Reportagen

Monte Rosa Skymarathon: Epischer Lauf zur Capanna Margherita

„Schon mal jemand an einem Vormittag von Alagna (1192 m) zur Signalkuppe (4554 m) hoch und wieder runter gerannt? Ich schon!“

Markus Mingo berichtet von seinem Bergabenteuer im „Team Gamsbock“ zusammen mit Johannes Schmid beim Monte Rosa Skymarathon.

Was hatte ich mir nur bei diesem Rennen gedacht?

Höhentraining im Vorfeld, eine zehnstündige Anreise für ein verlängertes Wochenende und dazu hochalpines Gelände, für das mir jegliche Erfahrung fehlte. Als wäre das nicht genug, hatte auch die Wettervorhersage es in sich: Gewitter, Regen und heftiger Schneefall oberhalb von 3000 Metern. Was hatte ich mir nur bei diesem Rennen gedacht?


Monte Rosa Skymarathon 2019: Gnifetti Hütte

Hatte ich mich überschätzt?

Alagna Valsesia ist ein Traum für Bergliebhaber: uralte Häuser aus Stein und Holz, steil aufragende Bergwände ringsum und dazu diese charmante Mischung aus italienischem Bergdorf und Walser Tradition. Flach geht hier gar nichts. Bereits der erste kurze Lauf nach der Ankunft summierte sich auf über 1000 Höhenmeter.

Was uns am Renntag erwarten sollte, war jedoch kaum vorstellbar: 3500 Höhenmeter Anstieg auf nur 17 Kilometern Strecke – und anschließend dieselbe Distanz wieder zurück ins Tal. Um die Steilheit des Geländes zu verdeutlichen, nehmen wir einen „normalen“ Berglauf wie den „Kine vom Kaitersberg“ als Vergleich. Dort sind auf acht Kilometern etwa 550 Höhenmeter zu bewältigen. Von Alagna zur Capanna Margherita auf 4554 Metern Höhe warten bei nur doppelter Streckenlänge die siebenfachen Höhenmeter eines Kaitersberglaufs. Unfassbar hart – aber machbar.

Den Atem verschlug mir allerdings unsere Akklimatisierungstour zur Gnifetti-Hütte auf 3645 Metern am Freitag. Das hier war kein Abenteuerspielplatz mehr mit Wurzeltrails und Wanderwegen. Wir befanden uns im hochalpinen Gelände: Schnee, Eis, eisige Böen, Gletscherspalten und Gefahren, die nicht mit ein paar Schürfwunden enden würden.

Zudem fiel das Atmen schwer, und ein leichtes Schwindelgefühl machte die Koordination im technischen Gelände nicht gerade einfacher. Hatte ich mich überschätzt?

Enttäuschung am Samstagmorgen

Samstagmorgen um 5:30 Uhr dann die Rennabsage. Wegen zu viel Neuschnee, schlechter Sicht und drohender Gewitter wurde das Rennen auf den nächsten Tag verschoben.

Was macht man, wenn man früh morgens fertig gepackt und wettkampfbereit in einem italienischen Bergdorf steht? Laufen natürlich!

Es fand sich eine illustre Sechsergruppe um Eva, Johannes und mich, die sich den ersten Teil der Wettkampfstrecke ansah. Immer wieder faszinierend, wen man bei solchen Veranstaltungen trifft: Da war Christoph Salcher, Sieger des Mount-Elbrus-Laufs und zweifacher Gewinner der Vertical-Up-Serie, der uns von seinem Vorhaben einer Speedbegehung des Peak Lenin im August erzählte. Oder Adi Zurbrügg und Chris Moser, zwei bärenstarke Läufer und erstklassige Alpinisten aus der Schweiz, die für das nächste Jahr als „Nebenprojekt“ die Seven Summits der Alpen planten – die sieben höchsten Gipfel der Alpen in nur sieben Tagen.

Das Starterfeld war elitär. So viele zähe Waden, wettergegerbte Gesichter und durchtrainierte Körper hatte ich bisher bei keiner Veranstaltung gesehen. Kurz gesagt: Die Athleten hier wussten genau, was sie taten.

Entsprechend entspannt gingen die Italiener mit der Pflichtausrüstung um. Kontrolliert wurde kaum. Wer bei VP1 keine Steigeisen anlegte oder bei VP2 kein Seil, keinen Gurt und kein Klettersteigset dabeihatte, durfte eben nicht weiterlaufen. Und wer auf über 4000 Metern keine Handschuhe oder Windjacke anzog, musste eben frieren.

