Regen, rutschige Felsen und ein packendes Duell um den Tagessieg: Beim Frauenfinale der Golden Trail World Series 2026 in Muju (Südkorea) sorgte die Isländerin Andrea Kolbeinsdóttir für eine faustdicke Überraschung. Auf einer der technisch anspruchsvollsten Strecken der Seriengeschichte feierte sie ihren ersten GTWS-Sieg und distanzierte die Konkurrenz um fast sechs Minuten. Madalina Florea durfte sich trotz Platz zwei ebenfalls als Siegerin feiern lassen: Die Rumänin verteidigte ihren Gesamttitel souverän. Für die deutsche Hoffnung Hanna Groeber endete das Finale dagegen vorzeitig.
Ein Finale unter extremen Bedingungen
28,6 Kilometer, 2.313 Höhenmeter und eine Strecke, die selbst den besten Trailrunnerinnen der Welt alles abverlangte: Das Grand Finale der Golden Trail World Series 2026 im südkoreanischen Muju wurde zu einer echten Herausforderung. Dauerregen verwandelte die ohnehin technisch anspruchsvollen Trails im Deogyusan-Nationalpark in einen rutschigen Hindernisparcours. Nasse Felsen, steile Treppen und laubbedeckte Wege machten insbesondere die Downhills zu einer echten Bewährungsprobe. Die anspruchsvollen Bedingungen spielten einer Athletin besonders in die Karten: Andrea Kolbeinsdóttir aus Island. Die Salomon-Läuferin zeigte eine herausragende Leistung und feierte mit einer Zeit von 3:19:56 Stunden ihren ersten Sieg in der Golden Trail World Series. Dahinter sicherte sich Madalina Florea mit Platz zwei den zweiten Gesamttitel in Folge. Die Mexikanerin Miriam Morales komplettierte das Tagespodium.
Kimutai startet offensiv – Florea übernimmt im Downhill
Die ersten Kilometer des Rennens verliefen noch vergleichsweise kontrolliert. Auf einer breiten Forststraße konnten die Athletinnen ihren Rhythmus finden, ehe ein sechs Kilometer langer Anstieg Richtung Seolcheonbong die ersten größeren Abstände entstehen ließ. Caroline Kimutai (Salomon), die vor dem Finale noch Chancen auf den Gesamtsieg hatte, übernahm früh die Initiative. Am höchsten Punkt der Strecke rund um den über 1.600 Meter hohen Hyangjeokbong lag sie 24 Sekunden vor Madalina Florea. Dahinter folgten Madalina Amariei, Ruth Gitonga, Andrea Kolbeinsdóttir und die Deutsche Hanna Groeber innerhalb von zwei Minuten. Doch das Rennen sollte sich im ersten großen Downhill grundlegend verändern.
Auf 2,5 Kilometern mit durchschnittlich 28 Prozent Gefälle ging es über nasse Steine, Treppen und rutschige Waldwege hinunter zum Baengnyeonsa-Tempel. Florea schloss zu Kimutai auf und übernahm die Führung. Auch Madalina Amariei machte mehr als eine Minute gut und arbeitete sich auf den zweiten Platz vor. Die schnellste Segmentzeit erzielte allerdings die Italienerin Beatrice Bianchi. Mit 13:54 Minuten war sie beeindruckende 1:51 Minuten schneller als die zweitschnellste Athletin Miriam Morales.
Kolbeinsdóttir dreht das Rennen auf den technischen Trails
Während die Favoritinnen um die Führung kämpften, arbeitete sich Andrea Kolbeinsdóttir kontinuierlich nach vorne. Die Isländerin nutzte ihre technischen Fähigkeiten zunächst im Downhill, überholte Kimutai und schloss anschließend im nächsten Anstieg zu Florea auf. Kurz vor dem Gipfel übernahm sie erstmals die Führung. Was folgte, war ein packender Zweikampf: Immer wieder wechselte die Spitze zwischen Kolbeinsdóttir und Florea. Während die Rumänin vor allem bergauf ihre Stärken ausspielte, konnte Kolbeinsdóttir auf den technisch schwierigen Passagen Zeit gutmachen.
Auch die Isländerin blieb von den schwierigen Bedingungen nicht verschont und stürzte im zweiten Downhill. Dennoch erreichte sie Kilometer 17 mit 35 Sekunden Vorsprung auf Florea. Im anschließenden Sprintsegment über 1,1 Kilometer war Kolbeinsdóttir erneut die Schnellste. Mit 3:49 Minuten lag sie lediglich eine Sekunde vor ihrer Konkurrentin. Spätestens jetzt war klar: Der Tagessieg würde zwischen diesen beiden Athletinnen entschieden werden.
