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Ultra Tour Monte Rosa – zwischen Siegeswillen, Erschöpfung und dem Kopf, der entscheidet

170 Kilometer, 11.600 Höhenmeter und vier Tage Wettkampf durch eine der beeindruckendsten Berglandschaften der Alpen. Das Stagerace Monterosa 2026 wurde für XC-RUN.DE Athletin, Claudia Sieder, zu einer sportlichen und vor allem mentalen Grenzerfahrung.

Als ich in Grächen ankam, wusste ich ehrlich gesagt nicht, was auf mich zukommen würde. Ich bin in meiner Zeit als Leistungssportlerin schon viele Wettkämpfe gelaufen. Ich kenne den Druck vor dem Start, kenne das Gefühl, alles aus sich herauszuholen, und weiß, wie es ist, wenn am Ende nur noch die letzten Körner zählen.

Aber vier Tage Wettkampf? Vier Tage Ultra? Das war etwas völlig Neues.

Schon die Ankunft in Grächen war beeindruckend. Das wunderschöne Bergdorf liegt mitten in einer traumhaften Bergwelt und vermittelte zunächst eher Urlaubs- als Wettkampfstimmung. Doch spätestens bei der Equipmentkontrolle war klar: Hier wird es ernst. Die Kontrolle war sehr genau. Die Organisation legte großen Wert darauf, dass alle Teilnehmer entsprechend ausgerüstet und sicher unterwegs waren. Überhaupt hatte ich während der gesamten vier Tage das Gefühl, dass die Sicherheit und das Wohlbefinden jedes einzelnen Läufers wirklich an erster Stelle standen.

Meine Ausrüstung bekam ich – trotz meines persönlichen Organisationschaos – natürlich irgendwie zusammen. Dann konnte es losgehen.

Etappe 1: Grächen – Zermatt

© ningma

36 Kilometer und 2.300 Höhenmeter.

Die erste Etappe führte von Grächen nach Zermatt. Technische Trails, steile Anstiege und wunderschöne alpine Landschaften machten die Strecke zu einem echten Trailrunning-Erlebnis. Ich lief allerdings nicht einfach nur durch die Berge. Ich lief ein Rennen. Und zwar so, wie ich Rennen aus meiner Leistungssportzeit kenne: mit Druck und dem Ziel, so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Ich wollte keine Zeit verschenken.

Am Ende kam ich als erste Frau ins Ziel – mit rund neun Minuten Vorsprung auf die Zweitplatzierte. Ein guter Start. Ein kleines Pölsterchen für den nächsten Tag. Damals dachte ich noch nicht darüber nach, ob dieses hohe Tempo vielleicht irgendwann seinen Preis haben würde.

In Zermatt angekommen, ging es direkt ins Zimmer. Regeneration war angesagt: essen, trinken, Beine hoch und versuchen, möglichst schnell wieder fit zu werden. Ich teilte mir das Zimmer mit einer Läuferin aus China. Die Stimmung unter den Teilnehmern war von Beginn an besonders: international, unkompliziert und sehr herzlich.

Doch lange konnte ich mich nicht erholen. Der nächste Wecker würde um 4 Uhr klingeln.

Etappe 2: Über Gletscher nach Italien

© ningma

Frühstück um 4 Uhr. Start um 6:30 Uhr. Und direkt vor uns das Matterhorn. Ein unglaublicher Anblick.

Aber hinter dieser traumhaften Kulisse warteten 44 Kilometer und 2.800 Höhenmeter über Gletschergebiet und weiter nach Italien. Schon früh spürte ich die Belastung des Vortages. Ich war müde. Sehr müde. Und ich wusste am Anfang nicht wirklich, ob ich diese Etappe schaffen würde.

Emma Pooley, eine absolute Bergspezialistin, war direkt nach dem Start davongezogen. Sie war auf und davon, während ich die ersten zwei Stunden vor allem mit mir selbst und meinen Beinen kämpfte. Dann kam der Downhill. Meine absolute Stärke.

Ich konnte Emma wieder vor mir sehen, holte Meter um Meter auf und schließlich war ich wieder dran. Ich konnte vorbeiziehen. Plötzlich war auch das Selbstvertrauen wieder da. Ich wusste: Ich muss nur den nächsten Uphill durchziehen. Im Downhill bin ich stark.

Der Plan ging auf. Ich gewann auch die zweite Etappe und baute meinen Vorsprung auf rund 15 Minuten aus. Sportlich lief alles perfekt. Mental begann es schwieriger zu werden.

Plötzlich war ich die Gejagte

Aus dem Vorsprung wurde Druck. Ich war jetzt die Gejagte. Ich hatte das Gefühl, mir keinen Fehler erlauben zu dürfen. Jeder Gedanke drehte sich um den Vorsprung, die nächste Etappe und die Frage, ob ich ihn halten konnte.

Am Abend bekam ich ein richtiges mentales Tief. Ich rief zu Hause an und flehte darum, dass man mich abholen sollte. Natürlich hat mich niemand abgeholt. Zum Glück. Denn ich hätte es mit Sicherheit bereut.

Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht vorstellen, noch zwei Rennen hintereinander zu laufen. Noch zweimal morgens aufzustehen. Noch zweimal alles zu geben. Und dann war da noch das Thema Schlaf. Wieder ein Zimmer mit anderen Läuferinnen, keine wirkliche Privatsphäre und nicht besonders viel Schlaf. Aber genau das gehört zu einem Stagerace dazu.

