Monte Rosa SkySummit 2026: Zwischen Abenteuer, Ehrfurcht und dünner Luft - xc-run.de Trailrunning

Monte Rosa SkySummit 2026: Zwischen Abenteuer, Ehrfurcht und dünner Luft

17 Kilometer, 3.500 Höhenmeter und ein Ziel auf über 4.000 Metern Höhe: XC-RUN.DE Athletin, Nana Buhl, berichtet von ihrem Start beim Monte Rosa SkySummit – einem Rennen, das weit mehr ist als ein gewöhnlicher Berglauf und die Teilnehmer an ihre körperlichen und mentalen Grenzen führt.

Die Idee eines großen Abenteuers

Monte Rosa Skymarathon 2026 © Nana Buhl

Als mein Freund Andi mich im vergangenen November fragte, ob ich gemeinsam mit ihm den Monte Rosa SkySummit laufen möchte, sagte ich sofort zu. Monte Rosa SkySummit – 17 Kilometer und 3.500 Höhenmeter bergauf, von Alagna auf 1.200 Metern Höhe bis zur Margherita-Hütte auf der Signalkuppe auf 4.550 Metern. Gelaufen wird als Team, denn den Gletscher darf man ausschließlich in einer Seilschaft überqueren.

Das klang nach Abenteuer. Das klang nach einer Herausforderung. Der Monte Rosa SkyMarathon gilt als höchstgelegenes Rennen Europas und als Wiege des Skyrunnings. Seit Jahrzehnten inspiriert die Veranstaltung Athleten aus aller Welt und zieht Teilnehmer aus zahlreichen Nationen an. Voller Vorfreude – und auch ein wenig stolz – erzählte ich Freunden von unserem geplanten Abenteuer. Ich war naiv. Oder vielleicht wie ein Kind, das den Sachverhalt zwar verstanden hat, dessen ganze Tragweite aber noch nicht erfassen kann.

Ich dachte, wir laufen dort einfach hoch. Und wenn wir schon einmal vor Ort sind, könnten wir ja noch den einen oder anderen Viertausender mitnehmen. Erst als die Vorbereitungen konkreter wurden, wir uns mit der Pflichtausrüstung beschäftigten – Helm, Klettersteigset, Klettergurt, Seil, Grödel und vieles mehr – und den Track genauer analysierten, wurde mir langsam klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Wir würden auf über 4.000 Meter Höhe aufsteigen – schnell und ohne vorherige Akklimatisation. Wir würden einen gewaltigen Gletscher mit zahlreichen Spalten überqueren.

Zwischen Respekt und Grenzerfahrung

Nie den Respekt und die Demut vor den Bergen zu verlieren und ein Finish niemals als selbstverständlich anzusehen, sind Werte, die mir persönlich wichtig sind. Was bedeutet es eigentlich, ein Rennen wie den Monte Rosa SkySummit zu bestreiten? Sucht man bewusst das Risiko, wenn man sich extremer Höhe und einer hohen Wahrscheinlichkeit für Symptome der Höhenkrankheit aussetzt? Für mich geht es nicht um Gefahr oder Risiko. Vielmehr geht es um die Chance, die eigenen Grenzen zu verschieben und sich einer außergewöhnlichen Herausforderung stellen zu dürfen.

Ankommen in der Wiege des Skyrunnings

Monte Rosa Skymarathon 2026 © Nana Buhl

Der Start befindet sich in Valsesia-Alagna, einem schmalen Tal, dessen steile Bergflanken links und rechts aufragen. Bereits hinter dem Dorf blitzen die ersten Gletscher und Viertausender hervor. Alagna selbst ist ein beschaulicher Ort mit alten Holzhäusern und den für die Region typischen schweren Steindächern.

Freitagabend, 18 Uhr. Race Briefing. Die Kletterhalle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Insgesamt 664 Athletinnen und Athleten sind angereist, um an Europas höchstgelegenem Rennen teilzunehmen.

Vier Wettbewerbe stehen auf dem Programm:

  • Monte Rosa SkyMarathon (35 km, 7.000 hm ±)
  • Monte Rosa SkySummit (17 km, 3.500 hm +)
  • Monte Rosa SkyRace (26 km, 5.000 hm ±)
  • AMA VK (9 km, 2.086 hm +)

Alle Rennen führen auf über 3.000 Meter Höhe. Zu Beginn werden die Spitzenathleten vorgestellt. Unter großem Applaus betreten sie die Bühne. Immer wieder erhebt sich das Publikum, um den Sportlern Respekt zu zollen. Auf der Bühne versammeln sich bekannte Namen des Bergsports. Im Publikum sitzen erfahrene Alpinisten, Skyrunner und Bergläufer – Menschen, die draußen zu Hause sind. Eine Gemeinschaft, zu der ich gerne gehören möchte.

Und ich?

Ich bin noch auf der Suche nach meinem Platz in diesem Sport. Nach der Community, der ich mich wirklich zugehörig fühle. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Kapitel.

Sturmwarnung am Berg

Der Wetterbericht kündigt oberhalb von 4.000 Metern Temperaturen von minus zehn Grad und Windböen von bis zu 70 km/h an. Kalt, aber sonnig. Ein Streckenabschnitt musste wegen Schneemangels verändert werden und führt nun über Felsgelände. Dort wurden Fixseile installiert, das Einhängen mit dem Klettersteigset ist verpflichtend. Nach dem Briefing sehne ich mich vor allem nach Ruhe. Wir packen die letzten Sachen und kontrollieren unsere Ausrüstung ein letztes Mal. Die Nacht wird kurz.

