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UTMB Mont Blanc 2026: OCC – Tove Alexandersson die Gejagte, deutsche Topathletinnen mit Fragezeichen

60 Kilometer, 3.500 Höhenmeter und eines der vielleicht stärksten 50K-Felder, die Chamonix je gesehen hat: Am Donnerstag fällt beim OCC die erste große sportliche Entscheidung der UTMB-Woche. Bei den Frauen führt kaum ein Weg an Tove Alexandersson vorbei. Dahinter wartet ein Weltklassefeld mit Judith Wyder, Maude Mathys und Sara Alonso. Aus deutscher Sicht sorgen vor allem Laura Hottenrott, Kim Schreiber und Daniela Oemus für Spannung. Bei den Männern treffen mit Frédéric Tranchand und Rémi Bonnet zwei absolute Ausnahmeathleten auf eine beeindruckende Armada an Herausforderern.

Donnerstag, 27. August: OCC – 60 Kilometer für den ersten großen Titel

Start: Donnerstag, 27. August 2026, ab 8:15 Uhr in Orsières
Distanz: 60 km | 3.500 hm+

Am Donnerstag beginnt der sportliche Höhepunkt der UTMB-Woche. Die OCC bildet das Finale der 50K-Kategorie der UTMB World Series und wartet 2026 mit rund 60 Kilometern und 3.500 Höhenmetern auf.

Gestartet wird traditionell im Schweizer Orsières. Von dort führt die Strecke über die französisch-schweizerische Grenze bis nach Chamonix. Neu ist 2026 eine Passage zwischen Col de Balme und Col des Posettes. Mit 2.321 Metern erreicht die Strecke dort zugleich ihren höchsten Punkt.

Durch die vergleichsweise kurze Distanz und die enorme Leistungsdichte ist die OCC das schnellste der drei großen Finals. Hier treffen klassische Trailrunner auf Berglaufspezialisten und zunehmend auf Athleten, die auch auf der Straße enorme Geschwindigkeit besitzen. Genau diese Mischung macht die OCC mittlerweile zu einem der spektakulärsten Rennen der gesamten Woche.

Dass die Strecke dabei keineswegs nur aus technischen Trails besteht, könnte nach einer Streckenänderung 2026 eine noch größere Rolle spielen. Wirklich technische Passagen sind eher selten. Vor allem nach dem Col de Balme wartet ein langes Finale, auf dem noch einmal richtig gelaufen werden kann. Das verändert die Anforderungen. Wer in den langen Downhills zu viel investiert oder seine Oberschenkel frühzeitig zerstört, könnte auf den letzten Kilometern viel Zeit verlieren. Gleichzeitig profitieren schnelle Läufer davon, wenn sie nach vier oder fünf Rennstunden noch in der Lage sind, Druck zu machen.

Tove Alexandersson: Unter normalen Bedingungen kaum zu schlagen

Im Frauenrennen gibt es eine klare Gejagte: Tove Alexandersson.

Die Schwedin kommt mit einem 50K-Index von 862 nach Orsières und führt damit bereits auf dem Papier das Feld an. Entscheidender als jede Zahl sind jedoch ihre Auftritte der vergangenen Monate. Bei den Trailrunning-Weltmeisterschaften 2025 in Canfranc gewann Alexandersson den Short Trail über 45 Kilometer mit einem Vorsprung von fast 34 Minuten auf ein Weltklassefeld. 2026 setzte sie ihre beeindruckende Serie fort. Bei ihrem Debüt in Zegama distanzierte sie die Konkurrenz praktisch vom Start weg und gewann in 4:08:09 Stunden. Damit unterbot sie den bisherigen Streckenrekord um mehr als acht Minuten. Bereits zur Rennhälfte betrug ihr Vorsprung auf Sara Alonso rund acht Minuten, im weiteren Verlauf wurde daraus ein zweistelliger Abstand.

Auch beim Marathon du Mont-Blanc setzte sie ihre Siegesserie fort. 2026 hat Alexandersson bei ihren internationalen Trailstarts bislang praktisch keine Schwäche gezeigt. Ihre Kombination aus enormer aerober Leistungsfähigkeit, technischer Klasse und einer außergewöhnlichen Stärke bergauf wie bergab scheint wie geschaffen für den OCC. Deshalb muss man es vor diesem Rennen deutlich formulieren: Unter normalen Bedingungen ist Tove Alexandersson beim OCC 2026 kaum zu schlagen. Für die Konkurrenz dürfte es zunächst darum gehen, das eigene Rennen zu laufen und darauf zu hoffen, dass die Schwedin einen schlechten Tag erwischt.

