Trailrunner im Interview: Kimi Schreiber

Kimi Schreiber © ©iancorless.com

Kimi Schreiber ist eine der Senkrechtstarterinnen der Trailrunning Saison 2021. Die 26-jährige Powerfrau ist mit ihrem Sieg bei den 4Trails in die „Köpfe der Menschen gelaufen“ und eilt seitdem von Erfolg zu Erfolg. Doch nicht nur das: In ihrem sehr intelligenten Blog beweist Kimi, dass zu einer starken Frau nicht nur schnelle Beine gehören…

Trailrunner im Interview: Kimi Schreiber

Hi Kimi, wie steht es um die Wettkampffrisur 2022? 😉

Kimi: Puh, eine heikle Angelegenheit. Ich muss sagen, sehr weit bin ich auf meiner Suche noch nicht gekommen. Fest steht aber, dass was passieren muss. In diesem Jahr hatte ich meine Haare einmal zu viel im Gesicht hängen. Aber einfach gestaltet sich die Entscheidung nicht… zwei Zöpfe, Pferdeschwanz, Dutt oder doch abschneiden? Gar nicht so einfach. Man darf gespannt sein. Aber wenn das derzeit meine einzigen Sorgen sind, kann ich mich, glaube ich, nicht beschweren.  

Die Tatsache, dass du dir sogar über „Kleinigkeiten“ wie die optimale Frisur Gedanken machst, zeigt, dass du voll und ganz im professionellen Trailrunning angekommen bist. Was macht für dich diesen Sport so besonders? Was planst du für 2022?

Kimi Schreiber © Raphael Weber

Kimi: Jetzt muss ich doch noch kurz betonen, dass die Wettkampffrisur keineswegs eine Kleinigkeit ist. 😉 Da muss alles sitzen, der Laufrucksack, ebenso, wie die Haare. Vor allem wenn man so ein wolliges Zusatzgewicht auf dem Kopf rumträgt, wie ich. Aber Spaß bei Seite. Ja, in diesem Jahr stand der Sport ganz klar im Fokus und das war sehr schön. Ich war viel unterwegs, durfte bei international besetzten Wettkämpfen starten und meine Zeit mit Laufen verbringen, dafür bin ich sehr dankbar.

Für mich liegt der Reiz des Trailrunnings zum einen in der Abwechslung, die es beim Straßenlauf so nicht gibt. Ein gewundener Wiesenpfad, ein Berggipfel oder ein tiefer Wald, der Einsamkeit verspricht. Zum anderen fasziniert mich genau diese Flucht ins Grün: Die Möglichkeit, meinen ganz persönlichen Rückzugsort in dem Freiheitsgefühl der Natur gefunden zu haben.

So richtig ausgefeilt ist mein Jahr 2022 noch nicht, aber an Ideen und Plänen mangelt es nicht. Das Highlight wird definitiv der OCC im August sein. Ich war jetzt schon zweimal in Chamonix dabei und durfte die UTMB Woche hautnah miterleben. Das ist so ein Wahnsinn. Ich freue mich sehr darauf, nächstes Jahr endlich selbst am Start zu stehen. Viel mehr habe ich aber noch nicht geplant, dazu mache ich mir nach der Off-Season Gedanken.

Du kommst gerade vom Madeira Ultra Trail und hast auf der 42k Strecke und einem starken 4. Platz gefinished. Der MIUT gilt als einer der schönsten Ultratrails der Welt. Kannst du uns beschreiben was diesen Lauf so herausragend macht?

Kimi: Ich bin noch nie zuvor auf Madeira gewesen und war von der Vielseitigkeit der Insel fasziniert. Genau diese Abwechslung macht den Madeira Ultra Trail aus. Steile Treppenabschnitte inmitten von Wohngegenden wechseln sich mit kargen, einsamen Felsenpfaden ab und im nächsten Moment steht man mitten in einem Dschungel auf schlammigen Trails und umgeben von grünen Blättern. Auf die letzten zehn Kilometer läuft man oberhalb von Klippen und mit dem Atlantik zur Linken. Man läuft quasi über dem Meer und hat den Salzgeruch in der Nase. Nicht nur die abwechslungsreiche Natur ist so besonders, sondern auch das Klima. In dem einen Moment regnet es in Strömen, im nächsten Moment scheint die Sonne bei blauem Himmel. Madeira ist definitiv eine besondere Insel und beim Laufen entdeckt man Ecken, die man wahrscheinlich sonst niemals gesehen hätte. Trotzdem kenne ich nur einen Bruchteil. Deswegen will ich auf jeden Fall noch mal dorthin zurück. Dann kann ich zum einen meine Zeit auf die 42 Kilometer verbessern und zum anderen die Insel erkunden.

Du bist im Jahr 2021 unglaublich viele Rennen gelaufen. Wie geht es dir körperlich und mental nach so einer fordernden Saison? Wie verarbeitest du diese Strapazen?

