimmung spüren. Ich wusste: Gleich habe ich es geschafft.
Nach 8:47 Stunden erreichte ich als siebte Frau das Ziel. Bei diesem stark besetzten Teilnehmerfeld bin ich mit meiner Leistung mehr als zufrieden. Ein großes Kompliment an die Veranstalter: super Organisation, tolle Stimmung und eine perfekt markierte Strecke – verlaufen war nahezu unmöglich. :)
Susi: Vom Vertical zum ersten Ultra
70 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter später fühlt sich das Ganze immer noch irgendwie unreal an.
Vor gerade einmal einer Woche stand ich noch in Innsbruck bei einem Vertical am Start – 7,5 Kilometer mit 1.330 Höhenmetern. Genau darauf hatte ich mich eigentlich vorbereitet. Der Fokus in diesem Jahr sollte ohnehin eher auf dem reinen Bergauflaufen liegen, weil ich nach meiner Sprunggelenks-OP im vergangenen November lange nicht wusste, ob mein Fuß die Belastung überhaupt mitmachen würde – vor allem bergab.
Der Ultratrail in Nesselwang war deshalb eher eine spontane Aktion. Einfach mal ausprobieren. Ohne Erwartungen. Mit dem Gedanken:
„Wenn’s nicht geht, steige ich eben aus.“
Und ehrlich gesagt: Mit dem Wissen, keinen einzigen Longrun über 22 Kilometer in den Beinen zu haben und sich dann zwischen toptrainierte Läuferinnen und Läufer an die Startlinie zu stellen, fühlte sich das schon ziemlich verrückt an.
Der Start war – wie so oft – viel zu schnell. Das richtige Tempo bei einem Ultra zu finden, ist eine Kunst für sich. Gleiches gilt für die Verpflegung.
„Du musst viel essen, Mädel“, sagte mir einer der Läufer, „sonst hast du irgendwann keine Kraft mehr.“
Der Aspekt Ernährung war für mich – genau wie die Distanz selbst – völliges Neuland. Bei einem Vertical spielt das während des Rennens kaum eine Rolle. Meine Strategie lautete: pro Stunde ein Riegel und ein Gel, dazu viel trinken. Insgesamt wurden es zwei Gels, fünf Riegel, vier Salztabletten und sechs Liter Iso-Getränk. Dazu hier und da an den Verpflegungsstationen ein Stück Kuchen, Salzbrezeln und Gummibärchen. Vielleicht war das insgesamt etwas zu wenig – für mich hat es aber gut funktioniert.
Dass ich am Ende tatsächlich durchs Ziel gelaufen bin, kann ich selbst kaum glauben. Die einzige Erklärung dafür ist ein während des Rennens immer stärker werdender Wille, mir selbst zu beweisen, dass ich das schaffen kann.
Sicherlich haben mir auch der Winter mit einem Everesting auf Ski, viele Skitouren, unzählige Radstunden sowie viel Fußstabilisation und Krafttraining geholfen.
Meine Taktik war simpel: Ich lief von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation und konzentrierte mich immer nur auf den nächsten Abschnitt. Die Downhills ging ich bewusst vorsichtig an – stets mit einem Auge auf meinen verletzten Fuß. Schneller als eine 5er-Pace lief ich bergab nie. Dafür konnte ich meine Stärken bergauf ausspielen.
Je näher das Ziel kam, desto größer wurde mein Ehrgeiz. Irgendwann wollte ich es einfach unbedingt schaffen.
Dass am Ende tatsächlich Platz acht hinter meiner Teamkollegin Bine vom XC-RUN.DE Team heraussprang und ich damit sogar den zweiten Platz in der Altersklasse W35 bei der Deutschen Ultratrail-Meisterschaft belegte, fühlt sich immer noch völlig verrückt an. Vor allem, weil ich zuvor noch nie weiter als 50 Kilometer gelaufen war – und jetzt einfach meinen ersten Ultra gefinisht habe.
Jetzt erinnert mich allerdings jeder einzelne Schritt daran, was da eigentlich passiert ist: Muskelkater gefühlt bis in die Augenbrauen und jede Treppe ist aktuell mein persönlicher Endgegner. Aber genau dieser Mix aus Schmerz, Stolz und Fassungslosigkeit macht dieses Erlebnis so besonders.
Fazit
Der Mountainman Nesselwang war eine rundum gelungene Veranstaltung mit großartiger Organisation, toller Stimmung und vielen netten Menschen. Wer sich an die 70-Kilometer-Strecke wagt, sollte seine Kräfte allerdings gut einteilen. Die insgesamt neun Anstiege haben es wirklich in sich. Wer seine Körner bereits am Anfang verschießt, wird bis ins Ziel einen harten Kampf vor sich haben.