Sierre-Zinal - Die „Kathedrale des Trailrunnings“ steht bevor - xc-run.de Trailrunning

Sierre-Zinal – Die „Kathedrale des Trailrunnings“ steht bevor

Seit mehr als fünf Jahrzehnten gilt Sierre-Zinal als eines der bedeutendsten Trailrunning-Rennen der Welt. Die legendäre Strecke durch das Wallis verbindet Geschichte, spektakuläre Alpenkulisse und sportliche Höchstleistungen wie kaum ein anderes Rennen. Am 8. August macht die Golden Trail World Series erneut Station beim wohl prestigeträchtigsten Klassiker des Sports.

Ein Rennen, das Trailrunning-Geschichte schrieb

Sierre Zinal 1974 © inconnu

Es gibt Rennen, die gewinnt man. Und es gibt Rennen, die Karrieren definieren. Sierre-Zinal gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.

Seit seiner Premiere im Jahr 1974 hat sich der Schweizer Klassiker zu einer der prestigeträchtigsten Veranstaltungen im internationalen Trailrunning entwickelt. Kaum ein Rennen genießt weltweit einen vergleichbaren Ruf. Nicht ohne Grund wird Sierre-Zinal oft als „Kathedrale des Trailrunnings“ bezeichnet – ein Ort, an dem Generationen der besten Berg- und Trailläufer gegeneinander angetreten sind.

Seit der Gründung der Golden Trail World Series (GTWS) im Jahr 2018 gehört Sierre-Zinal ohne Unterbrechung zum Kalender der Serie und bildet auch 2026 wieder den fünften Saisonstopp. Am 8. August trifft sich erneut die Weltelite im Wallis, bevor anschließend die entscheidende Asien-Trilogie den Kampf um den Gesamtsieg entscheidet.

Eine visionäre Idee wird zum Kult

Sierre Zinal 1975 © inconnu

Die Geschichte von Sierre-Zinal beginnt mit einem Mathematiker.

Jean-Claude Pont, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Genf und gleichzeitig ausgebildeter Bergführer, entwickelte Anfang der 1970er Jahre die Idee, zwei Walliser Dörfer über einen alpinen Höhenweg miteinander zu verbinden. Viele hielten das Vorhaben damals für unrealistisch. Bergläufe dieser Dimension waren in Europa nahezu unbekannt.

Mehr als fünf Jahrzehnte später gilt seine Vision als eine der größten Erfolgsgeschichten des Trailrunnings.

Die 31 Kilometer lange Strecke folgt alten Hirtenpfaden zwischen Sierre und Zinal und führt durch das beeindruckende Anniviers-Tal. Dabei eröffnet sich den Läuferinnen und Läufern ein Panorama auf jene fünf Viertausender, die dem Rennen seinen zweiten Namen verleihen:

  • Weisshorn (4.506 m)
  • Matterhorn (4.478 m)
  • Dent Blanche (4.357 m)
  • Zinalrothorn (4.221 m)
  • Obergabelhorn (4.063 m)

Diese einzigartige Kulisse machte Sierre-Zinal früh zu weit mehr als einem Sportereignis.

Geschichte, Emotionen und Atmosphäre

Der Mythos lebt jedoch nicht allein von der Landschaft. Die Organisatoren sprechen von einer besonderen Mischung aus Geschichte, sportlicher Leistung und Authentizität. Entlang der gesamten Strecke sorgen Dörfer, freiwillige Helfer und tausende Zuschauer für eine Atmosphäre, die selbst erfahrene Weltklasseathleten immer wieder beeindruckt. Trotz seiner internationalen Bedeutung hat sich das Rennen seinen familiären Charakter bewahrt – ein Spagat, der heute nur noch wenigen Großveranstaltungen gelingt.

Fast and Furious – der schnellste Klassiker der GTWS

Mit 31 Kilometern und rund 2.200 Höhenmetern zählt Sierre-Zinal keineswegs zu den einfachsten Rennen der Serie. Trotzdem gilt es als schnellster Kurs der Golden Trail World Series.

Der Grund liegt im Streckenprofil.

Bereits auf den ersten elf Kilometern müssen die Athleten mehr als 1.420 Höhenmeter überwinden. Anschließend folgt ein außergewöhnlich laufbarer Höhenweg mit schnellen Passagen bis zum höchsten Punkt bei Nava (2.424 m). Von dort geht es fast ausschließlich bergab Richtung Ziel nach Zinal.