Wyder, Mathys und Alonso: Wer kann Alexandersson fordern?

Das bedeutet keineswegs, dass das Rennen hinter Alexandersson schwach besetzt wäre. Im Gegenteil: Das Frauenfeld gehört zum Besten, was die OCC in ihrer Geschichte gesehen hat. Wenn es derzeit überhaupt Athletin im Feld gibt, der man zutrauen darf, Alexandersson unter Druck zu setzen, dann ist es Judith Wyder. Die Schweizerin bewies erst Anfang Juni bei den European Athletics Off-Road Running Championships in Kamnik ihre Klasse. Auf 52 Kilometern und rund 2.500 Höhenmetern übernahm sie unmittelbar nach dem Start die Führung und gab sie bis ins Ziel nicht mehr ab. Nach 4:36:41 Stunden gewann sie den Europameistertitel mit 3:43 Minuten Vorsprung auf María La Chica.

Allerdings fehlte bei der EM ausgerechnet Alexandersson. Die Schwedin musste damals aufgrund einer Knöchelverletzung passen. Damit kommt es beim OCC nun zum direkten Aufeinandertreffen der amtierenden Weltmeisterin Alexandersson und Europameisterin Wyder. Gerade auf einer schnellen Strecke sollte die ehemalige Weltklasse-Orientierungsläuferin Wyder zu den wenigen Athletinnen gehören, die zumindest das Potenzial besitzen, Alexandersson länger unter Druck zu setzen. Interessant: Auch María Teresa La Chica Lhoest, Wyders Silbermedaillengewinnerin von Kamnik, steht in Orsières am Start. Sie lag bei der EM lediglich 3:43 Minuten hinter der Schweizerin und gehört damit ebenfalls zum erweiterten Kreis der Kandidatinnen für eine Topplatzierung.

Mit Maude Mathys wartet eine weitere Schweizer Ausnahmeläuferin. Mathys hat über Jahre hinweg Berglauf, Trailrunning und schnelle Marathonformate geprägt und dürfte gerade auf der laufbaren OCC-Strecke ihre Stärken ausspielen können. Sara Alonso kennt man dagegen vor allem als technisch starke Racerin. Sie gehört zu den besten Downhill-Läuferinnen des Feldes und bringt zugleich genügend Geschwindigkeit für das schnelle Finale mit. Auch Ida Amelie Robsahm gehört in den Kreis der Podiumsanwärterinnen. Naomi Lang, Malen Osa Ansa, Lauren Gregory, Makena Morley und Ioana Madalina Amariei sorgen dafür, dass selbst ein Platz in den Top Ten eine enorme Leistung darstellen wird.

Laura Hottenrott: Start trotz Verletzung noch offen

Eines der großen Fragezeichen aus deutscher Sicht steht hinter Laura Hottenrott. Sportlich wäre die Ausgangslage faszinierend. Die Olympiamarathonläuferin verbindet eine für das Trailrunning außergewöhnliche Grundgeschwindigkeit mit immer mehr Erfahrung im Gelände. Beim Eiger Ultra Trail über 51 Kilometer sammelte sie bereits Erfahrungen über längere Distanzen, bei Sierre-Zinal lief sie zuletzt in die Top Ten. Doch ihr Rennkalender der vergangenen Wochen war extrem. Auf Sierre-Zinal folgte nur kurze Zeit später der Marathon bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham. Dort wurde Hottenrott in rund 2:31 Stunden als 16. beste Deutsche. Der außergewöhnliche Rundkurs mit zahlreichen engen Kurven und mehr als 700 Höhenmetern hinterließ allerdings Spuren. Laut einem Statement am Montag war ein OCC-Start ausdrücklich noch nicht entschieden. Hottenrott klagte vor allem über deutliche Beschwerden an der Plantarfaszie und noch nicht vollständig erholte Muskulatur. Eine endgültige Entscheidung wollte sie erst möglichst spät treffen.

Sollte Hottenrott starten können, wäre sie dennoch eine der interessantesten DACH-Athletinnen des gesamten Feldes. 60 Kilometer wären ihre bislang längste Wettkampfdistanz und große Teile der Strecke kennt sie nicht. Sie selbst betrachtet einen möglichen Start deshalb auch als Lernprozess: Im Trailrunning wolle sie weiterhin möglichst viele Erfahrungen sammeln und könne aus einem Rennen mehr lernen als aus vielen Trainingseinheiten. Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, welche Platzierung Hottenrott erreichen könnte, sondern ob ihr Körper rechtzeitig grünes Licht gibt.

