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Wachstumsschmerz, Dehnungsschmerz – oder Trennungsschmerz?

Schmerzen gibt es im Trailrunning viele – vom biologischen Warnsignal bis zur heroisierten Umdeutung zum transitiven Zustand ohne den nichts Großes zu erreichen sei. Mein aktueller Schmerz ist weder biologisch, noch transmutativ. Die phänomenologische Definition ist noch im Gange und schwankt zwischen Wachstumsschmerz, Dehnungsschmerz – oder doch Trennungsschmerz?

Wachstumsschmerz

Unter Wachstumsschmerzen versteht man kurzzeitig anhaltende Schmerzen während der Wachstumsphase. Die Ursache der Schmerzen ist unbekannt, normales Wachstum verursacht jedoch keine Schmerzen (s. Wikipedia). Dass die Trailrunning-Branche kontinuierlich und seit vielen Jahren wächst, wissen wir lange. Dass das Veränderungen mit sich bringt, ebenfalls. Veränderungen sind Symptome eines normalen Wachstums. Aber sind die seit Jahren immensen Wachstumszahlen in der Branche normal?

Wenn ich mir die Gigantomanie des UTMB ansehe, frage ich mich schon, zu welchem Zeitpunkt aus „groß und großartig“ diese kommerzielle Hochmesse wurde. Wo hört normales Wachstum auf und fängt die Wucherung an? Oder ist mein Schmerz als Beobachter vielleicht nur ein Phantomschmerz – denn ich bin ja nicht mal vor Ort, sehe nur die Feeds, Bilder, Videos, Updates, Artikel, Meinungen.

Dehnungsschmerz

Was ich sehr wohl und direkt miterlebe, sind die in Minuten ausverkauften Veranstaltungen, die Dörfer im Umkreis des Starts, in denen es keine freien Betten mehr gibt, die ins Uferlose steigenden Startgebühren. Lange galt der U.TLW auch deswegen als legendär, weil man in den ersten Stunden nach Öffnung der Anmeldung ein Ticket haben sollte. Das war damals nicht normal, sondern eine Auszeichnung. Man konnte seine Saison noch während der Saison planen – und hat dabei nicht 146 EUR für 29 km gezahlt, oder 300 EUR für 86 km wie jetzt beim Zugspitz Ultra Trail. Das ist definitiv nicht mehr normal.

Körperlich sind Dehnungsschmerzen Ausdruck einer Faserschädigung und treten auf, wenn die relativ schnelle Volumenzunahme einer Körperregion deren Umgebung unter Zugspannung setzt (s. DocCheck). Das trifft für mich verstörend genau auf das zu, was gerade im Trailrunning passiert. Die Dehnung gerät aus den Fugen, ist nicht mehr gesund, stößt immer mehr an Grenzen. Im – durchaus medial koproduzierten – Wahn ziehen trotzdem genügend Läuferinnen und Läufer munter mit, bis es halt irgendwann nicht mehr geht. Bis das Portemonnaie leer ist, die Bewohner der Bergdörfer sich querstellen, oder der Naturschutz die laufenden Massen zum Stillstand bringt.

Trennungsschmerz

Mit etwas Pech liegt der Schmerz aber ganz originär in mir. Vielleicht verändert sich die Trailrunning-Branche einfach. Die unsichtbare Hand des Marktes, die alte Sau, mischt sich halt weiter ein, bringt mehr Glück für die meisten – und Veränderung für alle. Wer die Veränderung nicht mag, kann ja gehen.

Vielleicht mache ich das ja. Den UTMB wollte ich eh nie laufen und den ZUT habe ich in bester Erinnerung noch aus Grainauer-Zeiten.

Stoneman Mirquidi Trailrun
Stoneman Mirquidi Trailrun © Tobias Gerber

Doch es muss kein Abschied sein, denn es gibt noch so viel darüber hinaus im Trailrunning. Es gibt die kleinen Veranstaltungen, die kein bisschen weniger professionell sind als die Großen. Es gibt die eigenen Abenteuer, die kein größeres Publikum haben, als dich selbst. Es bleibt die pure Freude, mutterseelenallein in den Sonnenaufgang eines Herbsttages zu laufen, mit Freunden die eine Quelle unterwegs zu feiern, die der lange Sommerlauf zu bieten hat, oder schon bei der Startnummernausgabe dieser kleinen Veranstaltung all die vielen Gesichter wiederzusehen, die man halt nur bei diesen Veranstaltungen sieht.

Nein, ich bin sicher, Trennungsschmerz ist es nicht. Auch wenn da trotzdem Schmerz ist.

Wir werden sehen, was 2027 bringt. Ich bin optimistisch, denn Trailrunning ist vielschichtig und lebendig genug, diesen Schmerz aushalten und verändern zu können. Ich bin gespannt und freue mich drauf.

Tobias Gerber