Der erste 100-Kilometer-Ultratrail bleibt für viele Läuferinnen und Läufer ein Meilenstein. Für xc-run.de Athletin Claudi Sieder wurde der Garda Trentino Trail zu einem Rennen, das sie körperlich und mental an ihre Grenzen brachte – und darüber hinaus. Einen Monat nach ihrem Debüt über die 100-Kilometer-Distanz blickt sie mit etwas Abstand auf eine Nacht voller Emotionen, Herausforderungen und unvergesslicher Momente zurück.
Mit Abstand wird vieles klarer
Ganz bewusst schreibe ich diesen Bericht erst einen Monat nach meinem ersten 100er. Direkt nach dem Rennen war ich einfach nur gehypt. Die Emotionen waren riesig und ich wollte mir die Zeit nehmen, alles erst einmal sacken zu lassen. Jetzt kann ich sagen: Dieser Lauf war eines der intensivsten Erlebnisse, die ich je hatte.
100 Kilometer, rund 6.000 Höhenmeter und Selbstnavigation. Meine längste Distanz zuvor waren gerade einmal 40 Kilometer. Ich hatte also keine Ahnung, was wirklich auf mich zukommen würde. Dazu kam etwas völlig Neues: die ganze Nacht durchzulaufen.
Vorbereitung: Jeder Handgriff musste sitzen
Ich habe mich akribisch auf diesen Wettkampf vorbereitet – vor allem organisatorisch. Da es unterwegs nur zwei offizielle Verpflegungsstellen gab, musste alles genau geplant werden. Wo treffe ich meine Supporter? Was brauche ich wann? Welche Kleidung? Welche Verpflegung? Ich wollte während des Rennens möglichst wenig dem Zufall überlassen.
Der Start in eine lange Nacht
Der Start war um 21 Uhr in Riva del Garda. Kurz zuvor zog noch eine Kaltfront durch. Es regnete, die Temperaturen sanken und die Trails waren matschig und rutschig. Ideale Bedingungen sehen anders aus. Aber genau das machte es auch fair – jeder hatte mit denselben Bedingungen zu kämpfen.
Am Start war ich nervös. Mehr als einmal fragte ich mich: Warum mache ich das eigentlich? Doch sobald der Startschuss fiel, verschwanden diese Gedanken. Ich lief bewusst entspannt los, fand schnell meinen Rhythmus und wusste genau, was ich zu tun hatte.
Es war meine erste komplette Nacht auf den Beinen. Ich wusste aber auch: Nach etwa 30 Kilometern würde ich zum ersten Mal mein Support-Team treffen. Darauf hatte ich mich die ganze Zeit fokussiert.
Allein mit dem Trail und meinen Gedanken
Viele Kilometer war ich komplett allein unterwegs. Ich sah eigentlich nur den Lichtkegel meiner Stirnlampe und in der Ferne die kleinen Lichter anderer Läufer. Immer wieder überholte ich Männer vor mir und lief einfach weiter.
Genau das machte das Laufen in der Nacht so besonders. Es gibt nur dich, den Trail und das Licht deiner Stirnlampe. Alles andere verschwindet. Gedanken kommen und gehen. Irgendwann fing ich sogar an, mit mir selbst zu reden – über Gott und die Welt. Und jede volle Stunde wartete meine kleine Belohnung auf mich: ein Gummibärchen. So simpel, aber genau diese kleinen Rituale können unglaublich motivieren.
Die Jagd nach der Führenden
Ich wusste, dass ich bei Kilometer 70 die zweite und letzte Verpflegungsstelle erreichen würde. Doch schon bei Kilometer 60 entdeckte ich plötzlich die erste Frau vor mir. Ich fühlte mich immer noch stark, mein Tempo war gut und vor allem hatte ich richtig Lust auf diesen Lauf.
Am letzten langen Anstieg vor der Verpflegungsstelle kam ich ihr immer näher. Irgendwann bemerkte sie mich. Man konnte förmlich spüren, dass sie plötzlich unter Druck geriet. Ich hingegen wusste genau, was ich noch leisten konnte.
Schließlich liefen wir nahezu zeitgleich in die letzte Verpflegungsstelle ein. Es war etwa halb sieben Uhr morgens.
Während sie möglichst schnell wieder auf die Strecke wollte, blieb ich ganz bewusst ruhig. Ich nahm mir Zeit, versorgte mich ordentlich und putzte sogar meine Zähne. Klingt vielleicht ungewöhnlich, aber genau das fühlte sich in diesem Moment richtig an und gab mir noch einmal ein frisches Gefühl. Sie verließ die Verpflegungsstelle etwa drei Minuten vor mir.
Nur zwei Minuten später machte auch ich mich wieder auf den Weg.
Der folgenschwere Verläufer
Die nächsten 15 Kilometer liefen perfekt. Alles fühlte sich weiterhin kontrolliert an. Bis mir ein Fehler passierte, der bei einem Ultralauf besonders schmerzhaft ist.
Unachtsamkeit. Müdigkeit. Ein kurzer Moment fehlender Konzentration.
Ich verlief mich.
Und zwar nicht nur ein paar Meter, sondern ganze 40 Minuten. Nach 85 Kilometern fühlt sich so etwas brutal an. Jeder zusätzliche Schritt kostet Kraft, die man eigentlich nicht mehr übrig hat.
Trotzdem kämpfte ich mich zurück auf die Strecke und schließlich ins Ziel.
Glücklicher als jede Zielzeit
Nach 14 Stunden und 25 Minuten war es geschafft.
Meine geplante Zielzeit lag bei 16 Stunden. Natürlich habe ich mich gefragt, was ohne den Verläufer möglich gewesen wäre. Wäre eine Zeit unter 14 Stunden drin gewesen? Ich behaupte: Ja.
Im Ziel war ich einfach nur glücklich. Gleichzeitig wusste mein Körper überhaupt nicht mehr, was er eigentlich brauchte. Schlaf? Essen? Trinken? Wahrscheinlich alles gleichzeitig.
Mein Fazit: Mehr als nur 100 Kilometer
Dieser erste 100-Kilometer-Ultratrail hat mir gezeigt, wie viel mehr in uns steckt, als wir oft glauben. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental. Die langen Stunden allein in der Dunkelheit, die Gespräche mit mir selbst, die kleinen Rituale und das Vertrauen in meine Vorbereitung haben diesen Lauf zu etwas ganz Besonderem gemacht.
Und falls mich heute jemand fragt, ob ich jemals wieder einen 100er laufen würde?
Absolut.
Ja.
Text und Bilder: Claudia Sieder