Es gibt Rennen, die beeindrucken. Und es gibt Rennen, die bleiben. Der NUTS Karhunkierros im Hohen Norden Finnlands gehört definitiv zur zweiten Kategorie.
Vielleicht liegt es an dieser endlosen Weite. An den stillen Wäldern, den dunklen Flüssen und den zahllosen Seen. Vielleicht an den schmalen Hängebrücken, die sich über tosende Stromschnellen spannen. Oder an der Mitternachtssonne, die die Nacht einfach verschwinden lässt. Wahrscheinlich aber ist es die besondere Mischung aus Natur, Abenteuer und nordischer Gelassenheit, die dieses Rennen so einzigartig macht. Schon nach wenigen Stunden in Ruka wird klar: Hier oben im Norden Finnlands läuft vieles anders. Ruhiger. Natürlicher. Ehrlicher.
Ruka – Wintersportort und Tor zur Wildnis
Ruka ist vielen Wintersportfans als Weltcup-Ort des Skilanglaufs bekannt. Im Winter dominiert hier der Schnee, doch für ein Wochenende im Mai übernehmen Trailrunner die Region rund um den Oulanka-Nationalpark.
Zum ersten Mal bin ich in Finnland – und sofort fasziniert von dieser besonderen Atmosphäre. Keine Hektik. Kein großes Spektakel. Stattdessen tiefe Wälder, entspannte Menschen und eine Natur, die einen vom ersten Moment an in ihren Bann zieht.
Mitten durch diese Landschaft verläuft der berühmte Karhunkierros Trail – einer der bekanntesten Hiking Trails Finnlands. Genau hier findet der NUTS Karhunkierros statt. Fünf unterschiedliche Distanzen stehen zur Auswahl. Die traditionsreichste und originelle Route führt über den Hiking Trail auf 85 Kilometer und mehr als 2000 Höhenmeter vom Polarkreis bis nach Ruka.
Für mich ist es ein echtes Abenteuer. Eine Nacht durchlaufen unter der Mitternachtssonne Finnlands.
Mitternachtssonne statt Müdigkeit
Als um 22 Uhr der Startschuss fällt, trage ich kurze Hose und T-Shirt. 15 Grad Mitte Mai – direkt am Polarkreis. Eigentlich ein ziemlich verrückter Gedanke. Doch die Kraft der Mitternachtssonne verändert alles. Der Körper versteht irgendwann nicht mehr, dass es Nacht ist. Es wird einfach nicht dunkel. Statt Müdigkeit entsteht ein fast surrealer Flow-Zustand.
Der Himmel leuchtet in warmen Farben, die Wälder wirken endlos und irgendwo zwischen den Seen und Mooren verliert man völlig das Gefühl für Zeit. Schon nach wenigen Kilometern wird klar: Dieses Rennen ist anders.
60 Kilometer Singletrail-Meditation
Was mich auf der Strecke erwartet, hätte ich mir selbst in den kühnsten Vorstellungen nicht schöner ausmalen können.
Vom Start weg laufe ich unglaubliche 60 Kilometer nahezu ausschließlich auf ellbogenbreiten Singletrails. Verwurzelt, technisch, flowig und gleichzeitig unglaublich harmonisch in die Natur eingebettet. Mal führen schmale Bretterpfade über endlose Moore, dann wieder geht es über wurzelige Waldtrails entlang wilder Flüsse. Immer wieder tauchen spektakuläre Hängebrücken auf. Unter mir rauscht dunkles Wasser durch tiefe Schluchten, während sich vor mir die unendlichen Wälder Lapplands öffnen. Kein Asphalt. Kein Lärm. Keine Ablenkung. Unterbrochen von einer Verpflegungsstation nur dieser schmale Trail, die Geräusche der Natur und das monotone Geräusch der eigenen Schritte. Meditatives Laufen beschreibt die ersten 60 Kilometer wahrscheinlich am besten.
Und alles ist perfekt organisiert. Der gesamte Karhunkierros Trail ist hervorragend markiert – inklusive Kilometerangaben an nahezu jedem Kilometer. Ganz egal ob Trailrunner oder Wanderer: Diese Strecke kann man hier jederzeit auch unabhängig dieses Events entdecken.
Die Kraft des Wassers
Der Oulanka-Nationalpark lebt vom Wasser. Genau das spürt man permanent. Immer wieder kreuzt der Trail tosende Stromschnellen, wilde Flüsse und kristallklare Seen. Besonders die berühmten Stromschnellen von Kiutaköngäs und Jyrävä zeigen eindrucksvoll, wie ursprünglich diese Landschaft bis heute geblieben ist. Der Karhunkierros führt mitten durch eine der spektakulärsten Naturlandschaften Finnlands. Endlose Moore, tiefe Wälder und die nahezu unberührte Wildnis reichen bis an die Grenze des russischen Paanajärvi-Nationalparks. Hier oben scheint die Natur noch vollständig das Kommando zu haben.
Sportlich bis ans Limit
So meditativ die ersten Stunden auch wirken – sportlich fordert mich das Rennen enorm. Die Distanz, der technische Untergrund und die ständigen Richtungswechsel kosten Kraft. Ab Kilometer 70 wird es richtig hart. Die Speicher sind leer, ich bin dehydriert, der wenige Schlaf der letzten Tage macht sich bemerkbar und ich kämpfe plötzlich mehr gegen mich selbst als gegen die Strecke. Ausgerechnet jetzt zeigt der Karhunkierros noch einmal seine Zähne.
Die letzten Kilometer haben es brutal in sich: extrem steile Rampen bergauf und bergab, technisch anspruchsvolle Downhills und gleichzeitig diese unfassbaren Ausblicke über die finnische Wildnis.
