Mein UTMB Mont Blanc 2024 – ungeschminkt und ohne rosarote Brille - xc-run.de Trailrunning

Mein UTMB Mont Blanc 2024 – ungeschminkt und ohne rosarote Brille

Chamonix – beschauliches Bergsteigerdorf, Sehnsuchtsort für Bergsportler aus aller Welt und Ende August für eine Woche das Mekka der Trailrunning-Szene. Hier steigt mit dem UTMB Mont-Blanc das wohl wichtigste Event des Jahres.

Der Wahnsinn beginnt

Schweißgebadet und mit flauem Magen hetze ich zum dritten Mal durch dieses „Paradies“, um meinen reservierten Slot bei der Ausgabe der Startunterlagen nicht zu verpassen. Ich bin ein alter Hase in diesem Sport und doch überkommt mich wieder dieses beklemmende Gefühl, der strengen Ausrüstungskontrolle nicht zu genügen und im letzten Moment doch nicht mitspielen zu dürfen.

Neben mir schwebt Eva Sperger durch den Eliteeingang der Startnummernausgabe – begleitet von Kamerateams für eine exklusive UTMB-Dokumentation. Eigentlich kenne ich Eva ganz gut und schätze sie als Mensch und Sportlerin sehr, aber ich wage es kaum, sie in dieser Situation anzusprechen und ihr viel Erfolg zu wünschen. Zu groß erscheint in diesem Umfeld die Kluft zwischen Elitestartern und „Normalos“ wie mir.

Es ist mir alles zu viel hier in dieser UTMB-Woche in Chamonix. Zu viel Ego, zu viel Selbstdarstellung, zu viele Handys, GoPros und selbsternannte Superstars. Ich bin froh, als ich endlich aus dem Trubel herauskomme und meinen idyllischen Campingplatz erreiche. Auch hier erzählt mir die Wirtin, dass ihr diese Woche zu viel wird und sie froh ist, wenn der UTMB endlich vorbei ist.

Vortag

Die Mingo Männer mit ihrem SUNLIGHT Camper in Chamonix

Am nächsten Tag wandern wir mit den Kindern zum Fuße des Mont-Blanc-Gletschers. Beeindruckend und erschreckend zugleich, wenn man den Rückgang dieses Naturjuwels in den vergangenen 50 Jahren betrachtet. So unschuldig sind wir Trailrunner vermutlich auch nicht an dieser Gletscherschmelze. Weltweite Events, um sich für das Finale am Mont Blanc zu qualifizieren, High-End-Laufschuhe, die teilweise nur 200 Kilometer halten, und kiloweise abgepackte Gels und Riegel als Nahrung werden jedenfalls nicht dazu beitragen, diesen Prozess aufzuhalten.

Anschließend gilt es, meinen Support in den richtigen Bus zu setzen. Mit dem eigenen Auto oder Wohnmobil kann man nicht zu den VPs fahren, schließlich soll die Veranstaltung nachhaltig sein. Also kaufe ich meiner Frau einen Transport-Voucher für 50 Euro – Kinder kosten extra –, damit sie mit den Shuttlebussen nach Trient und Vallorcine fahren kann.

Das Problem: Wir haben keine Ahnung, wo diese Busse abfahren. Wenn Veronika am nächsten Tag mit zwei kleinen Kindern an der Hand einen reibungslosen Transfer hinbekommen möchte, brauchen wir einen Masterplan. Am Infostand in Chamonix erfahren wir zunächst, wo wir den Voucher in Bändchen umtauschen können. Diesen Stand erreichen wir am anderen Ende der Stadt, wo wir wiederum erfahren, welche Bushaltestellen es gibt. Die nach Trient ist erneut ein paar Kilometer entfernt. Kennt jemand diesen Asterix-Band?

Das Ganze kostet uns den kompletten Nachmittag. Gott sei Dank konnten die Kinder bei Freunden auf dem Campingplatz bleiben. Sonst hätte sich der Spaß endgültig in Grenzen gehalten und ich wahrscheinlich meine eigene Abfahrt verpasst.

