Abenteuer auf der Ortles Haute Route - xc-run.de Trailrunning

Abenteuer auf der Ortles Haute Route

Gestartet, gekämpft, gescheitert – so ließe sich die Ortles Haute Route aus Sicht von XC-RUN.DE Athlet, Michael Förster, zusammenfassen. Doch zwischen König Ortler, verschneiten Pässen, Gletscherquerungen und einer langen Nacht wird aus einem Wettkampf etwas viel Größeres: ein Abenteuer in einer Bergwelt, die jedes menschliche Größengefühl relativiert.

Gestartet, gekämpft, gescheitert – in diesem Dreiklang könnte ich mein Erlebnis aus Sicht des Sportlers erzählen. Doch diese introspektive Herangehensweise griffe zu kurz angesichts der majestätischen Bergwelt. König Ortler dominiert die Szenerie mit einer Selbstverständlichkeit, die jedes menschliche Größengefühl relativiert. Hier ist kein Platz für ein klassisches Sportevent. Dafür ist es zu wild, zu rau, zu schroff. Auf der Ortles Haute Route fühlte ich mich als Abenteurer. Aus dieser Perspektive werde ich berichten.

Stille und Fokus

Michael Förster auf der Ortles Haute Route

Ein kurzer Shakeout-Run durch Bormio. Das trübe Gletscherwasser des Frodolfo zeugt vom Temperatursturz der vergangenen Tage und ergiebigen Niederschlägen. Mit Winterjacke gehe ich zum Race Briefing ins Sportzentrum Bormio. Knapp zweihundert Athleten warten auf die Details zur Strecke. Ein Blick ins Teilnehmerfeld zeigt mir gleich: Hier versammelt sich geballte Bergerfahrung. Die Kleidung funktional statt trendy. Die Mimik fokussiert statt affektiert. Das Verhalten respektvoll statt abgehoben.

Und dann wird es ganz ruhig im Raum. Marco De Gasperi, einer der ganz Großen des italienischen Berglaufs und sechsfacher Weltmeister, erklärt den Kurs um den Ortler. Es ist sein Projekt, das nun kurz davor steht, aus seinem Traum in unsere Wirklichkeit zu treten. Immer wieder geht es um Herausforderungen im alpinen Gelände und die richtige Ausrüstung. Wir werden dreimal über 3.000 Meter aufsteigen. Die erwartete Temperatur dort oben liegt im Minusbereich. Entsprechend war mein Laufrucksack niemals schwerer als heute. Was wird mich erwarten?

Trailrun oder Expedition

Michael Förster auf der Ortles Haute Route

Ein kurzes Warm-up durch die pittoreske Altstadt Bormios, bevor es steil wird. Zurückhaltung zählt hier. Ich habe Basilia versprochen, vernünftig zu sein. Welchen Sinn hätte es auch, jetzt eine Pace zu laufen, die ich 24 Stunden später nicht mehr annähernd erreichen könnte? In diesem Sinn sind wir alle zu schnell.

Oberhalb des Val d’Uzza stimmen uns aber erst einmal flowige Trails auf das bevorstehende Abenteuer ein. Nach Fantelle geht es weiter hinauf. Die Querung ins Val Zebrù lässt erstmals alpines Feeling aufkommen. Steil geht es nun über Schutt und Geröll hinauf zum Rifugio Quinto Alpini. Ein Stück Crostata und ein kühles Sanpellegrino Limone & Menta bringen mich zurück in den Rennmodus. Wiesen verschwinden und werden sukzessive durch Geröll, Stein und Fels ersetzt. Der Singletrail quert hoch über dem Tal, bis es schließlich etwas versichert über den Pass zum Rif. Pizzini geht. Etwas Neuschnee sorgt im Sonnenlicht für eine atemberaubende Kulisse.

Am Rifugio empfängt mich Basilia. Eine kurze Umarmung. Dann back to business.

„Es wird kalt. Zieh dich an.“

Ein kurzes Stück Winter

Michael Förster auf der Ortles Haute Route

Noch einmal im Sonnenschein kämpfe ich mich den steilen Anstieg hinauf zum Rif. Casati auf 3.269 Metern. Hinter dem Pass ist es schattig. Ich bin dankbar für Basilias Kleidungstipps und meine lange Hose. Ich ziehe mir noch die Spikes über die Schuhe und mache mich auf zur Gletscherquerung. Der Neuschnee der vergangenen Tage sorgt für Winterfeeling. Passend zu meiner Skilanglaufmütze. Schnee und Fels wechseln sich ab. Eine steile Rinne fordert etwas Kletter-Skills, um wieder über 3.000 Meter zu kommen.