Kimi Schreiber © Thomas Marzusch

Kimi: Ich habe jetzt zwei Wochen Off-Season hinter mir, daher geht es mir schon wieder um einiges besser und ich bin einigermaßen erholt. Off-Season heißt in meinem Fall, dass ich wenig bis gar nicht laufe und meinem Körper und meinem Kopf dadurch die Lust auf das Training zurückgebe. In dieser Saison bin ich einige Kilometer gelaufen und das hat sich gegen Ende bemerkbar gemacht. Ich musste mich regelrecht zum Laufen zwingen, das kommt selten vor. Mein Kopf war durch, mein Körper auch. Krämpfe, muskuläre Dysbalancen, all das hatte immer stärkere Auswirkungen auf meine Leistung. Ich glaube nach so einer lauf-reichen Saison ist es wichtig, dass man sich, sowohl physisch als auch psychisch, Zeit für die bewusste Regeneration gibt. Nur dann ist man gut erholt für die neuen Herausforderungen und Ziele und vor allem hat man nur dann wieder Lust auf das Laufen. Mir geht das zumindest so.

Was waren deine drei Lieblingsmomente im Rennzirkus 2021?

Kimi: Das ist schwierig, in diesem Jahr gab es so viele besondere Momente. Der Zieleinlauf bei den 4Trails war definitiv einer davon. Mein erstes Etappenrennen und dann direkt der Gesamtsieg in der Damenwertung. Das bleibt im Kopf und wie es in der Einleitung dieses Interviews so schön heißt, konnte ich durch diesen Sieg beweisen, was ich kann und den Menschen dadurch in Erinnerung bleiben. Ich glaube eine schönere Belohnung gibt es nicht für Sportler:Innen.

Kimi Schreiber beim siegreichen Finish bei den 4 Trails 2021

Zwei Wochen Chamonix, eine Woche Madeira, Bad Hofgastein, Sierre Zinal… ich glaube die ganze Saison war mein Lieblingsmoment 2021. So genau wolltet ihr es wahrscheinlich nicht wissen… 😉.

Ab sofort startet die Wintersaison bzw. das Grundlagentraining für 2022. Wie sieht bei dir dieses Wintertraining aus?

Kimi: Ich werde im Winter meine Baustellen angreifen müssen, sprich Mobilität und Stabilität. In diesem Jahr bin ich beinahe keinen Wettkampf schmerzfrei oder krampffrei gelaufen, das muss (s)ich ändern. Deswegen wird der Trainingsplan mit wesentlich mehr Krafteinheiten gespickt und das Dehnen fester Bestandteil meines Alltags. Die ersten Wochen nach der Off-Season liegt der Fokus also auf Krafttraining. Die Grundlagenausdauer ist ja da, deswegen werden die Wochenkilometer erst nach und nach hochgeschraubt. Mein Wintertraining wird also aus Gerätetraining, Dehnen und Laufen bestehen. Außerdem hoffe ich auf die ein oder andere Skitour oder auch das Langlaufen. Ich will mich wieder anderen Sportarten öffnen und das Ausgleichstraining ernster nehmen. So sehr ich das Laufen liebe, irgendwann ist Abwechslung dann doch gar nicht so schlecht.

Könntest du uns eine typische Trainingswoche im Dezember skizzieren?

Kimi: Da ich in diesem Winterblock vieles anders machen werde als im letzten Jahr, kann man da noch gar nicht wirklich von einer typischen Trainingswoche sprechen. Hinzu kommt, dass ich selbst noch gar nicht genau weiß, was sich mein Trainer da genau überlegen wird. Da müssen wir uns glaube ich alle ein bisschen überraschen lassen. 😉

Auf deinem Blog kimi-schreiber.de  schreibst du über viele Dinge, die weit über das Laufen hinausgehen und ich muss zugeben ich bewundere deinen Schreibstil sehr. Was treibt dich an, teilweise sehr persönliche Dinge, jenseits der Sportlerin Kimi Schreiber zu thematisieren und wie wählst du deine Themen aus?

Kimi: Mir ist es wichtig immer echt zu sein. Besonders als Sportlerin und im Sport, denn (Leistungs-)Sport ist nun mal eine Leistung und keine Frage des Aussehens oder des richtigen Filters. Vielleicht ist die Ehrlichkeit meine Art mit der oberflächlichen Social-Media Blase umzugehen. Ich spreche persönliche Dinge an, weil ich nur dann aus eigener Erfahrung und somit, ehrlich sprechen kann. Es gibt so viele Themen, die gesellschaftlich betrachtet, noch lange nicht da sind, wo sie sein sollten. Die Gleichberechtigung der Frau, das Thema Umwelt, das Thema Oberflächlichkeit und ihre Auswirkung auf die (eigene und äußere) Wahrnehmung, Körperideale in Alltag und Sport. Sowas eben. Ich möchte meine Worte und meine Meinung für etwas Bedeutendes benutzen und der verfälschten, digitalen Realität damit entgegentreten. Das mache ich mit meinem Blog, aber auch mit meinem Instagram-Profil. Social-Media sind nicht nur ein Fluch, sie können auch ein Segen sein, wenn man deren Reichweite nutzt und für etwas Gutes einsetzt. Das machen immer mehr Menschen und das ist wichtig. Weniger Rabattcodes und mehr Realität, das schadet keinem.

Danach kann nichts mehr kommen. Danke und eine verletzungsfreie und gesunde Vorbereitung auf die Saison 2022 wünsche ich dir.