Nach knapp neun Stunden, rund 85 Kilometern und etwa 2200 Höhenmetern kommt es schließlich sogar noch zum Zielsprint. Ein Konkurrent läuft von hinten auf. Irgendwie finde ich noch einmal die letzten Reserven, kann reagieren und den Sprint gerade noch für mich entscheiden. Am Ende steht nach knapp neun Stunden Laufzeit der 3. Platz in der Gesamtwertung. Doch das Ergebnis fühlt sich nach diesen unglaublichen Landschaftseindrücken fast nebensächlich an.
Das größte Trailrunning-Event Skandinaviens – ohne Größenwahn
Der NUTS Karhunkierros gehört heute zu den größten Trailrunning-Events Nordeuropas. 2013 startete die Veranstaltung mit gerade einmal 100 Teilnehmern. 2026 sind es rund 4000 Starter – und damit das größte Trailevent Skandinaviens. Trotzdem wirkt hier nichts überlaufen, elitär oder stressig. Keine übertriebene Selbstdarstellung. Kein großes „Tam Tam“. Stattdessen eine entspannte, familiäre Atmosphäre und eine Organisation, die nahezu perfekt funktioniert.
Die Menschen in Finnland wirken naturverbunden, freundlich und angenehm zurückhaltend. Man misst sich sportlich – aber ohne diesen oft spürbaren Konkurrenzdruck vieler großer Trailrennen. Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Events.
Recovery Deluxe
Der Tag nach dem Rennen fühlt sich an wie ein Recovery Day aus dem Bilderbuch. Wir starten entspannt auf dem Gravel Bike – eine Sportart, die hier gerade enorm an Fahrt aufnimmt. Überall in der Region finden sich Verleihe, ein fein gesponnenes Netz aus Schotterwegen und wenig befahrenen Straßen zieht sich durch die Landschaft, und schon im Juni feiert das erste Gravel-Rennen Premiere – über 50 und 100 Meilen.
Am Nachmittag folgt das wohl klassischste Stück finnischer Regeneration: eine originale Sauna, eingebettet in die umliegenden Wälder. Hitze, Stille, Natur – alles fließt ineinander, bevor wir das Wellness-Programm bei einem grandiosen Dinner sanft ausklingen lassen. Und als wäre das nicht genug, setzt eine Bärensafari mit Taiga Bear Kuusamo dem Ganzen die Krone auf.
Eigentlich reicht ein verlängertes Rennwochenende kaum aus, um die Region wirklich zu erleben. Nach diesem Tag entsteht sofort der Wunsch, noch länger zu bleiben – vielleicht für eine Kanutour auf den unzähligen Seen oder zum Rafting auf den Flüssen des Oulanka-Nationalparks. Vor allem aber wächst die Idee, zurückzukommen. Nicht nur für Trails und Abenteuer, sondern mit der ganzen Familie, um diese besondere Mischung aus Natur, Ruhe und nordischer Wildnis gemeinsam zu erleben.
Fazit: Mehr als nur ein Rennen
Man merkt schnell: Der NUTS Karhunkierros ist weit mehr als nur ein Rennen. Er ist ein Erlebnis, das nachwirkt – lange nachdem die Beine aufgehört haben zu schmerzen. Die Kombination aus rauer Natur, endlosen Wäldern, stillen Seen und dieser besonderen nordischen Ruhe schafft eine Atmosphäre, die man nicht einfach nur durchläuft, sondern intensiv spürt. Nach mittlerweile 15 Jahren Trailrunning und unzähligen Rennen rund um die Welt würde ich auf die Frage nach einem echten Trail-Abenteuer ohne Zögern antworten: Fahrt nach Ruka. Nicht wegen Bestzeiten oder spektakulärer Finisher-Medaillen, sondern wegen des Gesamtgefühls, das diese Region vermittelt.
Erlebt diese Natur. Diese Trails. Diese Menschen. Die Seele des Trailrunning.
Denn genau hier, zwischen Mitternachtssonne, Moorwegen und den tiefen Wäldern Lapplands, wird spürbar, worum es im Trailrunning eigentlich geht: Freiheit. Ruhe. Gemeinschaft. Abenteuer. Der NUTS Karhunkierros erinnert daran, dass Trailrunning mehr sein kann als Sport. Es ist eine Möglichkeit, Landschaften intensiv zu erleben, den Kopf frei zu bekommen und sich wieder mit der Natur zu verbinden. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man diesen Ort nicht einfach nur verlässt – sondern schon auf der Heimreise darüber nachdenkt, wann man zurückkommt.
Reise-Infos
Anreise:
Mit Finnair geht es zunächst nach Helsinki und von dort weiter nach Kuusamo. Der Inlandsflug dauert rund 1,5 Stunden, anschließend sind es nur etwa 20 Minuten Transfer bis nach Ruka. Ab November 2026 sollen zudem Direktflüge nach Kuusamo angeboten werden.
Essen:
Das Scandic Hotel Ruka wird am Rennwochenende zum Treffpunkt der Trail-Community. Neben den Athleten sind auch externe Gäste willkommen und genießen sportlergerechte Frühstücks- und Abendbuffets.
Übernachtung:
Zur Auswahl stehen klassische Hotelzimmer oder gemütliche Apartments. Viele Unterkünfte verfügen über Küche, Waschmaschine und eigene Sauna – perfekt für ein paar zusätzliche Tage in der Region.
Nächster Termin:
28.–29. Mai 2027
Webseite:
NUTS Karhunkierros





















