Vor dem Start
Langsam schlendere ich durch das Garmischer Olympiastadion. Es ist noch früh am Morgen. Noch über zwei Stunden bis zum Start des Everestings. Achtzehnmal hinauf zum Eckbauer – so lange, bis die Höhe des Mount Everest von 8848 Metern erreicht ist. Heute ist die offizielle Premiere. 300 Starter werden sich die fünfhundert Höhenmeter auf gerade einmal 3,3 Kilometern hinaufkämpfen. Die meisten solo, einige abwechselnd in Staffeln.
Der Claim „Run – Rest – Repeat“ hat für mich eine doppelte Bedeutung. Zum einen beschreibt er den klassischen Everesting-Modus: steil hinaufkämpfen, Food & Drinks schnappen und mit der Gondel wieder hinunter. Und dann gleich wieder rauf – so lange, bis das Höhenmeterziel erreicht ist.
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Zum anderen steht der Claim für mich auch für die Wiederholung des Vorjahres. Damals im kleinen Kreis bei der Sneak Preview (zum Artikel), diesmal bei der offiziellen Erstaustragung. Der Unterschied könnte kaum größer sein. Die Expo vor dem Startareal versammelt das Who’s who der Sportartikelhersteller. Zahlreiche Betreuer und Zuschauer sorgen für echtes Rennfeeling. Passend dazu scheint heute auch die Sonne. Plan B hat geliefert. Nun müssen nur noch wir liefern.
Erinnerungen
„Warum noch einmal?“,
werde ich gefragt. Eine berechtigte Frage. Die Strecke kenne ich gut genug. Äußerlich ist sie dieselbe wie im letzten Jahr. Doch sie wird sich anders anfühlen.
Zum Glück erinnere ich mich nicht mehr an alle Aufstiege des Vorjahres. War die Erinnerung also so schön? Ja – und paradoxerweise sorgen gerade die vielen Wiederholungen dafür. Dieselbe Ursache, warum die Zeit im Laufe des Lebens subjektiv immer schneller vergeht: Nichts ist mehr neu, vieles wiederholt sich. Alles verschwimmt im Zeitverlauf. Gleich einer ZIP-Datei wird alles Redundante gelöscht. Aufstieg 1, 2 oder 15? Unserem Gedächtnis egal. Die Schnittmenge ist zu groß. Übrig geblieben ist in meinem Fall ein überschaubarer, steiler, aber kurzer Aufstieg. In der Rückschau also gar nicht so schlimm.
Dritteln
Endlich fällt der Startschuss. Ich starte in der mittleren Startgruppe. Das Läuferfeld wird durch den Wellenstart so aufgeteilt, dass es bei der Abfahrt mit der Gondel keinen Stau gibt. Verletzungsbedingt fehlt mir viel Trainingsvolumen aus den vergangenen Monaten. Egal. Ich kenne meine ultraerprobte Fähigkeit, mit dem Kopf zu laufen, wenn die Beine streiken. Die Challenge habe ich gedanklich in Drittel eingeteilt. Das erste müsste einigermaßen locker laufen. Das zweite wird brutal hart. Im letzten Drittel pusht dann die sich sukzessive nähernde Ziellinie. Diese Strategie hat mir schon oft geholfen. Heute sollte es anders laufen. Der erste Aufstieg läuft super. Kaum gestartet, bin ich auch schon oben. Die Beine lockerer als erwartet. Der zweite Aufstieg fast noch besser. Der dritte okay, der vierte gut – und der sechste plötzlich gar nicht mehr. Waden und Oberschenkel brennen um die Wette.
Legendärer Bierdeckel
Das Wetter ist sonnig und schwül. Pro Runde benötige ich einen halben Liter Flüssigkeit. Zum Glück ist das Buffet an der Bergstation vielen Hotels überlegen. Beim Essen bleibe ich trotz der großen Auswahl konsequent bei Bananenkuchen und Riegeln. Beim Trinken wechsle ich dagegen bald von Cola zu alkoholfreiem Erdinger. Vierzehn Bier sollten am Ende auf meinem Deckel stehen. Für den reinen Uphill-Modus perfekt: antiseptisch, kohlenhydratliefernd und ein herber Ausgleich zu Kuchen und Bars. Mein Körper ist trotzdem stark gefordert, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen und gleichzeitig Energie bereitzustellen.