„Wenn ich das morgen hinkriege, erfüllst du mir im restlichen Urlaub jeden Wunsch!?“ (Veronika)

„Stell mir frische Schuhe und eine Flask mit sieben Löffeln Scratch nach Trient und du hast drei Wünsche frei!“ (Markus)

Raceday

Markus Mingo beim UTMB Mont Blanc 2024 © sportograf

Apropos Start: Mein Shuttle – fünf Kilometer vom Campingplatz entfernt – nach Courmayeur verlässt Chamonix bereits um 6:00 Uhr. Der Startschuss fällt erst drei Stunden später. Außer unserem Wohnmobil, das unserer vierköpfigen Familie als Homebase dient, habe ich kein eigenes Fahrzeug oder sonstige Hilfe vor Ort.

Ich überlege mir so einiges. Sogar die Option, mit dem E-Bike direkt durch den Tunnel nach Courmayeur zu fahren – bitte nicht machen! – und es am übernächsten Tag auf dem Weg in den Italienurlaub abzuholen, schießt mir durch den Kopf. Schließlich nimmt mich ein netter Campingnachbar aus Neuseeland mit zum Busparkplatz.

Um 6:30 Uhr sitze ich also auf der anderen Seite des Mont Blanc am Start und warte mit Tausenden Gleichgesinnten auf den Countdown. Durchgefroren und übermüdet hocke ich auf dem Boden und erinnere mich sehnsüchtig an Veranstaltungen, bei denen ich mich fünf Minuten vor dem Start in die erste Reihe stellen und einfach losballern durfte.

Markus Mingo beim UTMB Mont Blanc 2024 © sportograf

Kurz vor dem Start reißt mir jemand versehentlich die angenähte Startnummer vom Trikot. Auf der Suche nach Sicherheitsnadeln verlasse ich den Startbereich und muss mich anschließend ganz hinten in meinem zugewiesenen Block anstellen. 1.000 Starter vor mir – kein Vorankommen.

Nach dem Startschuss wird es eng. Statt zu laufen, zücken die Leute vor mir erst einmal ihre Handys und GoPros, um sich und ihren persönlichen Start zu filmen. Trotzdem versuche ich, mich auf den ersten vier Kilometern links und rechts über die Bürgersteige an das etwas ambitioniertere Feld heranzukämpfen. Wohl wissend, dass danach ein Singletrail mit 1.400 Höhenmetern am Stück folgt, auf dem man kaum überholen kann. Das kostet Zeit, Kraft und Nerven.

Doch irgendwann finde ich meinen Rhythmus und genieße den CCC. Flowige Trails, jubelnde Menschen und wunderschöne Landschaften erwarten mich bis kurz vor La Fouly. Die Hitze, das Tempo und die Strecke sind anspruchsvoll, und ab Kilometer 45 wird es zum ersten Mal richtig hart. Die 15 Kilometer nach Champex-Lac sehen im Höhenprofil wie ein Klacks aus, aber der anspruchsvolle Untergrund, die Gluthitze und der Marathon in den Beinen fordern den ganzen Ultraläufer in mir.

Meiner Meinung nach wird der UTMB zu Unrecht als wenig technisch bezeichnet. Klar, es gibt keine ausgesetzten Stellen, keine Kletterpassagen oder Gletscherquerungen. Aber der Untergrund ist abwechslungsreich, erfordert permanent höchste Konzentration und gerade im letzten Drittel empfinde ich weite Teile der Strecke als extrem anspruchsvoll. Über eine Distanz von 100 Kilometern und für viele Teilnehmer teilweise bei Nacht bräuchte es für mich keinen Tick technischer zu sein.

Familienzeit

Markus Mingo beim UTMB Mont Blanc 2024 © sportograf

Mein Highlight wartet bei Kilometer 71 in Trient. Zwei strahlende Kinder erwarten mich am Eingang der VP, laufen mit mir ein, herzen mich, umarmen mich und lassen mich hochleben. Veronika hat es wirklich geschafft und das UTMB-Transportsystem durchschaut.