Starkes deutsches Trio mit Schreiber und Oemus

Unabhängig von Hottenrott ist Deutschland im Frauenrennen stark vertreten. Kim Schreiber steht mit einem 50K-Index von 754 weit vorne in der Eliteklasse. Die adidas-Athletin gewann Ende Mai den Swiss Canyon Trail über rund 32 Kilometer und belegte bei der Broken Arrow Skyrace Rang vier. Damit hat sie bereits mehrfach gezeigt, dass sie in international starken Feldern bestehen kann. Eine besonders interessante Starterin ist außerdem Daniela Oemus. Für die Thüringerin ist die OCC mittlerweile fast ein Heimspiel: Sie steht bereits zum vierten Mal am Start. Ihr bestes Resultat gelang ihr 2023 mit Platz fünf. Die rund 60 Kilometer bezeichnet Oemus als eine Distanz, die grundsätzlich gut zu ihr passt. In der unmittelbaren Vorbereitung absolvierte sie deshalb noch einmal längere Einheiten rund um Garmisch-Partenkirchen, um vor allem lange Downhills in die Beine zu bekommen. Eine konkrete Platzierung möchte sie nicht ausrufen. Das Niveau im Trailrunning sei inzwischen derart hoch, dass ein gutes persönliches Rennen im Vordergrund stehe. Gerade angesichts der Tiefe dieses Frauenfeldes erscheint diese Einschätzung realistisch.

Weitere DACH-Frauen: Speer und Faessler

Auch Österreich und die Schweiz stellen neben den ganz großen Namen interessante Starterinnen. Aus österreichischer Sicht ist Isabell Speer zu beachten. Sie steht mit einem 50K-Index von 746 weit vorne in der Eliteklasse und hat ihre starke Form erst Anfang August mit dem österreichischen Meistertitel im Trail Classic unter Beweis gestellt. Mit Nadja Faessler steht eine weitere Schweizerin im Elitefeld. Die größten Schweizer Hoffnungen ruhen allerdings zweifellos auf Judith Wyder und Maude Mathys. Sollte Alexandersson tatsächlich Schwächen zeigen, besitzen beide das Potenzial, in den Kampf um den Sieg einzugreifen.

Männer: Tranchand gegen Bonnet?

Während das Frauenrennen eine eindeutige Favoritin besitzt, fällt die Prognose bei den Männern deutlich schwieriger aus. Nach 50K-Index stehen Frédéric Tranchand mit 950 Punkten und Rémi Bonnet mit 949 Punkten nahezu gleichauf an der Spitze. Tranchand bringt dabei nicht nur den höchsten Index, sondern auch einen der wichtigsten Titel der Saison mit nach Chamonix. Anfang Juni wurde der Franzose in Kamnik Europameister im Trailrunning. Auf 52 Kilometern mit rund 2.500 Höhenmetern setzte er sich in 3:55:14 Stunden vor Daniel Pattis (3:59:54) und Antoine Charvolin (4:05:13) durch.

Besonders interessant mit Blick auf den OCC war die Art und Weise seines Sieges. Tranchand wusste um die Stärke von Pattis auf den flacheren Abschnitten und wollte deshalb keine Entscheidung auf den letzten Kilometern riskieren. Nach der Rennhälfte attackierte er und spielte anschließend auf den technisch anspruchsvollen und durch Regen erschwerten Downhills seine Stärke aus. Eine ähnliche Taktik könnte auch beim OCC sinnvoll sein. Denn gerade das schnelle Finale Richtung Chamonix macht es riskant, laufstarke Konkurrenten wie Pattis oder Francesco Puppi bis zum Schluss in Schlagdistanz zu lassen. Rémi Bonnet dürfte wiederum versuchen, bereits an den Anstiegen Fakten zu schaffen. Kaum ein Athlet im Feld kann bergauf mit dem Schweizer mithalten. Für ihn wird entscheidend sein, ob er vor dem schnellen letzten Renndrittel genügend Abstand zwischen sich und die laufstärkeren Konkurrenten bringen kann.

