Trailrunner im Interview: Michelle Maier

Michelle Maier bei der Tour de Tirol 2017. © sportograf

Michelle Maier rockt seit Jahren die deutsche Berglaufszene und ist eine der wenigen deutschen Athleten, die auch international in Top 3 Regionen laufen kann. Was sie aber diese Saison geleistet hat ist schlichtweg phänomenal: 2. Platz beim legendären Sierra-Zinal, 2. Platz beim starkbesetzten  Jungfrau-Marathon, unangefochtener Sieg bei der Tour de Tirol  und zum Saisonabschluss mischte sie die Skyrunning Szene auf und wurde sensationelle Zweite beim Limone Extreme Skyrace. Höchste Zeit, dass wir uns mit der 26-jährigen Ausnahmeathletin aus Bad Aibling unterhalten.

Michelle, Glückwunsch zur sensationellen Saison 2017! Du bist inzwischen in die Kategorie „weltklasse“ vorgestoßen. Kannst du die Erfolge schon fassen?

Dankeschön! Also den großen Leistungssprung habe ich ja schon letztes Jahr gemacht ( 2016 u.a. Sieg bei Sierre-Zinal; 2.Platz Jungfrau-Marathon; Deutsche Berglaufmeisterin) und konnte heuer erfolgreich an die letzte Saison anknüpfen. Nach dem Jungfrau- Marathon wollte ich eigentlich nichts großes mehr machen, sondern nur noch aus Spaß mitnehmen, was mir so quasi „über den Weg läuft“. Dass ich an den Wochen danach aber jedes Wochenende noch einen draufgesetzt habe (3.Platz Hochfellnberglauf Weltcup; Sieg Tour de Tirol; 2.Platz Vertical EM sowie Skyrace in Limone), war aber dann selbst mir zuviel und muss das erst noch setzen lassen 😀

Sierra-Zinal, Jungfrau Marathon, Limone Extreme – welcher Podestplatz 2017 hat dich am meisten gefreut?

Das kann ich so gar nicht beantworten. Jeder dieser doch sehr unterschiedlichen Läufe hat mich gefreut und letzten Endes bin ich doch sehr stolz, an so verscheidenen Streckenprofilen und -distanzen weltweit vorne dabei zu sein. Diese 3 Läufe verlangen doch komplett unterschiedliche Lauffähigkeiten: Während Bergläufer mehr bei Sierre-Zinal profitieren, muss man beim Jungfrau Marathon bei doch 25km flach gute Schnelligkeit mitbringen, was den Straßenläufern zusagt. Limone Skyrace war für mich die erste Erfahrung mit so viel technischeren Downhill. Während ich Sierre-Zinal und JungfrauMarathon bewusst als Saisonhöhepunkte gesehen habe, war das Skyrace in Limone nie geplant und die Entscheidung (aus reinem Spaß) dort zu laufen, fiel eine Stunde vor dem Start. Desyhalb habe ich mich dort natürlich auch umso mehr gefreut, obwohl ich eigentlich kaum Downhill laufe.

Du behauptest immer, du bist keine Downhillerin. Limone ist ein technisch extrem anspruchsvolles Rennen und du hast (fast) die komplette Weltelite der Damen versenkt. Hast du mittlerweile doch Gefallen an waghalsigen Downhills gefunden?

Ich werde nie die Downhillerin werden, dazu fehlt es mir, seit meinem Sturz letztes Jahr beim ZUT (Basetrail XL) einfach im Kopf. Mir ist es nicht wert, bergab ein Risiko einzugehen. Deshalb habe ich auch nicht in Zukunft vor, Rennen mit viel Bergab Passagen zu laufen. Ab und zu macht es aber durchaus Spaß, zur Abwechslung mal so etwas „Verrücktes“ zu laufen. Und in Limone habe ich die Zeit hauptsächlich bergauf rausgelaufen… 😀

Wo siehst du dich in Zukunft? Welche Art Rennen und welche Distanzen möchtest du bestreiten?

