PIUT85 – Die Bestie vom Paznauner Höhenweg - xc-run.de Trailrunning

PIUT85 – Die Bestie vom Paznauner Höhenweg

„Ich bin mittlerweile alt genug, um zu wissen, dass man einen Ultratrail mit 5.200 Höhenmetern durch alpines Gelände nicht mal eben nebenbei läuft. Ich war allerdings auch optimistisch genug, genau das zu versuchen.“

Wir von xc-run.de begleiten den Paznaun Ischgl Ultra Trail praktisch seit seinen Kinderschuhen. Noch bevor 2024 überhaupt der erste Startschuss fiel, standen wir gemeinsam mit Race Director Lukas Kocher auf den Trails oberhalb von Kappl, Ischgl und Galtür (zum Artikel). Damals wurde schnell klar: Das hier wird kein gewöhnlicher Ultratrail. Das Paznaun überraschte uns mit einer hochalpinen Spielwiese aus schroffen Gipfeln, technischen Pfaden und einer Landschaft, die man hinter einer der bekanntesten Skimetropolen Europas kaum erwarten würde. Damals war der PIUT85 die Königsdistanz und das Herzstück der Veranstaltung: Ein Rundkurs über große Teile des Paznauner Höhenwegs, der die vier Talorte See, Kappl, Ischgl und Galtür auf spektakuläre Weise miteinander verbindet. Drei Jahre später will ich wissen, wie sich dieses Biest wirklich anfühlt.

Ein bisschen blauäugig

85 Kilometer. Über 5.200 Höhenmeter. Start um 23 Uhr. Eine komplette Nacht in den Bergen. Technische Trails, extrem steile Anstiege und Downhills, die einem spätestens nach einigen Stunden in Sachen Oberschenkel und Knie gnadenlos vor Augen führen, wer hier das Sagen hat. Eigentlich wusste ich genau, worauf ich mich einließ. Dachte ich zumindest.

Denn trotz vieler Jahre Erfahrung auf Ultratrails fehlte mir in dieser Saison genau das, was der PIUT85 am meisten fordert: alpine Höhenmeter. Meine spezifische Vorbereitung beschränkte sich auf zwei spätabendliche Trainingseinheiten am heimischen Kaitersberg um Stirnlampe und Ausrüstung zu testen. Definitiv zu wenig, um 5.200 Höhenmeter in hochalpinem Gelände zu simulieren.

Auch der Anreisetag verlief wie so oft bei Rennen: Schule bis Mittag, anschließend direkt ins Auto. München am Freitagnachmittag machte seinem Ruf wieder einmal alle Ehre und entsprechend spät erreichten wir Ischgl. Abendessen, Startnummer abholen und wenig später ging es weiter zum Start nach See. Das ausgedehnte Nickerchen? Fehlanzeige.

Paznaun Ischgl Ultra Trail (PIUT) 2026 © Marco Felgenhauer / woidlife photography

Fußball, Flutlicht und eine lange Nacht

Der Startbereich in See überraschte mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Public Viewing der Fußball-Weltmeisterschaft und unsere Startrunde führte direkt vor versammeltem Publikum an der Leinwand vorbei. Für uns Läufer bedeutete das allerdings zunächst Warten. Der Start wurde kurzerhand um ein paar Minuten verschoben. Spanien gegen die Schweiz musste schließlich erst abgepfiffen werden. Fußball ist eben auch in Tirol wichtiger als Trailrunning.

Mit dem Startschuss verabschiedeten wir uns nach der Ehrenrunde hinaus in die Nacht. Die ersten 14 Kilometer führten direkt über 1.500 Höhenmeter bergauf. Genau das hatte ich erwartet. Genau darauf war ich eingestellt. Nicht vorbereitet war ich dagegen auf das, was danach folgte.

Der PIUT zeigt seine Zähne

Verblocktes Gelände. Teilweise kaum erkennbare Pfade. Immer wieder Markierungen suchen. Konzentration statt Rhythmus. Jeder Meter musste erarbeitet werden. Vorankommen fühlte sich plötzlich unglaublich langsam an. Je länger die Nacht dauerte, desto häufiger schweiften meine Gedanken ab. Irgendwo in der Ferne zuckte Wetterleuchten über den Gipfeln. Für einen kurzen Moment ertappte ich mich sogar bei dem Gedanken, ein Gewitter könnte das Rennen abbrechen. Ein ziemlich verführerischer Gedanke.

Nach 37 Kilometern und rund 2.300 Höhenmetern erreichte ich Kappl. Fast fünf Stunden waren vergangen. Ich fühlte mich alles andere als stark. Langsam. Träge. Mehr als einmal spielte ich mit dem Gedanken, hier oder spätestens in Ischgl abzubrechen. Man vergisst im Ultratrail manchmal einen entscheidenden Punkt: Es gewinnt nicht zwangsläufig der Schnellste. Meist gewinnt derjenige, der sich möglichst effizient durchs Gelände bewegt – und am Ende schlicht länger durchhält als alle anderen. Ich liege an zweiter Stelle.