Speed-Dating in der Gondel
Zwölf Minuten Gondelfahrt. Wechselnde Mitfahrer. Die einen kommunikativ, andere schweigsam. Die einen euphorisch, andere fluchend und jammernd. Die einen damit beschäftigt, ihr wahres Ich zu entdecken, andere auf der Suche nach dem perfekten Selfie. Speed-Dating unter Extrembedingungen. Eines aber haben alle gemeinsam: den Countdown-Modus. Spätestens ab der Hälfte gibt es nur noch die eine Einstiegsfrage:
„Wie viele noch?“
Die Nacht
Nach Runde neun telefoniere ich mit Basilia.
„Ich komme dann bald vorbei“, sagt sie.
„Lass dir Zeit“, entgegne ich. Ich sehne das letzte Drittel herbei.
Unten begrüßt mich Berglauf-Legende Rosi, meine Mitstreiterin aus dem Vorjahr.
„Wie geht’s dir?“
„Schlecht.“
Zu ihr kann ich ehrlich sein.
Basilia begleitet mich ein Stück beim Übergang ins letzte Drittel. Sie spürt, dass ich heute mit mir selbst beschäftigt bin. „You vs You“, würde Arda Sacchi sagen. Der Lichtkegel meiner Stirnlampe hält meinen Fokus aufrecht. Die Strecke unterteile ich nun ebenfalls in Drittel: Das erste angenehm, das zweite mit den brutalsten Rampen, das letzte mit weniger Steigung und dem näher rückenden Etappenziel. Was für eine Analogie zur Renneinteilung. Die Temperaturen sind inzwischen deutlich gefallen. Und mit ihnen verschwindet auch das Brennen in den Beinen. Kausalität oder Korrelation? Heute werde ich es nicht mehr herausfinden. Plötzlich überraschen mich sogar Kuhglocken. Die waren doch vorher gar nicht da. Die anfeuernden Betreuer und Zuschauer am Streckenrand hatte ich längst vergessen. Langsam wird es Zeit für das Finish.
In the Zone
Runde 17 verläuft unspektakulär. In Wolldecken gehüllte Hardcore-Fans auf Liegen im Startbereich feuern unermüdlich zur nächsten Runde an. Der Laufschritt durch den Startbogen ist längst dem Stechschritt gewichen. Doch kaum ist der Bewegungsmodus wieder aktiviert, kämpfe ich mich konsequent Meter für Meter nach oben.
„Gleich geschafft“, empfängt mich oben der Speaker.
Eigentlich ist mir das gar nicht mehr so wichtig. Ich bin „in the zone“ angekommen. Einfach immer einen Schritt weiter. Irgendwie bin ich dann aber doch froh, als ich gegen halb vier meine Finisher-Medaille in Empfang nehme.
Repeat
Für die letzte Talfahrt wähle ich eine fast leere Gondel. Auch meine Social Battery ist leer. In Gedanken blicke ich zurück. Die Organisation war perfekt. Alles war da. Am richtigen Ort. Zur richtigen Zeit. Wo liegt da noch Steigerungspotenzial für die kommenden Jahre?
Definitiv bei mir.
Was wäre mit der richtigen Vorbereitung möglich? Doch wann gibt es die schon? In jedem Fall habe ich bestmöglich geliefert. Und gefinisht. Dabei habe ich erneut meine seit der TOR magische Frage positiv beantwortet: „Wie geht’s trotzdem?“
Mir fällt wieder der Claim ein:
„Run – Rest – Repeat“.
Ganz bestimmt wird es für mich eine Wiederholung geben. „Bis zum nächsten Mal“, rufe ich Uta von Plan B beim Abschied zu.
Text: Michael Förster