Momentan macht mir die Marathondistanz in den Bergen am meisten Spaß. Dort möchte ich auch wieder nächstes Jahr meinen Fokus legen. Aber eigentlich freut es mich am meisten, weiterhin alle möglichen Distanzen und Streckenprofile zu laufen, genau die Abwechslung ist es, was den Sport so ausmacht. Kurze Bergläufe, Bergmarathon, Trailläufe, Verticals oder auch einmal einen Straßenmarathon versuchen. Je nach Lust und Laune 😉 Und in Zukunft auch mal Ultradistanzen ausprobieren, ich setze mir keine Grenzen, sondern mache das, auf was ich gerade Lust habe.

Auf diesem Niveau muss man den Laufsport eigentlich professionell als Hauptberuf betreiben. Machst du das bzw. hast du das die nächsten Jahre vor?

Nein, das würde mich zu sehr unter Druck setzen bzw. die Lockerheit und den Spaß, der für mich der wichtigste Erfolgsgarant ist, rauben. Ich schließe gerade mein Masterstudium in Ökologie ab und möchte dann ins Berufsleben einsteigen, der Sport sollte ein wichtiger Ausgleich bleiben aber nie der Mittelpunkt. Das würde mich zu sehr stressen. Wenn ich im Kopf frei bin, den Lauf genieße und mich dabei ohne jeglichen Leistungsgedanken freue, dann lande ich auch vorne.

Hast du schon Pläne für 2018?

Sierre-Zinal und Jungfrau-Marathon werden wohl wieder „Pflichttermin“ sein, evtl. Mont Blanc Marathon, Zegama sowie diverse kurze Bergläufe dabei sein. Vielleicht auch einmal einen Straßenmarathon ausprobieren… Genauere Läufe habe ich da noch nicht geplant, das wird in den kommenden Wochen erst noch festgelegt. Aber meistens bin ich doch sehr spontan und entscheide kurz zuvor zu starten 😀

Wie sehen bei dir die nächsten Monate trainingsmäßig aus? Was machst du im Winter?

Seit Limone bin ich keinen einzigen Schritt mehr gelaufen, u.a. wegen kleiner Wehwechen und auch so hätte ich pausiert. Das ist eigentlich die wichtigste Zeit, erst mal 2 Monate gar nichts laufmäßig machen und dann langsam wieder anfangen. Leider mache ich keine Skitouren, möchte da aber gerne anfangen! Ansonsten sind die Wintermonate v.a. dem Alternativtraining und Laufen nach Lust und Laune gewidmet. Das heißt Wandern (mit Schneeschuhen), Fitnessstudio, Aquajoggen, klettern…

Welche drei Tipps (Training, Ernährung, Motivation) würdest du unseren Lesern mit über die Wintermonate geben?

Das wichtigste ist, dass man in seiner Freizeit das macht, was einem wirklich Spaß macht und seine Leidenschaft darin sieht. Was ich leider viel zu oft sehe, ist unnötiger Leistungsdruck, damit blockiert man sich nur selbst. Es kommt im Leben doch darauf an, dass man es genießt und neben der Arbeit etwas hat, was einem wirklich Freude bereitet. Leistungen sind Nebensache, wichtig ist, es so zu tun, dass man Spaß hat! Und wenn man manchmal keine Lust auf das Laufen hat, sollte man auf seinen Kopf und Körper hören und erst wieder anfangen, wenn die Motivation da ist! Alles etwas lockerer sehen finde ich wichtig in unserer leistungsorientiert denkenden Gesellschaft!

Auch bei der Ernährung denke ich so: Sich nicht zu sehr einschränken sondern dem Körper das geben, wonach er gerade das Bedürfnis hat.

Allgemein finde ich es wichtig, dass man wieder mehr auf das eigene Körpergefühl hören soll, was in den Zeiten der Social Media leider oft schwierig ist. Zu oft ist ein Vergleich mit anderen da, sei es Training oder Ernährung. Man sollte nie vergessen, dass jeder individuell ist und unterschiedliches Training/ Essen unterschiedlich verarbeitet und verträgt.

Vielen Dank Michelle und ein verletzungsfreies und erfolgreiches Jahr 2018!