Der lange Weg nach oben

Um vier Uhr morgens reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Frühstücken, fertig machen, ab zum Start. Sowohl der SkyMarathon als auch unser Rennen werden aufgrund des starken Windes am Berg verspätet gestartet. Mehr Zeit also, um mit meiner Teamkollegin Susi und ihrem Ehemann Florian Reichert zu sprechen, die erst in den frühen Morgenstunden angekommen sind. Dann steigt die Nervosität. Der Startschuss fällt. Es ist voll. Es ist eng. Nach wenigen Metern verengt sich die Strecke zu einem Singletrail. Andi und ich versuchen, uns nach vorne zu arbeiten. Susi und Flo verschwinden bereits kurz nach dem Start außer Sichtweite. Die ersten fünf Kilometer fühlen sich wie ein notwendiges Übel an. Danach, denke ich mir, beginnt das eigentliche Rennen.

Über Felsen, Schnee und Eis

Nach fünf Kilometern und rund 1.000 Höhenmetern erreichen wir die erste Verpflegungsstelle. Weniger Menschen werden es allerdings nicht. Schon bald laufen wir auf die Teams des SkyMarathons auf, die 15 Minuten vor uns gestartet sind. Es folgen blockige Felsen, Schneefelder und weitere steile Anstiege. Auf knapp 3.000 Metern Höhe ist mir überraschend heiß. Wo sind eigentlich die angekündigten minus zehn Grad? Während ich mich über ein Schneefeld kämpfe, beginnen die ersten Zweifel. Ist das bereits die Höhe? Warum habe ich an der letzten Verpflegungsstelle nichts getrunken? Warum ist es hier so unglaublich steil? Dann ertönt plötzlich Musik.

Die Welt oberhalb von 4.000 Metern

Verpflegungspunkt Indren. 3.260 Meter. Die Stimmung ist großartig. Die Helfer verbreiten eine ansteckende Positivität. Es gibt Kuchen, Nüsse und Cola. Kein Luxusbuffet wie bei vielen Trailrunning-Großveranstaltungen. Aber das hier ist auch kein gewöhnliches Trailrennen. Die gesamte Infrastruktur muss per Helikopter versorgt werden. Kurz darauf binden wir uns ins Seil. Nach einer Kletterpassage betreten wir eine andere Welt. Eine Welt aus Eis, Schnee und Wind. Mit der Kälte kehrt auch meine Energie zurück. Wir erreichen den Gletscher. Zwischen Skitourengehern und Hochtouristen zieht sich die Spur nach oben. Links gähnen tiefe Gletscherspalten, rechts ragen meterhohe Eiswände auf. Hier oben wird aus Laufen längst Steigen. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug.

Am Limit auf dem Col del Lys

„Noch 20 Minuten“, ruft uns ein anderer Teilnehmer zu. Das schaffen wir. Doch die letzten Minuten ziehen sich endlos. Menschen klopfen mir beim Vorbeigehen auf die Schulter.

„Allez!“

„Bravo!“

Dann passiert es. Für einen Moment verengt sich mein Sichtfeld. Der Berg scheint nach links zu kippen. Ein massiver Schwindelanfall erfasst mich. Ich stolpere über das Seil und ringe nach Luft. Konzentrieren. Nur noch die letzten Meter. Dann erreichen wir den Col del Lys auf 4.250 Metern Höhe. Zwei Helfer lesen unseren Chip aus. Gratulation. Kein Zielbogen. Keine Zielverpflegung. Kein Festzelt. Nur Wind, Eis und eine überwältigende Aussicht. Für einen kurzen Moment lasse ich den Blick über die umliegenden Gipfel schweifen. Die Fernsicht scheint grenzenlos. Dann erinnert uns eine Windböe daran, dass wir hier oben nicht bleiben sollten.

Zurück ins Tal

Monte Rosa Skymarathon 2026 © Nana Buhl

Mit jedem verlorenen Höhenmeter kehren Wärme und Energie zurück. Noch einmal geht es rund 1.000 Höhenmeter hinab bis zur Liftstation. Unten im Tal werden die Finisher des SkyMarathons gefeiert. Auch Susi und Flo sind bereits dort. Sie haben das Rennen auf einem herausragenden zweiten Platz beendet. Herzlichen Glückwunsch! Bei der anschließenden Pasta-Party tauschen die Athleten ihre Erlebnisse aus. Die Welt dort oben wirkt bereits wieder unwirklich weit entfernt. Später wird gefeiert. Bis tief in den warmen Sommerabend hinein. Vergessen sind Sturm und Kälte. Geblieben sind die Erinnerungen an ein außergewöhnliches Abenteuer, an eine Veranstaltung, die Skyrunning in seiner ursprünglichsten Form lebt, und an den Stolz, ein solches Rennen erfolgreich beendet zu haben.

Was bleibt?

Das Versprechen, zurückzukehren. Und die Hoffnung, im nächsten Jahr bis zur Margherita-Hütte auf 4.550 Metern Höhe laufen zu dürfen.

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