Solange nichts kaputt ist, gibt es eigentlich keinen Grund auszusteigen.

Der magische Moment

Von Kappl begann der lange Anstieg hinauf in Richtung Fatlarspitze zur Kieler Wetterhütte – dem mit 2730 Metern höchsten Punkt des Rennens. Etwa auf Höhe der Niederelbehütte (2300m) passierte das, worauf man bei einem Nachtlauf fast automatisch hofft. Der Tag erwachte.

Langsam schob sich die Morgensonne über die Gipfel. Das erste Licht legte sich wie ein goldener Schleier über die Bergwelt des Paznauns. Nach einer komplett durchlaufenen Nacht sind diese Minuten kaum zu beschreiben. Sie sind einfach magisch. Plötzlich verschwindet die Müdigkeit. Der Körper scheint neue Energie zu finden, obwohl er eigentlich längst leer sein müsste. Für solche Momente läuft man Ultratrails. Wenige hundert Höhenmeter später war die Romantik allerdings schlagartig vorbei.

Hochalpin bis ans Limit

Der Schlussanstieg zur Kieler Wetterhütte verlangt alles ab. Extrem steil. Immer wieder müssen auch die Hände mitarbeiten. Waden, Oberschenkel und Schultern arbeiten im Gleichschritt. Was danach folgt, gehört zweifellos zu den technisch anspruchsvollsten Passagen, die ich in einem Wettkampf bislang gelaufen bin.

Der Downhill verlangt höchste Konzentration. Jeder Schritt muss sitzen. Jeder Fehler kann teuer werden. Und das nach fast sieben Stunden Rennzeit und bereits rund 4.000 absolvierten Höhenmetern. Spätestens hier meldeten sich auch meine Ü40-Knie eindrucksvoll zu Wort. Normalerweise komme ich mit technischem Gelände ganz gut zurecht. An diesem Morgen war davon allerdings nicht viel zu sehen. Mehr schlecht als recht stolpere ich steil bergab in Richtung Ischgl. Vermutlich blieb genau hier eine Menge Zeit liegen. Der Blick zurück beruhigt allerdings. Vom Drittplatzierten ist weit und breit nichts zu sehen.

Neustart in Ischgl

Nach knapp 60 Kilometern erreiche ich Ischgl. Für mich beginnt hier praktisch ein zweites Rennen. Dank Tom Träger und vieler helfender Hände an der Verpflegungsstation funktionierte der Wechsel beinahe wie in der Formel 1. Frische Schuhe. Frische Kleidung. Sommerfeeling im Singlet statt Nachtmodus.

Mit jedem Schritt wächst die Überzeugung: Das Ding bringst du aufs Podium.

Die folgenden Kilometer fühlten sich plötzlich vertraut an. Rauher Kopf. Berglisee. Diese Trails kannte ich bereits von unseren Streckenchecks und früheren Aufenthalten im Paznaun. Das half enorm. Endlich wusste ich genau, was noch kommen würde.

Das Tempo fühlte sich zwar alles andere als spektakulär an. Aber vermutlich ist die Konkurrenz nach dieser Renndauer auch nicht mehr taufrisch. Also einfach weiterlaufen. Nicht nachdenken. Nicht stehen bleiben.

Ein Biest bezwungen

Der Rest des Rennens verläuft fast unspektakulär. Keine großen Krisen. Kein Einbruch. Einfach Kilometer für Kilometer weiterarbeiten. Nach 87 Kilometern, über 5.200 Höhenmetern und 13:20 Stunden biege ich auf die spektakuläre Zielgerade am Dorfplatz in Ischgl ein. Gesamtplatz zwei. Der PIUT ist kein Ultra für Bestzeiten. Er ist ein Rennen für Bergläufer. Für Menschen, die technische Trails lieben. Für alle, die hochalpine Landschaften erleben wollen und bereit sind, sich dieses Erlebnis mit jeder Menge Schweiß zu verdienen.

Im August komme ich zurück. Nicht mehr mit Startnummer, sondern gemeinsam mit Race Director Lukas Kocher als Guide und Coach beim PIUT Trailcamp. Dann bleibt Zeit, diese gigantische Bergwelt noch einmal ohne Wettkampfpuls zu genießen. Wobei – wer den PIUT einmal gelaufen ist, wird wahrscheinlich selbst dort hin und wieder nach oben schauen und denken:

„Da oben irgendwo hat mich diese Bestie ganz schön durchgeschüttelt.“

Und genau deshalb komme ich wieder.

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