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Arda Saatcis Cyborg Season – Ein Plädoyer gegen das Vergleichen

Zwei Wochen ist es nun her, dass Arda Saatci den Santa Monica Pier erreichte. Nach seinem Start im Death Valley lief er 604 Kilometer durch die kalifornische Wüste. Der Hype um das Projekt ist bis heute nicht abgeebbt.

„Ausnahmezustand am BER – Arda Saatci am Flughafen in Berlin“, titelte die Bild-Zeitung. „Tausende Fans versammeln sich am Willy-Brandt-Platz, um ihren Helden in Empfang zu nehmen.“ Arda selbst kommentierte das Ganze in seiner Instagram-Story deutlich bescheidener: „Just a boy with a dream.“ In den vergangenen Tagen wurde viel über das Projekt geschrieben. Es wurden Vergleiche mit vermeintlich besseren Athleten und heroischeren Leistungen gezogen. Es wurde gefeiert, kritisiert, verteidigt und gehatet. Arda wurde inzwischen vom Forbes Magazin in den Kreis der „30 einflussreichsten Persönlichkeiten unter 30“ aufgenommen. Die Zahl seiner Instagram-Follower stieg während der als „Cyborg Season“ titulierten Mission von 1,29 Millionen auf 2,8 Millionen – mehr als eine Verdopplung. Auch alle weiteren Reichweiten- und Mediendaten lesen sich spektakulär. Die Projektziele dürften damit weitgehend erreicht worden sein – wahrscheinlich alle außer einem.

Das verpasste Zeitziel – und warum es vielleicht egal war

96 Stunden lautete das ausgegebene Zeitziel für die 604 Kilometer lange Strecke. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Doch war das wirklich schlimm? Oder für das Projekt vielleicht sogar förderlich?

Eine längere Laufzeit bedeutete schließlich auch längere Streamingdauer, mehr Zuschauer und mehr Spannung. Entscheidend war vielmehr, wie Arda mit der Situation umging: Er lief weiter. Statt das verpasste Zeitziel in den Mittelpunkt zu stellen, fokussierte er sich auf das Distanzziel. Damit blieb er konsequent bei den Botschaften, die er selbst immer wieder formuliert:

„Ich bin oft gescheitert in meinem Leben.“

„Ich mag vielleicht nicht der Schnellste oder der Stärkste sein. Aber ich werde niemals aufgeben.“

„Auch ich habe einen Schweinehund, den ich tagtäglich besiegen muss.“

„Greift nach den Sternen, auch wenn nicht immer alles perfekt läuft, und vergleicht euch mit niemandem. Am Ende zählt, dass ihr euren eigenen Weg geht.“

„You vs You.“

Warum viele Vergleiche ins Leere laufen

Man muss davon ausgehen, dass viele Kritiker diese Aussagen bei ihren Bewertungen ausgeblendet haben. Ich kann mich an kaum eine sportliche Leistung erinnern, die in einem ähnlichen Maß permanent mit anderen Athleten verglichen wurde.

Natürlich sind Vergleiche legitim. Wir können alles miteinander vergleichen. Doch mit derselben Logik müssten wir auch in anderen Bereichen ähnlich argumentieren: Taylor Swifts Erfolg müsste an den Leistungen des Pianisten Lang Lang gemessen werden. Die Verkaufszahlen von Joanne K. Rowlings Harry Potter müssten mit der literarischen Exzellenz eines Literaturnobelpreisträgers wie László Krasznahorkai verglichen werden. Oder das Gehalt eines CEOs müsste direkt dem Stundenlohn jedes einzelnen Mitarbeiters gegenübergestellt werden. All diese Beispiele eint ein Problem: Inkommensurabilität. Der Begriff beschreibt das Fehlen eines gemeinsamen Maßstabs, wodurch direkte Vergleiche nur bedingt sinnvoll sind.