Entscheidung am Chilbong: Kolbeinsdóttir nicht mehr zu stoppen
Die Entscheidung fiel schließlich im letzten großen Anstieg zum Chilbong. Auf 2,2 Kilometern mit durchschnittlich 25,2 Prozent Steigung mussten die Athletinnen teilweise Passagen mit mehr als 40 Prozent Steigung bewältigen. Riesige Stufen und glitschige Felsen zwangen die Läuferinnen immer wieder dazu, auch die Hände zur Unterstützung einzusetzen. Zunächst konnte Florea noch einmal die Führung übernehmen. Doch dann setzte Kolbeinsdóttir zur entscheidenden Attacke an. Die Isländerin distanzierte ihre Konkurrentin deutlich und erreichte den Gipfel mit beinahe drei Minuten Vorsprung. Auch im abschließenden Downhill ließ sie nichts mehr anbrennen. Im Gegenteil: Kolbeinsdóttir baute ihren Vorsprung weiter aus und erreichte nach 3:19:56 Stunden als überlegene Siegerin das Ziel. Florea folgte mit knapp sechs Minuten Rückstand. Den dritten Platz sicherte sich Miriam Morales aus Mexiko. In einem spannenden Duell mit Madalina Amariei behauptete sie sich auf den letzten Metern mit gerade einmal 24 Sekunden Vorsprung und erreichte das Ziel 9:15 Minuten nach Kolbeinsdóttir.
Vom Golden Ticket zum ersten GTWS-Sieg
Die Geschichte von Andrea Kolbeinsdóttir ist eine der großen Überraschungen dieser GTWS-Saison. Ihre Teilnahme am Finale hatte sie sich über die Golden Trail National Championships in Australien gesichert. Dort gewann sie ein sogenanntes Golden Ticket, das ihr den Start beim Grand Finale ermöglichte.
„Das war eigentlich ziemlich lustig. Ich war in Melbourne und mein Trainer sagte mir, dass ich bei den Golden Trail National Championships starten könnte und eine Chance auf den Sieg hätte. Ich habe gewonnen und mir damit das Golden Ticket für Südkorea gesichert“, erzählt die Isländerin.
Bereits beim Ledro Sky Trentino hatte sie mit Platz fünf und der schnellsten Downhill-Zeit aufhorchen lassen. Dass ihr ausgerechnet beim Finale der ganz große Durchbruch gelingen würde, überraschte dennoch viele Beobachter.
Nicht jedoch die Siegerin selbst:
„Ich muss zugeben, dass ich mir heute Morgen gesagt habe: Ich kann dieses Rennen gewinnen. Ich war unglaublich positiv eingestellt und habe wirklich an mich geglaubt. Die Strecke liegt mir sehr. Technisches Gelände ist meine Stärke.“
Der Erfolg könnte nun sogar ihre weitere Karriereplanung beeinflussen. Eigentlich hatte Kolbeinsdóttir darüber nachgedacht, künftig längere Distanzen in Angriff zu nehmen. Nach ihrem Triumph in Muju klingt das plötzlich anders:
„Vielleicht werde ich mich nächstes Jahr ganz auf die Golden Trail World Series konzentrieren.“
Florea krönt eine nahezu perfekte Saison
Auch wenn Madalina Florea beim Grand Finale den Tagessieg verpasste, war die Rumänin eine der großen Gewinnerinnen des Wochenendes. Mit drei Siegen und zwei zweiten Plätzen in ihren fünf Saisonrennen verteidigte sie ihren Gesamttitel aus dem Vorjahr. Ihre Siege beim Québec Mega Trail, beim Pitz Alpine Glacier Trail und bei Sierre-Zinal hatten bereits eine hervorragende Ausgangslage geschaffen. Mit dem zweiten Platz in Muju machte sie die Titelverteidigung endgültig perfekt.
„Jedes Rennen, an dem ich in diesem Jahr teilgenommen habe, hat mir dabei geholfen, diese Trophäe zu gewinnen“, erklärte Florea im Ziel.
Dabei verlangte ihr ausgerechnet das Saisonfinale noch einmal alles ab.
„Es war das härteste Rennen, das ich jemals gemacht habe. Ich konnte meinen Körper nicht mehr spüren.“
Nach dem Zieleinlauf feierte die Rumänin ihren Triumph ausgelassen und wälzte sich vor Freude sogar in den Wasserpfützen des Zielbereichs. Mit 1.164 Punkten sicherte sie sich souverän die Gesamtwertung vor Caroline Kimutai (1.016 Punkte) und Ruth Gitonga (982 Punkte).
Bitteres Aus für Hanna Groeber
Aus deutscher Sicht verlief das Finale enttäuschend. Hanna Groeber (Nike ACG) war als Gesamtfünfte nach Südkorea gereist und hatte vor dem Rennen sogar noch rechnerische Chancen auf das Podium der Jahreswertung. Dabei stand ihr Start bereits unter besonderen Vorzeichen. Beim Jinshanling Great Wall Trail Race in China hatte sich Groeber einen Handgelenksbruch zugezogen. In Muju gab sie ihr Comeback auf der internationalen GTWS-Bühne. Zunächst konnte die Deutsche mit den Spitzenläuferinnen mithalten. Nach dem ersten langen Anstieg lag sie innerhalb von zwei Minuten zur Führenden. Doch im weiteren Rennverlauf machten ihr muskuläre Probleme zu schaffen. Groeber musste das Rennen vorzeitig aufgeben. Damit endete eine ansonsten beeindruckende Saison für die deutsche Trailrunnerin mit einem kleinen Rückschlag. Insbesondere ihr Sieg beim Myoko Trail in Japan hatte gezeigt, dass sie inzwischen zur internationalen Spitze gehört.