Gibt es nicht schon genug Trail-Veranstaltungen? Dass der Markt noch viele freie Nischen hat, zeigt der Wildman Harz, der 2026 zum ersten Mal stattfindet und trotz mehrfacher Ticket-Aufstockung seit Wochen ausverkauft ist. Ein enormer Druck für ein Team, das noch nie ein solches Event organisiert hat und trotzdem einen Volltreffer platziert.
„Solche Veranstaltungen sollte es hier viel mehr geben,“ schwärmt der Pensionswirt, während er an einem kühlen Septembermorgen den Kaffee einschenkt. Es ist 7:05. Um 8:00 ist Start für den 1. Wildman Harz Ultra im namensgebenden Wildemann. Rund 800 Menschen leben hier. Für die Veranstaltung haben sich fast 600 Personen angemeldet. Die wenigsten waren schonmal hier und verbinden mit dem Harz höchstens den ikonischen Brocken.
Unbekanntes im Harz
Dass der Harz auch heute noch grünen, relativ gesunden Wald besitzt, war für viele das erste Learning- Dicht gefolgt von der Erkenntnis, dass der Harz auch ohne Brocken viele Höhenmeter, scharfe Anstiege und durchaus fordernde Single-Trails bietet. Schon fünf Minuten nach dem in drei Wellen organisierten Start, geht es steil bergauf in die regenschwüle Luft. Der Boden ist trotz Dauerregen am Vortag erstaunlich gut laufbar, wodurch sich auch die teils verwurzelten und mit Steinen gespiekten Singletrails ordentlich rollen lassen. Genau diese Abwechslung aus Anstiegen, anspruchsvollen Passagen und pittoreskem Panorama sorgt unterwegs für beste Laune.
Dass hier etwas Neues etabliert wird, merkt man auch neben der Strecke: neugierige Menschen schauen sich in nahezu allen Dörfern das Geschehen an, während andere dem Trubel wohl sehr skeptisch gegenüberstehen und in der Nacht Markierungen entfernt und sogar umgehängt haben. Gleich mehrere der freiwilligen Markierer laufen selber mit und staunen nicht schlecht, dass ihre gesetzten Markierungen teilweise verschwunden oder verändert sind. Aber ignorante Arschlöcher gibt es halt überall und ihr Werk bleibt zum Glück punktuell.
Voll (aber) nett
Die Strecke besteht beim Ultra mit 55 Kilometern und rund 2.100 Höhenmeter aus zwei sich teilweise überlagernden Loops. Zwei Stunden nach dem Ultra startet der Classic Trail mit 35 Kilometern und 1.300 Höhenmetern. Die erste, 20 Kilometer lange Schleife des Ultras, in unter zwei Stunden zu laufen, schaffen leider nur die allerwenigsten, weshalb es vorübergehend voll wird auf den ersten Kilometern von Runde zwei. Macht aber nichts, da wirklich alle Laufenden so nett sind, dass es schon fast unheimlich ist. Schritte von hinten und schon wird auch im engsten Anstieg Platz gemacht und im Zweifel sogar nach vorne gebrüllt: „Läuuuufer von links!“
Als noch die Fun (20km / 800hm) und Speed (12km / 500hm) Läuferinnen und Läufer auf die Trails starten, wird es unübersichtlich. Bin ich noch Top Ten? Wer läuft hier was? Büße ich gerade Plätze ein oder hole ich welche raus? Und ist das eigentlich wichtig bei einer Veranstaltung, bei der der Community-Faktor praktisch aus jeder Pore trieft? Neben ordentlich Schweiß natürlich… Die Antwort ist klar: nein.
Es geht um die strahlenden Gesichter unter dem Zielbogen, um die kleinen Battles auf den letzten Kilometern, wenn dann doch noch ein Läufer aus der eigenen Distanz auftaucht – mit dem gleich nach dem Ziel abgeklatscht wird. Und es geht um all die Menschen, die sich von irgendwoher kennen und hier und heute wiedersehen, sich beim Grill etwas zu Essen holen und teils noch Stunden zusammensitzen.
Aufhören ist keine Option
Lange nach meinem Zieleinlauf stolpert mir ein Fünfergespann aus dem letzten Downhill des Ultras entgegen. Sie müssen nur noch auf der Straße 200m zum Ziel laufen – und entern stattdessen beinahe die nächste Einfahrt. Sie sind fix und fertig – und grinsen wie die Weltmeister, als ich sie später im Ziel sitzen sehe – stolz wie Bolle, dass sie die Strecke geschafft haben.
Wahrscheinlich geht es dem Orga-Team ähnlich. „Wie es aussieht, können wir gar nicht anders, als das nochmal zu machen,“ resümiert ein müder aber glücklicher Veranstalter am Abend. „Gefühlt möchte das halbe Dorf nächstes Jahr starten.“ Wir sitzen im zum Basislager umfunktionierten Café. Draußen schwoofen die Einsatzkräfte im Takt der leiser werdenden Musik, bevor sie gleich im Quad eine letzte Runde an der Strecke drehen. Viele Läuferinnen und Läufer verabschieden sich persönlich beim familiären Orga-Team und ihren Freiwilligen für den wunderbaren Tag.
Was es an Verbesserungspotenzial gibt, ist nach Ausgabe 1 bekannt – vieles ist einfach zu machen. Entsprechend scheinen wirklich alle mit einem Teil zwei 2027 zu rechnen. Der Wirt verabschiedet sich am nächsten Morgen ebenfalls mit einem: „Bis nächstes Jahr dann. Wahrscheinlich müssen Sie dann frühzeitig buchen…“