Etappe 3: Nicht mehr nur schnell, sondern clever

© ningma

Am dritten Morgen klingelte der Wecker wieder um 4 Uhr. Frühstück. Um 6:30 Uhr Start. 46 Kilometer und 3.200 Höhenmeter warteten auf uns. Dieses Mal ging ich es anders an. Ich wusste mittlerweile, dass Emma im Uphill die Nase vorne hatte. Also ließ ich sie laufen. Ich musste nicht jeden Anstieg gewinnen. Ich musste mein Rennen laufen. Und ich wusste, dass meine Stärke im Downhill lag.

Der Plan funktionierte erneut. Im ersten Downhill konnte ich an Emma vorbeiziehen. Mein Vorsprung blieb bei ungefähr 15 Minuten. Insgesamt lag ich nun rund 30 Minuten vorne. Nur noch eine Etappe. Eigentlich hätte ich jetzt einfach nur noch glücklich sein müssen. Aber körperlich war ich müde. Und mental ebenfalls. Die nächste Nacht verbrachte ich in einem Vierbettzimmer. Geschlafen hatte ich gefühlt vielleicht eine Stunde. Mein Körper war am Anschlag. Mein Kopf auch. Und trotzdem wartete noch eine letzte Etappe.

Etappe 4: Der härteste Kampf

© ningma

44 Kilometer, 2.800 Höhenmeter – zurück nach Grächen.

Für mich sollte es die schwierigste Etappe des gesamten Rennens werden. Zu Beginn ging es zunächst rund 1.500 Höhenmeter steil bergauf bis zu einem Gipfelkreuz. Die Aussicht war traumhaft. Wenn da nicht dieser kleine Unterschied gewesen wäre: Es war immer noch ein Rennen. Danach wurde die Strecke immer laufbarer. Und genau das machte es für mich so hart. Ich führte zwar weiterhin, aber ich wusste, wie stark Emma auf diesem Terrain war. Und ich spürte, dass meine Kräfte langsam zu Ende gingen.

Bei der zweiten Verpflegungsstation in Saas-Fee brach es schließlich aus mir heraus. Ich fing an zu weinen. Ich war körperlich am Ende und mental völlig erschöpft. Ja, ich führte. Aber das war mir in diesem Moment egal. Ich konnte einfach nicht mehr. Dann kam Emma. Und sie motivierte mich weiterzumachen. Das war einer dieser Momente, die man im Wettkampf nicht vergisst. Wir kämpften um den Etappensieg, und trotzdem war da diese gegenseitige Unterstützung. Ich sagte ihr, sie solle weiterlaufen. Ich brauche einen Moment. Dann komme ich nach. In diesem Moment hatte ich zwei Möglichkeiten: aufgeben oder weiterlaufen. Ich wusste sofort, dass ich das Aufgeben später bereuen würde. Also lief ich weiter. Weinen brachte nichts.

Noch 20 Kilometer

Die Strecke war jetzt ein einziger mentaler Kampf. Ein Höhenweg mit ständig kurzen Anstiegen und Abstiegen. Sehr laufbar – und dadurch nach drei Tagen Ultra umso zermürbender. Als ich mich mental wieder gefangen hatte, gab ich mir ein neues Ziel: Emma würde ich wahrscheinlich nicht mehr einholen. Aber ich konnte versuchen, den Abstand so klein wie möglich zu halten. Und plötzlich war sie wieder vor mir. Wir liefen gemeinsam diesen endlosen Höhenweg. Zwei Konkurrentinnen, die eigentlich um den Etappensieg kämpften – und gleichzeitig zwei Läuferinnen, die genau wussten, wie hart diese letzten Kilometer waren.

Der Körper war am Anschlag. Noch ungefähr 20 Kilometer. Weiterlaufen. An der letzten Verpflegungsstation hielt ich noch einmal an. Emma lief weiter. Und dieses Mal ließ ich sie ziehen. Sie hatte sich diesen Etappensieg mehr als verdient. Ich selbst war einfach körperlich und mental am Ende. Als ich schließlich ins Ziel kam, war da vor allem eines: Stolz.

Nicht nur auf die Platzierung. Nicht auf den Vorsprung. Sondern darauf, dass ich weitergelaufen war, obwohl ich an diesem Tag wirklich aufgeben wollte.

Was bleibt?

170 Kilometer. 11.600 Höhenmeter. Vier Tage Ultra.

Das Stagerace Monterosa hat mir gezeigt, dass ein Mehrtagesrennen etwas völlig anderes ist als ein einzelner Wettkampf. Man kann nicht jeden Tag so laufen, als wäre es der letzte Wettkampf seines Lebens. Man muss lernen, Kräfte einzuteilen. Man muss akzeptieren, dass der Körper müde wird und dass irgendwann auch der Kopf nicht mehr mitspielen möchte.

Und genau dann entscheidet sich, ob man weitermacht. Ob ich es noch einmal machen würde? Ich weiß es nicht. Für mich war das Stagerace eine absolute Grenzerfahrung – körperlich und mental. Aber genau deshalb werde ich diese vier Tage wahrscheinlich nie vergessen. Das Event selbst kann ich absolut weiterempfehlen. Traumhafte, steile und technisch anspruchsvolle Trails, eine hervorragende Organisation und vor allem eine Community, die für mich etwas ganz Besonderes war. Vier Tage lang waren wir Konkurrentinnen und Konkurrenten. Aber gleichzeitig waren wir eine Gemeinschaft. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung, die ich aus diesen vier Tagen mitnehme:

Ein Rennen wird nicht immer nur durch die Platzierung entschieden. Manchmal gewinnt man auch dann, wenn man einfach nur beschließt, weiterzulaufen.