Nordkette Vertical: Steiler ist nur klettern

Nordkette Vertical Innsbruck © xc-run.de
Nach der Top Ten Platzierung und dem ersten Platz der Altersklasse beim TDS im Rahmen des Ultra Trail du Mont Blanc 2021 hat Basilia Förster ihr Saisonhighlight bereits hinter sich. Ganz lassen kann es die xc-run.de Athletin jedoch immer noch nicht mit den Rennen. Hier ihr Racebericht zum Nordkette Vertical in Innsbruck:

Schneller, kürzer, steiler

Heute ist wieder Raceday. Das steht häufig in meinem Kalender. Doch heute ist es anders. Meine letzten Trailruns dauerten lange. Mehr als 100 Kilometer. Mehr als 20 Stunden. Viele Aufstiege und genauso viele Abstiege. Meistens startete ich spätabends oder frühmorgens. Nichts davon trifft auf mein heutiges Rennen zu. Nordkette Vertical. 1038 Höhenmeter geht es auf gerade einmal 3,5 Kilometern von der Innsbrucker Hungerburg zur Seegrube hinauf. Wie gesagt, heute ist alles etwas anders. 

Im Schnitt knapp 34 Prozent Steigung

Nordkette Vertical Innsbruck © xc-run.de
Der Start ist für 11 Uhr angekündigt. Zumindest hier unten im Innsbrucker Stadtteil Hungerburg hat sich die Sonne bereits durch den Nebel gekämpft. So warm war es den ganzen Sommer nur selten. Der Fitnesstrainer heizt beim Warmup zusätzlich ein. Ein kurzer Countdown. Und schon fällt der Startschuss! Kein Flachstück zum Einlaufen. Keine breite Straße zur Positionsbestimmung. Vom Startbogen geht es gleich steil bergauf. Im Schnitt erwarten uns knapp 34 Prozent Steigung. Aus meiner Ultraperspektive erscheint das Vertical-Format als maximal komprimierte Version eines Trailruns. Auf alles Überflüssige wird dabei verzichtet. Warum tage- und nächtelang unterwegs sein, wenn man auch in unter einer Stunde wissen kann, wer der Bergkönig oder –königin ist? Warum viele Kilometer laufen, wenn man sich auch in wenigen Kilometern komplett zerstören kann? Warum Serpentinen laufen, wenn es auch direttissima hinaufgeht. Ich gebe zu, das hat seinen Charme. Und doch wäre mir schon nach einer Minute der Ultra lieber.

Der Schock gleich zu Beginn

Ultras beginnen oft wie Stephen King-Filme. Unspektakulär, normal, geradezu idylisch. Das Grauen erwächst aus dem Alltäglichen. Das erste Drittel kann ich meistens genießen, bis der schleichende Schmerz sukzessive in meinen Körper kriecht. Sich unspezifisch ausbreitet, bis irgendwann jeder Schritt zur Qual wird. Das schafft dieser Vertical in den ersten zehn Minuten. Alles brennt. Waden, Beine, Lunge. Der Schweiß fließt.

Laktatparty

Die Party hat begonnen, die Laktatparty. Ich freue mich über ein erstes flacheres Stück. Hier kann ich mein läuferisches Potenzial ausspielen. Doch die zur Durchschnittssteigung negative Abweichung muss gleich kompensiert werden. Umso steiler ist der nächste Abschnitt. Der Stockeinsatz hilft mir, mich nach oben zu bewegen. Von Laufen kann nicht die Rede sein. Steigen, Kriechen, Schieben. Es ist eine Mischung daraus. Alles dem einen Ziel untergeordnet, der Schwerkraft zu widerstehen. Vertikalen Zentimeter um Zentimeter gut zu machen. Und trotzdem nicht blau zu laufen. Genau auf der Schwelle zu bleiben. Ein Spiel mit dem Laktat. Ein Tanz wäre der Party angemessen. Doch dafür fehlt schon lange die Leichtfüßigkeit. 

Stairway to heaven – or hell?

Nordkette Vertical Innsbruck © xc-run.de
Kurz nach der einzigen Verpflegung – zwei Schlücke Wasser müssen reichen – beginnt die neu geschaffene Treppe. 148 Stufen warten auf mich. Stufen nicht gemacht für eine 1.59 kleine Läuferin, noch nicht mal für meine deutlich größeren Mitstreiter. Stufen, eher gemacht für irgendwelche Riesen aus der Fabelwelt. Jeder Schritt gleicht einer einbeinigen Kniebeuge. Ich versuche, mich über meine Stöcke nach oben zu ziehen, um die Oberschenkel etwas zu schonen. Ein Schild motiviert. Noch 100 Stufen. Ich zähle bis zehn. Und noch einmal. Und so weiter. Manchmal vergesse ich das Zählen. Und irgendwie schaffe ich es auf diese Weise.

Das Ziel in Sicht

Ein letzter Schlenker. Ich kann wieder etwas laufen. Ich kämpfe mich weiter nach oben. Der erste Zielbogen kündigt die finalen hundert Meter an. Und endlich bin ich am zweiten Bogen. Dem Ziel. So schön. Und doch zweifle ich. So schnell im Ziel. War’s das schon? Normalerweise wird es doch erst mal dunkel, dann wieder hell. Und dann komme ich erst ins Ziel. Halt. Schwarz vor Augen war es zwischenzeitlich schon auch ein bisschen. Selbst an das wurde bei dieser komprimierten Version des Trailruns gedacht. Ich schnappe mir ein Red Bull im Ziel. Passender wäre ein Ristretto gewesen. 150mg Koffein passen schließlich auch in eine kleine Tasse. Froh bin ich trotzdem über das zusätzliche Wasser. Selten habe ich bei einem Rennen so geschwitzt. 

Sunshine in der Finish Area

Gerade komme ich zu mir, da kommt schon der Zielsprecher mit dem Mikro auf mich zu. Gratulation zum dritten Platz. Damit habe ich heute wirklich nicht gerechnet. Platzierung und Taktik haben während des Rennens für mich auch keine Rolle gespielt. Ich habe nur versucht, die Schwelle nicht zu verlassen. Trotzdem freue ich mich riesig über das Podium. Nun bricht auch hier oben die Sonne durch den Nebel. Ich genieße die Aussicht auf Innsbruck. Doch eigentlich möchte ich schon weiter. Höher hinauf auf die Berge. Und auch wieder hinunter. Und wieder hinauf. Wahrscheinlich bin ich doch Ultraläuferin.

Zurück im nächsten Jahr

Ein bisschen scheint mir der Veranstalter entgegen zu kommen. Es ist geplant, bereits in der Innsbrucker City zu starten. Und das Ziel weiter nach oben ins Hafelekar zu verlegen. Das gefällt mir. Ich komme wieder. Das steht fest!