Ardas Projekt wollte nie die Ultrarunning-Elite schlagen

Bei der „Cyborg Season“ ging es nie darum, besser als die Weltelite des Ultrarunnings zu sein. Es ging um „You vs You“. Es ging darum, möglichst viele Menschen zu erreichen und zu zeigen, wozu ein Mensch fähig sein kann. Das anvisierte Publikum interessierte sich dabei weniger dafür, ob andere Athleten die Strecke schneller hätten bewältigen können. Es ging um Inspiration, Emotionen und Aufmerksamkeit.

Natürlich könnte man nun auch die Kritiker selbst kategorisieren – anhand ihres theoretischen Wissens oder ihrer sportlichen Erfahrung. Doch auch das führt nicht weiter. Unterschiedliche Perspektiven dürfen nebeneinander existieren. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht formulierte es in seinem Werk In Praise of Athletic Beauty treffend:

„If a seasoned gymnastic coach and a novice spectator watch a high bar routine, they both can enjoy what they see, but their fascination will not be the same, simply because their knowledge and engagement are divergent.“

Aufmerksamkeit, Geld und das Pareto-Prinzip

Man könnte kritisieren, wie viel Aufmerksamkeit – und damit verbunden auch Geld – im Vergleich zu klassischen Elite-Ultrarunnern im Spiel war. Doch genau das war eines der erklärten Projektziele. Warum sollte sich beispielsweise eine Siegerin des Cocodona 250 darüber beklagen, dass jemand andere Ziele erreicht hat – Reichweite, Aufmerksamkeit oder Follower –, die sie selbst vielleicht nie verfolgt hat oder bewusst ihrer sportlichen Performance unterordnet?

Interessanterweise hat Rachel Entrekin das auch gar nicht getan. Stattdessen kamen viele kritische Stimmen von selbsternannten Szenekennern, die vor wenigen Wochen weder Arda noch Rachel oder teilweise sogar den Cocodona 250 kannten. Natürlich kann man argumentieren, dass das unfair sei. Doch so funktioniert das Pareto-Prinzip: Wenige bekommen viel Aufmerksamkeit, viele bekommen wenig. Das gilt für Vermögen genauso wie für Bekanntheit.

Was die „Cyborg Season“ wirklich ausgelöst hat

Ich persönlich sehe vor allem die positiven Aspekte von Ardas Projekt. Eine positive Botschaft hat Millionen Menschen erreicht. In einer Zeit, in der Menschen und Maschinen gegeneinander Kriege führen, kämpfte Arda letztlich nur gegen sich selbst. Die Kunstfigur „Cyborg“ – halb Mensch, halb Maschine – eignet sich dabei perfekt als Projektionsfläche für die Sehnsüchte einer jungen Generation, die zunehmend mit der Komplexität der Welt ringt. Vielleicht motiviert genau diese Metapher Menschen dazu, sich zu bewegen, Sport zu treiben oder ihren inneren Schweinehund zu überwinden.

Hat Arda bewiesen, dass Ultrasport doch TV-tauglich ist?

Am meisten beeindruckt mich jedoch, dass mit dieser Mission einige kollektive Glaubenssätze der Sportwelt innerhalb weniger Tage infrage gestellt wurden. Im Ski-Mountaineering wurde die Magie traditionsreicher Langdistanzrennen wie der Pierra Menta oder der Patrouille des Glaciers zunehmend zugunsten olympiatauglicher Formate geopfert. Im Trailrunning diskutiert man seit Jahren über kürzere und zuschauerfreundlichere Rennen, um olympische Chancen zu erhöhen. Experten betonen immer wieder, dass hohe DNF-Raten, tagelange Laufzeiten und große Zeitabstände nicht TV-tauglich seien. Und dann kommt Arda – und erzielt Millionenreichweiten mit einem einsamen Lauf durch die Wüste, einem potenziellen DNF und stundenlangem Kampf gegen sich selbst. Vielleicht sollten wir diesen Windschatten nutzen, um unseren Sport und seine Athleten sichtbarer zu machen. Oder um es mit François Lelord aus Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück zu sagen:

„Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.“

Text: Michael Förster