Heidelberg Trail 2019: Regentanz am Königsstuhl

Impressionen des Gelita Trail Marathon. © PIX-Sportfotos /Michael Ruffler

Habe ich mein Herz an Heidelberg verloren? Schwierig bei diesem Schmuddelwetter! Starker Dauerregen, Wind und einstellige Temperaturen luden nicht gerade zum Familienausflug in die altehrwürdige Universitätsstadt ein. Andererseits war Sightseeing nur ein Nebenprodukt des Wochenendausflugs in den Südwesten Deutschlands – in erster Linie stand eines der letzten Saisonhighlights des Sportjahres 2019 auf dem Programm: Der GELITA Heidelberg Trail. Mit 1500 Teilnehmern ist es eine der größten Trailrunningveranstaltungen Deutschlands und bietet vom 9k Himmelsleiter Trail über den 30k Half-Trail oder den 42k Marathon-Trail bis hin zum Long Distance Trail über 50 Kilometer und 2100 Höhenmeter für jeden Läufer die richtige Distanz.

Neuer Long Distance Trail mit 50k und 2000hm

Besonders für die neue Langdistanz hat der Veranstalter keine Kosten und Mühen gescheut um ein illustres Teilnehmerfeld aus Trailrunnern und ambitionierten Marathonis an die Startlinie zu bekommen. Vor allem die starken Straßenläufer aus der Rhein-Neckar Region sind zahlreich vertreten und vor lauter Marathonbestzeiten unter 2:30h wird mir ganz schwummrig…

„In Schottland wäre das hier eh noch gutes Wetter“

Mit dem schottischen Ausnahmeläufer Nikki Johnston schlendere ich die 2,5km vom Hotel zum Startbereich und erkenne die Vorteile der mit 11:00 Uhr sehr späten Startzeit für einen Ultra: Athleten können erst am Renntag in Ruhe anreisen und für uns heißt es Ausschlafen, gut Frühstücken und entspannt die Laufsachen packen. Es ist schwierig bei Nikkis Frohnatur nicht in Optimismus zu verfallen. So fällt auch meine Kleiderwahl bei diesen Witterungsbedingungen entsprechend zuversichtlich aus: Kurze Hose, T-Shirt, 2 Reservegels in die Hosentasche, fertig. Pflichtausrüstung ist keine vorgeschrieben und ich genieße die Freiheit ohne Rucksack laufen zu können. Bereits an der Startlinie bereue ich meine Entscheidung und gebe meine „Aufwärmjacke“ nur ungern meiner Frau Veronika die eine halbe Stunde später mit knapp 20 Trainingskilometern im Jahr 2019 den Himmelsleitertrail in 1:05h rocken wird. Diese Teufelsweiber aus dem Lamer Winkel stellen mich immer wieder vor physiologische Rätsel ?.

Im Höllentempo geht es also raus aus dem Karlsplatz über die Alte Brücke, die den Neckar seit mehr als 200 Jahren überspannt. Immer wieder bieten sich grandiose Blicke auf die Stadt Heidelberg, den Fluss und das Schloss. Richtig los geht es am Heiligenberg, wo sich den Läufern 178 Stufen der Thingstätte in den Weg stellen. Die anschließenden Trails sind teilweise ellbogenbreit, verblockt und durch Matsch und Nässe aufgeweicht, schwierig und kräftezehrend zu laufen. Die Strecke macht Spaß und ist „traillastiger“ und abwechslungreicher als ich erwartet hatte. Vor allem die vielen freundlichen Streckenposten, die gute Markierung und die trotz Sauwetter zahlreichen, gutgelaunten Zuschauer bleiben in Erinnerung. Nicht auszudenken, welches Lauffest das hier bei schönem Wetter geworden wäre.

Zerstört nach 50k und Dauerregen © xc-run.de

Ich fühle mich gut und lasse es richtig laufen. Der Parcour ist schnell, fordert aber volle Konzentration und nach einer Extraschleife läuft man von hinten wieder auf die Athleten der kürzeren Distanzen auf, was Segen und Fluch zugleich ist. Einerseits ist es toll, ständig Menschen um sich zu haben und ungeheuer motivierend zu überholen und vorbeizufliegen. Andererseits ist auf den Pfaden oftmals nur Platz für eine Person und die Überholmanöver verlaufen im knöcheltiefen Matsch, was ungeheuer Körner kostet.

Kampf gegen Nässe und Kälte beginnt bei Kilometer 30

Nach etwa 30 Kilometern geht es über die Ziegelhäuser Brücke auf die andere Seite des Neckars und bei VP4 bietet sich ein eher trostloser Anblick. Die Helfer haben dem Wetter wohl Tribut gezollt und sind geflüchtet, die unbedeckten Haferriegel vom Dauerregen durchweicht und die halbvollen Plastikbecher (ich brauche fünf Stück davon um meine Softflask zu befüllen)  nicht unbedingt ein Benchmark in Sachen Nachhaltigkeit. Während mich – gepusht von Adrenalin, dem Wettkampftempo und den zahlreichen Eindrücken – Kälte und Regen bisher wenig beeindruckten, beginnt nun, nach etwa zweieinhalb Stunden Laufzeit, der Kampf gegen die Elemente. Mittlerweile bin ich in meinem tropfnassen T-Shirt und den kurzen Hosen ganz schön durchgefroren. Die Finger zu klamm um Geltüten aufzureißen und die Beine kalt und steif wie Eisenstangen geht es in Richtung Königsstuhl auf den eigentlich schönsten Teil der Strecke: Bevor die legendäre Himmelsleiter mit 850 Stufen aus Natursandstein bezwungen werden darf, biegen die Ultraläufer in den Naturpark Michelsbrunnen ab und laufen über das Wilderer-Kreuz und durch das wunderschöne Felsenmeer. Halb erfroren aber ansonsten gut in Schuss kämpfe ich mich zur Bergstation der Heidelberger Bergbahn auf 567 Metern Höhe. Ein letztes Mal kurz verpflegt folgen fünf Kilometer Downhill bis zum Ziel am Karlsplatz wo ich nach 50 Kilometern, 2100 Höhenmetern und 4:09h hinter dem unfassbar starken Nikki Johnstone als Zweiter einlaufe. Dritter wird der Norweger Alexander Waaler. Regen und Kälte haben mich ganz schön ausgezehrt und ich bin erstmal „durch“. Eine heiße Dusche ein warmer Tee und ein paar Häppchen im VIP Bereich lassen die Welt jedoch schon wieder rosig aussehen und ich freue mich wahnsinnig über den Podestplatz bei diesem Event. In zwei Wochen steht das Saisonfinale am Gardasee auf dem Programm – ich kann es kaum erwarten!

Podium Long Distance Trail 2019: Waaler (NOR), Johnstone (SCO), Mingo (GER) © xc-run.de

Ergebnisse

https://my3.raceresult.com/112028/results?lang=de#9_5D5E82

Offizieller Pressebericht des Veranstalters