Gerade dieser lange Downhill sorgt regelmäßig für spektakuläre Rennverläufe und dramatische Entscheidungen auf den letzten Metern. Sprintentscheidungen gehören hier beinahe zur Tradition.

Der unveränderte Streckenverlauf erlaubt zudem einmalige Vergleiche zwischen verschiedenen Generationen von Athleten. Auf dem eigenen „Walk of Fame“ werden alle Läufer verewigt, die die magischen Marken von 2:40 Stunden (Männer) beziehungsweise 3:10 Stunden (Frauen) unterboten haben.

Kilian Jornet prägte eine ganze Ära

Kaum ein Name ist enger mit Sierre-Zinal verbunden als Kilian Jornet.

Der Spanier gewann das Rennen unglaubliche zehnmal und stellte 2024 mit 2:25:34 Stunden den bis heute gültigen Streckenrekord auf.

Für Jornet besitzt das Rennen einen besonderen Stellenwert:

„Jede Generation von Bergläufern ist auf derselben Strecke gelaufen. Genau das macht Sierre-Zinal so besonders.“

Eigentlich sollte der Ausnahmeläufer 2026 erneut an den Start gehen. Nach seinen anhaltenden Verletzungsproblemen sagte Jornet seine Teilnahme jedoch kurzfristig ab. Damit müssen die Fans auf ein weiteres Kapitel seiner außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte verzichten.

Bei den Frauen hält Maude Mathys seit 2019 den Streckenrekord. Die vierfache Siegerin lief damals beeindruckende 2:49:20 Stunden.

Mehr als 6.800 Läufer machen den Mythos lebendig

Längst ist Sierre-Zinal weit mehr als ein Eliterennen.

Heute reisen jährlich über 6.800 Teilnehmer aus mehr als 70 Nationen ins Wallis. Neben dem leistungsorientierten Wettkampf existiert auch eine nicht gewertete „Tourist“-Kategorie, wodurch Läufer aller Leistungsstufen den Klassiker erleben können.

Diese enorme internationale Anziehungskraft brachte dem Rennen den Spitznamen „New York Marathon des Trailrunnings“ ein.

Nach Aussage der Organisatoren hat insbesondere die Golden Trail World Series die weltweite Bekanntheit des Rennens noch einmal deutlich gesteigert und Sierre-Zinal endgültig zu einer internationalen Referenzveranstaltung gemacht.

Vorschau: Titelverteidiger treffen auf die Weltelite

Sierre Zinal © rising.story / justingalant

Am 8. August richtet sich der Blick der Trailrunning-Welt erneut ins Wallis.

Als Titelverteidiger gehen Philemon Kiriago (Run2Gether On Trail) und Caroline Kimutai (Salomon) ins Rennen.

Vor allem Kiriago gehört erneut zu den größten Favoriten. Der Kenianer gewann Sierre-Zinal bereits 2023 und 2025 und lieferte sich 2024 mit Kilian Jornet eines der spektakulärsten Finale der Rennhistorie. Damals verpasste er den Sieg und den Streckenrekord lediglich um eine Sekunde.

Mit seinem explosiven Laufstil und den schnellen Passagen kommt ihm das Profil des Rennens besonders entgegen. Entsprechend selbstbewusst blickt der Titelverteidiger auf die Neuauflage:

„Es ist mein Lieblingsrennen in Europa. Ich liebe, dass der Kurs jedes Jahr gleich bleibt. Wir wollen auch 2026 wieder um den Sieg kämpfen.“

Auch im Frauenrennen verspricht die Startliste hochklassigen Sport. Caroline Kimutai möchte ihren Titel verteidigen, trifft dabei jedoch auf zahlreiche Konkurrentinnen aus der internationalen Trailrunning-Elite.

Ein Rennen, das jeder Trailrunner kennt

Es gibt Veranstaltungen, die durch Preisgelder oder Weltmeisterschaften Bedeutung erlangen. Sierre-Zinal braucht all das nicht.

Der Mythos entstand durch seine Geschichte, seine unveränderte Strecke, seine einzigartige Kulisse und unzählige legendäre Duelle der vergangenen fünf Jahrzehnte.

Wer hier gewinnt, trägt seinen Namen dauerhaft in die Geschichte des Trailrunnings ein. Genau deshalb bleibt Sierre-Zinal auch nach über 50 Jahren das Rennen, von dem Generationen von Trailrunnern träumen.

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