Mental ist es schwierig. Wie einfach wäre es an dieser Stelle, abzubrechen und mit meiner Familie in den Bus nach Hause zu steigen. Die Kinder möchten mit mir ein- und auslaufen und von ihren bisherigen Erlebnissen erzählen. Ich nehme mir Zeit – auf zehn Minuten hin oder her kommt es nach dem Startdebakel ohnehin nicht mehr an – und genieße den Moment.

In Vallorcine dasselbe Spiel. Hier fällt mir das Weiterlaufen noch schwerer. Die Verantwortlichen lotsen uns nach der VP auch noch in die falsche Richtung und meine Kids und ich laufen eine „Ehrenrunde“ durch das schöne Örtchen. „101 oder 102 Kilometer ist doch egal“, könnte man meinen. An dieser Stelle tat mir der Zusatzkilometer aber schon weh. Das ist ärgerlich und darf bei einer solchen Topveranstaltung eigentlich nicht passieren.

Es warten noch 18 Kilometer und 900 Höhenmeter, die ich in üblicher Manier mit viel Willenskraft, bei Dunkelheit und mit einem gebrochenen Stock hinter mich bringe.

In Chamonix weiß ich wieder, warum ich mir das noch einmal antun wollte und wieso jeder ambitionierte Trailrunner einmal diesen Torbogen sehen sollte: Der Zieleinlauf ist einfach magisch!

Mein Sohn Paul erwartet mich kurz vor der Ziellinie und wir laufen bei ohrenbetäubenden Anfeuerungsrufen gemeinsam ein. Wunderschön und beeindruckend für uns beide. Emil ist leider kurz vorher in den Armen seiner Mama etwa 20 Meter neben der Ziellinie eingeschlafen.

Markus Mingo beim UTMB Mont Blanc 2024 © sportograf

Auf dem Heimweg versagt wieder einmal das hochgelobte UTMB-Transportsystem. Ein Taxi – 150 Euro für vier Kilometer – ist unerschwinglich. Also warten wir geschlagene 90 Minuten auf den Nachtbus, der uns noch einmal um 20 Euro erleichtert und um 00:30 Uhr endlich zurück zum Campingplatz bringt.

Was nun?

Markus Mingo beim UTMB Mont Blanc 2024 © sportograf

Am Ende stehen 102 Kilometer, knapp über 6.000 Höhenmeter und 13:20 Stunden auf der Uhr. Das bedeutet den dritten Platz in meiner Kategorie und ich stehe am nächsten Tag glücklich und zufrieden neben all den Stars auf dem Podium der CCC Ceremony.

Natürlich weiß ich selbst, dass das keine sportliche Höchstleistung war und ich mit dieser Zeit weit hinter der internationalen Spitze liege. Trotzdem stellt man sich die Frage, wie viel noch drin gewesen wäre: mit einem Startplatz weiter vorne im Feld, einer professionelleren und zügigeren Verpflegung, ohne Extrarunde und mit dem letzten Punch, der mir so weit entfernt von den Spitzenplätzen einfach fehlte?

Mein Resümee: Ich bin stolz auf meine Leistung und den Podiumsplatz. Den CCC bei dieser Hitze muss man erst einmal durchdrücken.

Meine Bilanz: drei Starts beim UTMB – einmal OCC, zweimal CCC –, drei Zieleinläufe und zweimal Podium in meiner Kategorie. Mehr ist für mich in Chamonix nicht drin und ich werde auch nicht mehr am UTMB teilnehmen.

Wobei: Paul (8 Jahre) hat bereits angekündigt, dass er hier unbedingt einmal mitrennen möchte. Veronika hat sofort ihr Veto eingelegt („100 km läufst du mir auf keinen Fall!“) und wir haben uns vorerst auf einen Kompromiss geeinigt:

YCC 2034 – diesmal mit mir als Support. 😉

 

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