Dann geht es lange bergab zum Rif. Nino Corsi. Bei Suppe und Brot reflektiere ich den Tag in der Abenddämmerung. Gerade einmal ein Drittel der Strecke liegt hinter mir. Doch um Zeit geht es mir heute nicht. Jeder Meter des Kurses wäre Grund gewesen, sich hinzusetzen und die Aussicht auf die Bergwelt zu genießen. Hier wäre auch ein einladender Platz für ein Nachtquartier. Doch es geht weiter.

Abenddämmerung

Die Stirnlampe habe ich schon auf dem Kopf. Bald brauche ich ihr Licht im düsteren Tal. Dunkelheit umschließt mich zusehends. Nur vereinzelte Lampen leuchten am Berg vor mir und signalisieren mir einen langen Anstieg. Auf dem Madritschjoch bin ich das dritte Mal auf über 3.000 Metern. Es folgt ein langer, einfacher Downhill hinunter nach Sulden. Das Ristoro findet hier indoor in der Sporthalle statt. Mitten in der Nacht bin ich nicht in der Stimmung zum Ausruhen. Bald breche ich wieder auf.

Auf der steilen Skipiste unterhalte ich mich zum ersten Mal mit einem Mitläufer. Etwas Deutsch, some English, un po’ di italiano. Und schon haben wir uns verlaufen. Ein kleiner Umweg, dann sehen wir zum Glück wieder Lichtkegel. Irgendwann kommen uns auch welche entgegen. Ich erinnere mich an das Briefing. Zum Rif. Serristori geht es rauf und dann wieder zur Hälfte runter. Die Kälte dort oben hält die Pause kurz. Wir queren lange die zum Teil steil abfallenden Hänge. Die Dunkelheit ist hier von Vorteil. Da sieht man die Tiefe nicht so genau.

Lange Nacht

Michael Förster auf der Ortles Haute Route

Der Weg nach Stilfs will kein Ende nehmen. Die Oberschenkel schmerzen in den steilen Downhillpassagen. Endlich erreiche ich die Straßenquerung. Noch eine steile Rampe hinauf ins Dorf und die kleine Servicestation ist erreicht. Ich setze mich auf einen Campingstuhl, esse Marmeladentoast und beginne zu frieren. Langsam setzt die Erschöpfung ein. Mein Körper beginnt trotz der Bewegung zu zittern. Ich frage nach einem warmen Platz, um kurz zu schlafen. Der Helfer deutet auf ein kleines Einmannzelt. Eine Katze schlüpft durch die Türöffnung hinaus. Bettenwechsel.

Ich ziehe die Schuhe aus, lege den Rucksack neben mich und kauere mich unter die dünne Wolldecke. So richtig warm werde ich nicht, aber zumindest kann ich zwanzig Minuten unruhig schlafen. Kurz vor Sonnenaufgang geht es weiter. Hinauf zum Passo Stelvio. Den ersten Teil bin ich schon einmal beim Stelvio Marathon gelaufen. Damals mit frischen Beinen. Berge im Morgenrot entschädigen für die Anstrengung. Die Sonne wärmt. Zur Hälfte des Anstiegs setze ich mich ins Gras. Die Jacke kann ich ausziehen. Stirnlampe gegen Sonnenbrille tauschen. Bereit für den final climb.

Der Berg gewinnt

Doch plötzlich ist alles anders. Ich bekomme immer weniger Sauerstoff. Das ist nicht allein die Höhe. Das ist das Belastungsasthma wie im Vorjahr beim UTMB. Noch sieben Kilometer bis zum Pass. Alle paar Minuten bleibe ich stehen. Dazwischen telefoniere ich immer wieder mit Basilia. Immer kleiner fühle ich mich angesichts des mächtigen König Ortler auf der anderen Talseite. Mit letzter Kraft schaffe ich es zum Pass. Ich frage nach dem Dottore. Cortison intravenös sollte nach dreißig Minuten helfen. Basilia bringt mich in die Verpflegungsstation im Berghotel. Gemütlich ist es hier. Zu gemütlich. Ich widerstehe dem Drang, mich in eines der Betten zu legen. Ich will weiter. Doch der Bergauftest verläuft negativ. Der Dottore kann auch nichts mehr machen.

„Nur Ruhe hilft jetzt.“

Das war nicht das Ende, das ich mir vorgestellt hatte. Die verbleibenden Bergabpassagen hätte ich vielleicht noch geschafft. Doch noch einmal tausend Höhenmeter im Gegenanstieg wären nicht möglich, ohne größere Probleme zu provozieren. Meine Uhr zeigt 96 Kilometer und über 7.000 positive Höhenmeter. Doch das ist nur die Perspektive des Sportlers. Die Perspektive des Abenteuers zeigt eine Abfolge schneller Bilder von Gipfeln, Schnee und Sonne. Ein voller Tag, komprimiert in Highlights, die in Sekundenbruchteilen wechseln, gleich einem Instagram-Reel. Erschöpft schlafe ich ein. Die Bilder begleiten mich in meinen Traum. Der Wettkampf endete am Passo Stelvio. Das Abenteuer nicht.

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