Damit ergibt sich eine hochinteressante Konstellation: Kann Bonnet das Rennen bergauf sprengen, kann Tranchand seine enorme Allroundstärke ausspielen – oder entscheidet am Ende die Geschwindigkeit auf den laufbaren Kilometern nach Chamonix?

Italienische Armada lauert dahinter

Dass Tranchands EM-Titel ein wichtiger Fingerzeig für den OCC sein könnte, zeigt ein Blick auf die weitere Startliste. Mehrere seiner schärfsten Konkurrenten aus Kamnik stehen auch in Orsières an der Startlinie. Allen voran Daniel Pattis. Der Italiener war bei der EM lange Tranchands härtester Gegner und hielt bis über die Rennhälfte hinaus mit dem Franzosen mit. Erst dessen Attacke brachte die Entscheidung. Trotz späterer Magenprobleme verteidigte Pattis in 3:59:54 Stunden souverän Silber.

Auch der damalige EM-Vierte Alain Santamaria und der fünftplatzierte Pole Marcin Kubica stehen auf der OCC-Eliteliste. Das macht das Rennen fast zu einer Neuauflage des EM-Trails – ergänzt um Athleten wie Rémi Bonnet, Francesco Puppi, Luca Del Pero, Petter Engdahl und Roberto Delorenzi.

Gerade Francesco Puppi dürfte das schnelle Streckenprofil entgegenkommen. Seine enorme Laufgeschwindigkeit macht ihn gefährlich, wenn eine größere Gruppe gemeinsam in die zweite Rennhälfte kommt. Dazu kommen Petter Engdahl, Roberto Delorenzi, Antonio Martínez Pérez, Sylvain Cachard, Alain Santamaria Blanco und Andreu Blanes-Reig. Selbst Athleten wie Rui Ueda, Lorenzo Beltrami, Robbie Simpson oder Maximilien Drion tauchen erst weiter hinten in der Liste auf – ein deutlicher Hinweis auf die außergewöhnliche Tiefe dieses Starterfeldes.

Starke Schweizer – deutsche Männer als Außenseiter

Die Schweiz stellt bei den Männern gleich mehrere Kandidaten für Spitzenplätze. Neben Rémi Bonnet gehört Roberto Delorenzi mit einem 50K-Index von 919 zu den stärksten Athleten des Feldes. Dazu kommt Maxime Pellouchoud, der erst beim Eiger Ultra Trail über 100 Kilometer als Dritter überzeugte. Auch der erfahrene Stephan Wenk steht in der Eliteklasse.

Österreich ist unter anderem mit Johannes Nussbaumer vertreten. Der ASICS-Athlet verfügt über einen Gesamtindex von 875 und könnte bei einem guten Tag weit nach vorne laufen. Aus deutscher Sicht stehen bei den Männern Dominik Hohenleitner und Sven Koch in der Elite-Startliste. Hohenleitner geht mit einem Index von 870 ins Rennen, Koch mit 856. Angesichts der enormen internationalen Leistungsdichte wären bereits Platzierungen weit vorne im Feld starke Ergebnisse.

Ein OCC wie gemacht für das moderne Trailrunning

Kaum ein Rennen verdeutlicht derzeit besser, wie sich der internationale Trailrunningsport verändert hat. 60 Kilometer und 3.500 Höhenmeter verlangen weiterhin echte Berg- und Trailqualitäten. Gleichzeitig reicht es nicht mehr aus, nur stark zu steigen und technisch gut bergab zu laufen. Das lange laufbare Finale verlangt Geschwindigkeit, und genau deshalb stehen mittlerweile Athleten an der Startlinie, die aus Berglauf, Orientierungslauf und Straßenlauf kommen und diese Fähigkeiten mit Trailtechnik verbinden.

Bei den Frauen verkörpert Tove Alexandersson diese Entwicklung momentan eindrucksvoller als jede andere Athletin. Nach ihren dominanten Auftritten bei der WM und in Zegama wäre alles andere als ein Sieg der Schwedin eine Überraschung. Bei den Männern dagegen scheint vieles möglich. Tranchand besitzt vielleicht das kompletteste Paket, Bonnet vermutlich die größte Bergaufstärke und hinter ihnen wartet eine Gruppe von Athleten, die jede Schwäche sofort bestrafen kann.

Und dann bleiben aus deutscher Sicht noch zwei besonders spannende Fragen: Können Daniela Oemus und Kim Schreiber an ihre früheren OCC-Erfolge anknüpfen – und schafft es Laura Hottenrott überhaupt rechtzeitig und gesund an die Startlinie?