OMU Marathon 2023: Die Toten reisen schnell in Transsilvanien – wir Trailrunner schneller

OMU Marathon 2023
OMU Marathon 2023 © Darian Stan

Ein kalter Wind weht über den gut 2.500 Meter hohen OMU-Gipfel. Wir sind seit Stunden vollkommen durchnässt, ich spüre meine Finger nicht mehr, die kalten Beinmuskeln laufen nur unsicher – und es geht bald schon wieder steil bergab auf der 42km langen Karpaten-Runde des OMU Marathon.

Der Transylvania100 gehört zu den legendären 100km-Läufen und hat seit 2022 einen kleinen Bruder. Das gleiche Team organisiert auch den OMU Marathon mit seinen 42 Kilometern und 3.200 Höhenmetern, der wie der große Bruder am Dracula-Schloss in Bran, Rumänien, startet. Die Erstausgabe ertrank 2022 im Regen – und auch 2023 regnet es seit dem Vortag nahezu konstant. Fast die Hälfte der Angemeldeten hat sich abschrecken lassen – wir anderen starten pünktlich um 9:00 aus dem Schlosspark auf die Straße, in den Wald und auf langsam aufwärts mäandernde Wirtschaftswege. Die Sicht liegt zwischen 50 und 100 Metern.

Nach der Nässe kommt die Kälte

Nach rund 7km sind wir auf 1.000 Metern. Nun startet der echte Anstieg. Hoch, immer weiter hoch. Ab und zu eine laufbare Passage, dann geht es weiter rauf. Ab 2.000 Metern wird es kalt. Ich verstehe jetzt, warum Handschuhe zur umfangreichen Pflichtausrüstung gehören.

OMU Marathon 2023
OMU Marathon 2023 © Alex Bulgariu

Wenn der Wind die Wolken kurz beiseiteschiebt, zeigt sich eine atemberaubend schöne Landschaft. Wild und einsam. Grüne Hochtäler und wilde Bergkanten zeichnen eine dramatische Kulisse. Wir laufen nicht nur durch die Heimat von Vlad Dracul, der historischen Vorlage des legendären Graf Dracula, sondern auch durch eine Landschaft voller Mythen und Legenden. Wie schnell die Toten hier in Transsilvanien wirklich reisen, sei mal dahingestellt – heute sind wir Trailrunner definitiv schneller.

Ich bin lange in den Top 10 unterwegs. Die fast komplette Wettkampf-Auszeit 2023 zahlt sich aus – der Körper will Laufen, Klettern, Kämpfen. Ich sehe nur noch selten eine andere Person über die regennassen Singletrails laufen oder die steilen Anstiege hochklettern. Nach dem Scara-Gipfel trennen sich die beiden Strecken „Scara Skyrace“ (rund 25km und 1800hm) und „OMU Marathon“. Es wird noch einsamer, aber immerhin ist der Weg jetzt temporär auf der windgeschützten Seite des Berges.

Plötzlich geht es durch einen dichten Bodenwald extrem steil bergab. Irgendwann nähert sich tatsächlich ein Läufer, überholt mich am Ende dieses Ästemassakers und setzt sich ab. Nach einer der wenigen Verpflegungsstellen – auf einem idyllischen Plateau mit umherlaufenden Pferden – sehe ich ihn wieder und hole ihn beim Aufstieg wieder ein.

„Good luck!“

Dachte ich, bisher sei der Track anspruchsvoll, zeigen die Karpaten jetzt ihr wahres Gesicht. An eine Felswand ist in großen, weißen Lettern eine Warnung angepinselt. Ich hoffe, es geht nur um den steilen Weg… Und der hat es in sich. Erst steigen wir seilversichert nach oben, dann bieten Ketten einen etwas sichereren Halt. Wir klettern dicht hintereinander, helfen uns mit Tipps für sinnvolle Tritte – und sind ansonsten komplett allein. Hier steht keine Bergwacht und passt auf. Von oben läuft uns das Wasser in kleinen Bächen durch die wenigen Trittmöglichkeiten entgegen. Nach dem Aufstieg ziehe ich alleine weiter. „Good luck,“ ruft mir der rumänische Läufer hinterher.

OMU Marathon 2023
OMU Marathon 2023 © Alex Bulgariu

Die Wolken schieben sich kurz etwas auf – mir bleibt die Luft weg. Was für ein Panorama. Aber stehenbleiben ist keine gute Idee. Ich friere. Überall. Und meine Finger sind komplett taub. Ich möchte endlich von diesem Berg runter und ins Warme. Aber der Weg bleibt noch eine Weile hier oben. Eigentlich wäre das wunderbar laufbar, aber die Beine sind zu kalt und unsicher geworden. Und in dieser Abgeschiedenheit möchte ich auf keinen Fall umknicken oder mich sonstwie verletzen.

Irgendwann tauchen kleine Bäume auf. Dort muss es runter gehen, denn Bäume habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Kaum drin, verfluche ich den Mikrowald. Ein enger, komplett unter Wasser stehender Matschweg windet sich gerade mal schulterbreit durch die widerborstigen Nadelbäume. Immerhin weht hier kein Wind mehr.

Erst steil und technisch, dann steinrutschig, dann matschrutschig

Als es wieder ernsthaft bergab geht, wird es endlich wärmer. Der Regen lässt auch langsam nach, die Sicht wird freier. Ich bin froh, dass es heute nur ein Marathon ist. Die letzte Energie kann in den Abstieg gesteckt werden. Erst steil und technisch, dann steinrutschig, dann matschrutschig. Nach diversen kleinen Gegenanstiegen dann der Endgegner: Ein langweiliger, matschiger Hohlweg bringt uns aus dem Gebirge auf Normallevel. Rund 600 Meter geht es runter, bei rund 3km Distanz. Und jeder Schritt rutscht. Kurz danach stoße ich wieder auf den Hinweg und es mäandert zurück.

Der jetzt freie Blick deutet an, was wir oben hätten sehen können. Traumhaft schön. Ich renne durch die letzte VP. Jetzt brauche ich auch nichts mehr. Anders als beim Hinweg wartet noch ein wunderschöner, recht steiler Waldweg, der am Ende in eine inoffizielle Führung durch die Nebenareale des Schlosses Dracula mündet. Zurück im Schlosspark laufen die nassen Finisher*innen an ein paar Besucher*innen vorbei Richtung Zielbogen, wo uns ohrenbetäubende Vuvuzelas empfangen.

Ich bin fix und fertig, glücklich über Platz 15 overall und Platz 6 der AK. In der DACH-Wertung wäre es Platz 1, aber es ist – entgegen der Anmeldungen – auch nur ein weiterer DACH-Läufer auf der Marathon-Distanz gestartet.

Abenteuer Karpaten

OMU Marathon 2023
OMU Marathon 2023 © Aniela Stan

Laufen in Transsilvanien ist definitiv ein Abenteuer. Kaum Streckenposten, kein Race Briefing. Dafür umfassende Pflichtausrüstung und Zeitstrafen, wenn man ohne erwischt wird. Man muss selber auf sich achtgeben.

Mit seiner Austragung im September hat der OMU Marathon eine realistische Chance auf gutes Wetter und Picture Perfect Bilder. Vielleicht ja beim dritten Mal. Dann kriegen die – wirklich lieben – Verpflegungsstellen vielleicht auch etwas von der Sportnahrung gestellt, die über den in 2023 neuen Sponsor einfach zu beziehen sein müssten und bei einem so fordernden Lauf genau die richtige Energie geben würde. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Tobias Gerber

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