Hier findet ihr eine Übersicht meiner verwendeten Ausrüstung.

Monte Rosa Skymarathon 2019

Hier findet ihr eine Übersicht meiner verwendeten Ausrüstung

Skymarathon am Sonntag

Traumhaftes Bergwetter sollte uns am Sonntag am Monte Rosa erwarten. Das bedeutete zwar immer noch Temperaturen von etwa minus vier Grad und eisige Winde oberhalb von 4000 Metern, dafür aber auch strahlenden Sonnenschein, beste Sicht und angenehme Temperaturen in den tieferen Lagen.

„Dieci, nove, otto, sette … BAAM!“

400 Bergsportler aus aller Welt schießen aus dem Startblock, und nach einer kurzen „Entzerrunde“ durch Alagna geht es sofort in den Anstieg. Die ersten 1200 Höhenmeter bis zur Bocchetta delle Pisse (2396 m) laufen gut. Wir finden unseren Rhythmus und sortieren uns unter den ersten 20 Teams des Feldes ein.

Ab dort heißt es: Grödel überziehen und hinein in den Schnee. Ab Indren (3260 m) wird es hochalpin, und aus Sicherheitsgründen muss der Rest der Strecke in Seilschaft absolviert werden.

Die Szenerie wirkt surreal. Gruppen von Bergsteigern bewegen sich mit Bergführer, Steigeisen, Pickel und 30-Liter-Rucksack Richtung Gipfel. Wir überholen sie im Laufschritt mit leichtem Gepäck, Longsleeve und Trailrunning-Schuhen. Dabei werden wir frenetisch angefeuert und immer weiter nach oben gepusht.

Mein „Grazie“ kommt meist nur noch gehaucht über die Lippen, denn das Atmen fällt aufgrund der Höhe zunehmend schwer. Die Aussicht ist schlicht phänomenal: Umgeben von zahlreichen Viertausendern befinden wir uns vis-à-vis mit dem Matterhorn, der Dufourspitze und den Gipfeln des Wallis. Sogar der Blick auf den Mont Blanc ist frei.

Gigantisch!

Beim finalen Anstieg vom Colle del Lys (4250 m) zur Capanna Margherita (4554 m) wird es allerdings eng für mich. Der Atem geht schnell, die Beine sind bleischwer – die Höhe schlägt gnadenlos zu.

Nach 4:07 Stunden erreichen wir als achtes Team den Gipfel. Abklatschen, kurz durchatmen und auf gleichem Weg zurück ins Tal.

Der Rückweg

Was jetzt folgt, ist einfach nur verrückt. 192 Teams und zahlreiche geführte Touren kommen uns entgegen, während wir versuchen auszuweichen. Das Seil zwischen Johannes und mir, die fehlende Koordination und der Schwindel durch die ungewohnte Höhe machen die Sache nicht einfacher.

Alle paar Meter liege ich auf der Nase, rapple mich wieder hoch und laufe irgendwie weiter. Nach einigen hundert verlorenen Höhenmetern werde ich wieder klarer im Kopf, tue mich auf Schnee und Eis aber weiterhin schwer. Meine Qualitäten im Downhill und mein Vertrauen in die eigenen läuferischen Fähigkeiten haben durch die vielen Stürze deutlich gelitten. So verlieren wir bis zur Bocchetta delle Pisse viele Minuten und einige Plätze.

Erst als wieder fester, schneefreier Boden unter meinen Füßen ist, fange ich mich. Die letzten 1000 Höhenmeter hinunter nach Alagna laufen wir juchzend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Fazit

Am Ende steht der 10. Gesamtrang in einer Zeit von 6:04 Stunden – und vor allem der unbändige Stolz, dieses Bergabenteuer als Team Gamsbock gemeinsam mit Johannes Schmid gemeistert zu haben. Wir hatten gerade eine dreitägige Hochtour in sechs Stunden absolviert und waren gesund sowie pünktlich zum Mittagessen wieder zurück. Im Großen und Ganzen war es der brutalste, radikalste, aber zugleich spektakulärste und intensivste Lauf meines Lebens – ein Abenteuer, das mich an meine alpinistischen und mentalen Grenzen gebracht hat.

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